Eine rohe, fast gehetzte Sprache; vorwärtstreibende, mal verflochtene, mal stakkatoartige Sätze. Inhaltlich mäandernd, assoziativ. Einen Plot gibt es nicht. Stattdessen einen Parforceritt durch Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin, verwoben mit all den schmutzigen Themen der Gegenwart: Umweltzerstörung, Pädophilie, abgehobene Finanzeliten, Faschisten in Charlottesville und im Weißen Haus. Erbarmungslos seziert sie ihre Umwelt, decouvriert Dünkel und Verlogenheit – und sich selbst.
»Crudo« ist das in jeder Hinsicht beeindruckende Romandebüt von Olivia Laing, die sich schon zuvor einen Namen als Memoir-Schreiberin und Essayistin gemacht hat. Ihre literarische Herkunft liegt auch diesem Buch zugrunde, denn ihre Hauptfigur ist eine Melange aus ihr selbst und Kathy Acker, der 1997 verstorbenen »Queen of Punk«, die sie immer wieder ohne Kennzeichnung zitiert (die Quellen finden sich im Anhang).
Die 40-jährige Schriftstellerin Kathy berichtet über sich selbst, über ihr Leben, ihre Ängste und das bedrückende politische Klima insbesondere in Trumps Amerika und im rechtsdrehenden Europa. Dabei erzählt sie in der 3. Person (»Kathy, also ich, wollte heiraten. Kathy, also ich, war gerade mit dem Flieger aus New York gekommen.«), als wollte sie sich von sich selbst distanzieren, um sich umso besser analysieren zu können.
Was nicht verwundert, denn was wir über sie erfahren, ist widersprüchlich und nicht immer sympathisch. Sie liebt Luxus und Bohème, aber verachtet die „Reichen und Schönen“; sie kennt Gott und die Welt, ist promiskuitiv, aber sehnt sich nach Stille und Einsamkeit; ist hitzig und leidenschaftlich, und doch liebt sie Eis und Kälte; und sie schreibt Romane, deren Geschichten sie anderen gestohlen hat.
Auch wenn sie von sich selbst behauptet, eine notorische Lügnerin zu sein, und man das eine oder andere bezweifeln mag, so ist Kathy dennoch eine messerscharfe, eine gnadenlose Beobachterin. Das gilt für andere, ebenso wie für sie selbst:
»Sie war nicht dumm. Sie war nur gierig. Für sie musste es stets das erste Mal sein. … Jetzt war sie cool, aber alt, hip, aber faltig, … jetzt war sie ausgetrocknet, war sie so kalt und braun und flach wie eine weggeworfene Scheibe Toast.«
Der Anlass für Kathys Gesellschafts- und Persönlichkeitsanalyse ist ihre bevorstehende Heirat mit einem Mann, von dem sie behauptet, ihn zu lieben, während sie mit ihm streitet. Sie zweifelt, ob sie sich auf so viel Nähe einlassen kann. Andererseits gehört er dem Geldadel an und soll ihr den Traum von luxuriöser Zufriedenheit erfüllen. Woran sie ebenfalls zweifelt, denn »wie konnte es einem gut gehen, wenn man um die Neigungen der Menschen wusste, ihren Hang zur Grausamkeit.«
Eine Eigenschaft, die auch ihr nicht fremd ist:
»Kathy war eine linke Zecke, ein Gutmensch, aber sie war auch eine Bikerbraut, ein Freigeist, leben und sterben lassen, drauf geschissen, ihretwegen konnten sich die Leute gegenseitig massakrieren, wenn sie denn wollten, das Einzige, was sie wirklich hasste, war ein rassistischer Cop mit Knarre, nackt durch die Straßen treiben, das Pack, wie eine Rotte Wildschweine.«
»Crudo« ist die literarische Reise einer Frau, zerrissen zwischen dem Versuch zu lieben, in einer wenigstens für Momente heilen Welt, und der Unausweichlichkeit menschlichen Grauens, zwischen persönlichem Glück und einer Live-Vergewaltigung auf Instagram, zwischen opulentem Dinner und Schüssen auf Flüchtlingsboote im Mittelmeer.
Der Titel sagt es bereits: Den Inhalt serviert Laing »roh« und ungeschminkt. Was nicht allen gefallen wird, zumal man sich auf die ständig abschweifenden, und dennoch nicht unverbundenen Gedanken einlassen und konzentrieren muss. »Crudo« ist ein inhaltlich, emotional und sprachlich mitreißender Roman, der einen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick auf die gegenwärtige Welt wirft.
Olivia Laing: Crudo
Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Mohr
btb, Mai, 2026
160 Seiten, Taschenbuch, 14,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
