Stella Gaitano: Eddos goldenes Lächeln


Die Tragödien eines Landes werden in dieser wunderschönen, magisch anmutenden Erzählung anhand einzelner Familienschicksale verdeutlicht. Seit dem Abzug der Kolonialmächte erlebt der Sudan ein ständiges Auf und Ab an Militärputschen, Bürgerkriegen, Repressionen, Hungernöten und Flüchtlingsströmen. Von alledem bekommt die kleine Irinu alias Lucy kaum etwas mit. Sie lebt in einem kleinen Dorf im Südsudan nach traditioneller Art unter Menschen, die noch an Götter und Flüche glauben. Von so einem Fluch ist Lucys Leben bestimmt. Nachdem ihre Mutter Eddo 10 Kinder im Säuglingsalter verloren hat, hat sie sich an das elfte nicht mehr emotional binden wollen. Eddo gibt ihrer Tochter den Namen „Irinu“, übersetzt „Die Vielscheißerin“. Dieser schreckliche Name soll böse Geister von ihr fernhalten. Durch die Christianisierung des Dorfes erhält Irinu schließlich den Namen Lucy. Das Mädchen wird von allen Familien des Dorfes gemeinsam erzogen, Eddo scheint zunehmend verrückter zu werden. Erst als sie heranwächst, nähert sich Eddo ihrer Tochter an und weist ihr eine Aufgabe zu: Lucy soll Eddos tote Kinder wieder zur Welt bringen und möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen.

Stammeskultur trifft auf Moderne
Mit ihrem Ehemann Marco reist Lucy in den Norden des Landes in die Hauptstadt Khartum. Ihr Mann möchte dem drohenden Bürgerkrieg des Landes entfliehen und hofft auf ein besseres Leben in der Hauptstadt. Dort wird Lucy nicht nur ihre Mission erfüllen. In der modernen Großstadt wird sie mit einer völlig neuen Art von Leben konfrontiert. Sie, die ohne Elektrizität, Automobile und Bildung aufgewachsen ist, ist von ihrer Umgebung zunächst überfordert. Das junge Paar kommt im Haus von Marcos Freund Peter unter, der ein hochrangiger Militär ist. Marco findet einen Job in der Tourismusbranche der boomenden 70er Jahre, Lucy geht Peters Ehefrau Theresa bei der Hausarbeit und Kindererziehung zur Hand. Auch wenn Peter und Theresa die „rückständige“ Lucy zunächst belächeln, wird sie bald zur guten Seele des Hauses. Denn ihr wohnt eine reine Unschuld inne, ein Kampfgeist und eine Liebe, die in den folgenden schreckensgebeutelten Jahren der Militärputsche, Folterungen und Massaker, der Einführung der Scharia und des Zusammenbruchs des Landes als wahrer Lichtquell dient.

Überleben im Bürgerkriegsland Sudan
Meisterlich beschreibt Stella Gaitano die Schrecken jener Zeit in den 80er Jahren, die bis in die Gegenwart nachhallt. Die Hungersnot in Dafur und die größten Binnenflüchtlingsströme der Welt lassen den Sudan und Südsudan bis heute nicht zur Ruhe kommen. Sie berichtet von Bräuchen und Riten, die rückständig anmuten, und lässt sie mit die Moderne kollidieren, die sich barbarisch und grausam zeigt.

Dies alles beschreibt sie aber nicht politisch, sondern bleibt ganz nah an den Menschen. Vor allem an den Frauen. Denn diese haben bereits abseits aller politischen Unruhen viele Schrecken zu ertragen. Da wären die weibliche Genitalverstümmelung/Beschneidung oder Ehen, in denen Gewalt an der Tagesordnung ist. Da gibt es aufrechte Männer wie Peter und Marco, die ihren Weg gehen und sich anpassen müssen, in der Zwickmühle zwischen eigenen Werten und dem, was sozialen Aufstieg verheißt. Und es gibt Frauen wie Peters Schwester Dschalaa, die sich beruflich und privat emanzipieren. Diese Spirale von Gewalt, Neubeginn und Zerstörung beschreibt Gaitano mit einem Hauch von Mystizismus.

Jedes Kapitel aus Sicht einer anderen Person erzählt
Ein kluger schriftstellerischer Schachzug erlaubt uns einen Blick in die Seele der Akteure in einem Land der ethnischen und religiösen Vielfalt. Jedes Kapitel wird aus Sicht eines der Protagonistinnen und Protagonisten geschildert, Lucys und Eddos Geschichte wird aus auktorialer Sicht beschrieben. So tauchen wir beim Lesen in verschiedene Gefühlswelten ein, wechseln die Perspektive. Wir beobachten, verstehen, lehnen ab oder freuen uns mit den Beteiligten.

Stella Gaitano schreibt aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Auch sie wurde im Südsudan geboren, dort aufgrund des Bürgerkriegs vertrieben, lebte in der Hauptstadt Khartum und musste mehrmals fliehen. Sie schrieb während ihres Studiums erste Kurzgeschichten und Bücher auf Arabisch, betätigte sich als Menschenrechtsaktivistin. Seit 2022 ist sie durch ein Stipendium des PEN International Writers-in-Exile-Programms nach Deutschland gekommen, wo sie seitdem im Exil lebt.

Wunderschön und tragisch zugleich, mit hoffnungsvoller Botschaft, viel Mystik und Menschenliebe – ein Buch über ein zerrüttetes Land, das viele nur aus den Nachrichten kennen und das hier menschlich zugänglich gemacht wird. Ausgezeichnet mit dem PEN Translates Award.

Stella Gaitano: Eddos goldenes Lächeln.
Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender.
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2026.
288 Seiten, gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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