Grégory Cingal: Die Letzten auf der Liste

Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Autor Grégory Cingal, wie Kriegsgefangene wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Buchenwald untergebracht werden. Sie erleben einen Bombenhagel, der die benachbarte Fabrik zerstört und damit die Produktion weiterer Waffen verhindert. Darüber hinaus erfahren sie, dass es eine medizinische Abteilung gibt, in der Lagerinsassen für Untersuchungen ihre Gesundheit und ihr Leben verlieren. Und was sie direkt erkennen müssen: Das Kriegsrecht ist eine ferne Option geworden.

Sie leben mit dem täglichen Schrecken, wenn über Lautsprecher Häftlingsnummern – darunter vielleicht auch ihre eigene – aufgerufen werden. Die Aufgerufenen wissen in diesen Momenten, dass sie auf der Liste stehen. Und Listen werden abgearbeitet. Systematisch, bis jeder den Status ‚vernichtet‘ hat.

Dieses Verstehen und Begreifen macht aus ihrem Schrecken einen aufgeklärten Schrecken. „Der Vatikan, London, ja selbst Moskau können das nicht verstehen. Wer die Qual der Folterbank, das Scheißekommando, den nicht endenden Appell im Schnee nicht erlebt hat, kann das nicht verstehen. Wer nicht den vom Nordwind herangetriebenen Gestank von brennendem Fleisch geatmet hat, wird das nie verstehen können.“ (S. 219)

Aus den Geschichtsbüchern und alten Bildern ist dieses Grauen sichtbar geworden. Bis auf die Knochen abgemagerte Körper, die so wenig Nahrung erhielten, dass sie sich letztendlich selbst verdauten. Der routinierten Brutalität zu entfliehen ist das Thema dieses Romans geworden.

Grégory Cingal beschreibt, wie Interessengruppen, unterscheidbar durch ihre Herkunft, ihre Religion, sexuelle Orientierung oder politische Gesinnung, mal gegeneinander und mal miteinander arbeiten. Und wenn Offiziere kurz vor ihrer Exekution fliehen, ist dies nur im Zusammenspiel unterschiedlicher, geheimer Organisationen möglich. Das Unmögliche für einen Fremden zu riskieren, zeigt eine Menschlichkeit, die man an Orten wie Buchenwald nie vermuten würde. Und dies ist die Stärke des Romans. Man erkennt und spürt den Widerstand in einem totalitären System.

Grégory Cingal ist Schriftsteller, Archivar und Übersetzer. Sein Lebensthema sind Schriftsteller, die sich mit den drastischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts kritisch auseinandergesetzt haben. Und dies merkt man seinem Roman häufig an, wenn er in Einschüben auf andere Bücher oder Verfilmungen hinweist oder auf Besonderheiten einzelner historischer Personen Bezug nimmt. Mit diesen Querverweisen erhält der Roman eine sachliche Ebene, die zu einer weiterführenden Lektüre motiviert.

Die Naziherrschaft und das damit verbundene unermessliche Leiden beschreibt Grégory Cingal in seinem Roman nüchtern. Aus der Distanz – durch Wort und vergangene Zeit – kann man die Ansicht vertreten, die Aufarbeitung von Massenmord sei mit Hilfe eines nüchternen Erzählstils leichter zu lesen. Man könnte fragen, muss man bei einer Operation persönlich zuschauen, um das Ausmaß eines Krebsgeschwüres tatsächlich zu begreifen?

Dadurch, dass auch heute wieder revidierende „Fakten“ für die Umschreibung geschichtlicher Ereignisse genutzt werden und Zeitzeugen nahezu ausgestorben sind, bleiben nur noch die Autorinnen und Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts, die ihre persönliche Wahrnehmung in Büchern verarbeitet haben. Wer die Traumata von Gewalt und Krieg gegen die Zivilbevölkerung überwunden hat und darüber schreiben konnte, verdient Aufmerksamkeit. Und auch hier setzt Grégory Cingal an.

Grégory Cingal: Die Letzten auf der Liste
Aus dem Französischen übersetzt von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Kunstmann Verlag, März 2026
304 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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