Das Cover in blassblau, Blick über den Bodensee, im Hintergrund ahnt man die Berge, vorne ein Steg, ein kleines Boot auf der glatten Wasserfläche. Dazu mehr als Ahnung denn erkennbar der Kopf einer Frau, einzelne lockige Strähnen fallen auf. Das Cover wirkt nicht wie ein schöner sonniger Tag am See, eher etwas beklemmend und passt daher gut zu der Geschichte, die uns erwartet. Genau wie die zunächst etwas seltsam anmutenden Kapitel-Überschriften. „VORBEI. Herbst. Ein Täter. Bodensee“ oder „Als alles begann. Sommer. Eine junge Frau. Mittelmeer“. So wird man als Leser zwischen den verschiedenen Erzähl- und Zeitebenen begleitet, weiß eigentlich immer, wo man gerade ist. Kein Wort zu viel! Das wiederum passt gut zu Kommissar Richard Heinzle, der grade alles andere als begeistert ist, sich um eine Mordermittlung zu kümmern. Und dann noch eine, die einem echt nahe geht. Heinzle braucht Zeit. Zeit für sich, um den Tod seiner Frau zu verarbeiten, nicht um zu ermitteln. Aber danach fragt grade keiner. Das Verhältnis zwischen Heinzle und Georg, seinem Chef, ist eh anscheinend nicht das beste, der Ton ist nicht unbedingt freundschaftlich, auch wenn sie dann doch gut zusammenarbeiten. Heinzle muss sich fügen und findet sich bald im wohl emotionalsten Fall wieder, den er je zu lösen hatte. Gott sei Dank mit der Unterstützung des Psychologen und Profilers, seinem Freund „Sense“ – eigentlich Sononer, der hinzugezogen wird und Sissi Kirschbaum, der Gerichtsmedizinerin, die ganz gerne eine wichtigere Rolle in Heinzles Leben spielen würde, aber dazu ist Heinzle nicht bereit.
Am Ufer des Sees wird die Leiche eines kleinen Kindes gefunden, Kind einer jungen Frau aus Vorarlberg und eines in der Migrantenszene einflussreichen Mannes, dessen Macht sehr weit reicht. Beide sind nicht verheiratet, gehen unterschiedlich mit dem unvorstellbaren Verlust um. Es bleibt nicht bei dem einen Toten, Heinzle sucht Verbindungen und dringt immer tiefer ein in Bereiche, in denen er einfach nicht zuhause ist. Es geht um Flüchtlinge, Abschiebepraxis und Einflussnahme, um „Gotteskrieger“ und religiösen Fanatismus, falsch verstandenes Ehrgefühl und unterschiedliche Moralvorstellungen, um Rassismus und nicht zuletzt um Rache. Heinzle hat schwer zu knabbern an dem Fall, aber auch an seinen Einstellungen und am Verhältnis zu seiner Tochter, das heftig belastet wird. Dank „Sense“ werden die Wogen zwar immer wieder geglättet, aber zum Nachdenken wird Heinzle dennoch gezwungen.
Die Charaktere sind toll herausgearbeitet, wirken einfach echt und authentisch, auf der Seite der Ermittler ebenso wie auf der Seite der „Bösen“. Die Geschichte wird mit vielen Wendungen interessant und gut erzählt, der Schluss packt.
Der Bodenseekrimi lässt das idyllische Urlaubsparadies in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Rebekka Moser: Tief
emons, März 2026
336 Seiten, Taschenbuch, 14,40 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
