Willkommen in Yusan. In den vier Provinzen des Reiches herrscht Unruhe. Der Gottkaiser wurde abgesetzt, ein neuer Herrscher hat die Macht übernommen und sich des göttlichen Artefakts bemächtigt.
Der Usurpator auf dem Schlangenthron weiß, dass die Abenteurer, die einst im Auftrag des Drachenkönigs auszogen, um die anderen magischen Artefakte zu stehlen, erfolgreich waren. Drei der göttlichen Hinterlassenschaften hat die mittlerweile auf vier Gefährten geschrumpfte Truppe gesichert. Dass sich unter ihnen inkognito Abkömmlinge der königlichen Familien der vier Provinzen befinden, macht sie für den neuen Herrscher besonders gefährlich.
Kein Wunder also, dass der Kaiser eine nie dagewesene Belohnung für ihre Ergreifung auslobt – wer ihm einen der vier lebend bringt, erhält eine Million Goldstücke.
So stehen unsere Streiter wider das Unrecht vor einer kaum lösbaren Aufgabe: Überall um sie herum lauert Verrat, und selbst untereinander sind sie sich ihrer Verbündeten selten sicher. Um das Schlimmste aufzuhalten und Gerechtigkeit walten zu lassen, müssen sie dennoch vertrauensvoll zusammenarbeiten …
Die in Korea geborene und im Big Apple aufgewachsene Autorin schließt ihre High-Fantasy-Trilogie mit diesem Band schlüssig ab. Eine kleine Möglichkeit einer Fortsetzung zeichnet sich im letzten Kapitel ab, bislang ist jedoch nichts angekündigt.
Die Trilogie wurde und wird sowohl im angloamerikanischen Sprachraum als auch hierzulande zu Recht gelobt. Das Setting, das entfernt an antike koreanische Vorbilder erinnert, ist überzeugend, die Fährnisse markant, der Spannungsbogen hoch.
Allerdings bietet der vorliegende Teil gerade im ersten Drittel des Buches etwas Leerlauf. Hier wird viel intrigiert, verfolgen unsere Protagonisten letztlich ins Leere laufende Spuren, und im Gesamtbild geht es kaum voran.
Stattdessen nutzt Corland den Raum, um ihre Figuren weiter auszuarbeiten, ihre jeweilige Motivation zu beleuchten und uns die intriganten und machtgierigen Adeligen des Reiches näherzubringen. So reisen wir durch die Provinzen, lernen Land und Leute sowie unterschiedliche Mentalitäten kennen, ohne dass die Handlung entscheidend an Fahrt gewinnt.
Wie bisher springt die Perspektive in jedem der kurzen Kapitel zwischen den Mitgliedern der Truppe hin und her, was sich auch stilistisch durch die Verwendung unterschiedlicher Ausdrucksweisen widerspiegelt.
Nach wie vor verfolgt jeder der ambivalent gezeichneten Protagonisten insgeheim seine eigene Agenda, bis sich im großen Finale die Kräfte bündeln.
Es gibt die erwarteten wie auch überraschenden Wendungen, zahlreiche Gefahren und Geheimnisse und – ja – auch herbe Verluste. Hier konzentriert sich Corland noch einmal ganz auf ihre Figuren, nimmt uns mit und zieht uns förmlich in die Handlung hinein.
Alles in allem bietet diese Trilogie inmitten des derzeit so angesagten Romantasy-Allerleis eine wohltuende Ausnahme. Nach einem verhaltenen Auftakt geht es mit zunehmender Intensität auf das große Finale zu. Ich saß gebannt vor dem Buch, das ich am Ende zufrieden zuklappte. Fantasy abseits großer Schmetterlinge im Bauch – dramatisch, packend und vielschichtig. Bitte mehr davon.
Mai Corland: Three Shattered Souls – Macht ist Lüge
(Three Shattered Souls, 2025)
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Nadine Mutz, Nadine Püschel und Gesine Schröder
Fischer TOR Verlag, Dezember 2025
478 Seiten, gebundene AusgabeEuro 25,00
Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.
