Åsa Hellberg: Vega Varg: Das Schweigen der Insel

Die Grenzregion zwischen Schweden und Norwegen ist ein beliebtes Setting in Skandinavien-Krimis. So auch in Åsa Hellbergs Auftakt ihrer Vega-Varg-Reihe, mit der die Autorin, die sich bisher mit Liebesromanen einen Namen gemacht hat, Neuland betritt. Liebe bzw. Sex spielen auch im ersten Fall eine zentrale Rolle.

Auf der Insel Südkoster wird ein junger Mann, Fredde Skog, ermordet. Kurz danach verschwindet Meja Kron, die Ehefrau eines prominenten norwegischen Politikers. Sie gehört einer Gruppe von vier Immobilienmaklern an, die für ein Team-Retreat auf die Insel gekommen sind, um ihre Gruppendynamik zu verbessern. Die hat es in sich.

Jede/r hat etwas mit jeder/m. Es wird munter durcheinander koitiert, und natürlich dürfen Drogen nicht fehlen. Außerdem befindet sich eine betrogene Ehefrau auf der Insel, die ihrem untreuen Mann hinterherspioniert. Auch Fredde scheint mit Meja geschlafen zu haben.

Verdächtig sind vor dem ausschweifenden Hintergrund natürlich alle. Abgesehen von den Ermittelnden, Vega Varg und ihrem Freund und Kollegen Leopold. Kein Wunder: Sie haben keinen Sex.

Auffallend ist die Anhäufung unterwürfiger Frauen. Die einen wollen sexuell dominiert, gar bestraft werden, eine andere lässt sich betrügen und demütigen, um ja diesen egozentrischen Widerling nicht zu verlieren. Schließlich »profitiert« auch sie »von dem potenten Hengst«. Ob Hellberg das kritisch beleuchten möchte, wird aus ihrer Darstellung nicht klar ersichtlich. Vielleicht ja dadurch, dass keine/r der Beteiligten mit der Situation glücklich ist. Leider wirkt das Ganze zeitweise denn doch zu übertrieben und zu klischeehaft.

Die Ermittlungen werden allmählich immer verworrener. Wurde Meja ermordet? Hängen die beiden Fälle vielleicht zusammen? Welche Rolle spielt Freddes gewalttätiger, ständig betrunkener Vater? Und was hat das mit Vegas Ehemann Peter zu tun, der vor über 20 Jahren ermordet wurde? Der Fall wurde nie aufgeklärt. Dass ihre Tochter Moa sich ausgerechnet jetzt seit Tagen nicht mehr meldet und auf keinen Anruf reagiert, macht die Sache für Vega nicht gerade leichter. Könnte auch ihr etwas zugestoßen sein?

Spannung erzeugt Hellberg nicht nur durch den immer komplexer werdenden Fall, sondern vor allem durch die geschickte Struktur des Plots. Die Schilderung der laufenden Ermittlungen und aktuellen Ereignisse wird immer wieder durch zwei verschiedene Rückblenden unterbrochen, die zum einen Peters Tod und die traumatischen Folgen für Vega betreffen. Zum anderen werden die letzten vier Tage vor Freddes Ermordung, ganz aus seiner Sicht, geschildert. Nach und nach werden so die Zusammenhänge enthüllt, bis dann auf den letzten Seiten noch ein paar Überraschungen auf die LeserInnen warten.

Charakterliche Tiefe entwickelt allein die Hauptfigur, Vega Varg. Auch ihren Freund und Kollegen Leopold kann man als runden Charakter ansehen.

Daneben gibt es zwei Randfiguren, die in den weiteren Bänden (in Schweden erschienen ist bisher der zweite Fall) zentrale Rollen spielen könnten: Vegas Söhne Hugo und Linus, die ebenfalls Polizisten sind. Dass sich Hellberg in »Das Schweigen der Insel« zunächst auf die Titelfigur konzentriert, ist nachvollziehbar. Vegas Vielschichtigkeit, ihre Stärken und Schwächen werden klar und überzeugend herausgearbeitet, und so kann man auf ihre weitere Entwicklung gespannt sein.

Åsa Hellberg: Vega Varg – Das Schweigen der Insel
Aus dem Schwedischen übersetzt von Ricarda Essrich und Franziska Hüther
Heyne Verlag, Mai 2026
400 Seiten, Taschenbuch, 17,00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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