Eigentlich hat Maia Bohm schon privat genug auszuhalten, da muss eigentlich nicht gleich am ersten Tag im neuen Job in Motala, wo sie sich hat hin versetzen lassen, ein Fall auf sie einstürmen, die sie mehr in Beschlag nimmt, als ihr guttut.
Der Grund für ihre Versetzung war die schwere Krankheit ihres Sohnes. Der 13-jährige Tim braucht ein Spenderherz und soll, bis es einen geeigneten Spender gibt, in der Klinik behandelt werden. Maia ist mit Tim und seiner Schwester Ella deshalb nach Motala gezogen, wohnt wieder bei ihrer Mutter und ist alles andere als glücklich mit dieser Lösung, zumal sie sich dauernd anhören muss, dass sie nicht genug Zeit für Tim übrig hat. Doch der Fall Johan Sundin lässt Maia und ihrem Kollegen Greg kaum mal Zeit, Luft zu holen. Maia kämpft an allen Fronten. Tagsüber versucht sie, gemeinsam mit Greg, zu ergründen, wie es zu dem Überfall auf Johan Sundin kommen konnte, der schwerstverletzt im Koma liegt und wer ihm das angetan haben könnte. Oder ob es vielleicht sogar ein versuchter Selbstmord war? Die Nächte verbringt Maia am Krankenbett von Tim, während ihre Mutter sich um Ella kümmert. Eigentlich ist alles zu viel, aber Maia hat keine Wahl.
Das Brisante am Fall Sundin ist, dass vor exakt einem Jahr Johans Frau Amanda spurlos verschwunden ist. Bis heute weiß man nicht, was mit ihr passiert ist. Es wurde keine Leiche gefunden, trotzdem gehen alle davon aus, dass Amanda ermordet worden ist. Motala ist ein recht kleiner Ort, die Sundins kennt jeder. Bei den Ermittlungen zu Johans Unfall rückt natürlich auch der ungeklärte Fall um Amanda Sundin wieder in den Fokus. Die Akte ist zwar offiziell geschlossen, aber Maia, die damals ja noch nicht involviert war, schaut mit einem neuen, neutralen Blick auf die Ermittlungen von vor einem Jahr und entdeckt durchaus Ungereimtheiten. Es kommen einige unschöne Wahrheiten ans Licht, die den Fall Sundin, oder besser beide Fälle, in ein ganz neues Licht tauchen.
Der Krimi lebt von der Zerrissenheit Maias, ihrem Spagat zwischen guter Ermittlerin und noch besserer Mutter. Maia steht unter einem enormen emotionalen Druck. Was sie durchmachen muss, kann man sicher nicht nachempfinden, wenn man Ähnliches nicht erlebt hat. Die Angst um ein Kind, die Hoffnung auf ein Spenderorgan und darauf, dass der Körper das neue Organ dann auch nicht abstoßen wird, kann man nur verstehen, wenn man ansatzweise „mitreden“ kann. Die Figur der Maia bestimmt den Krimi. Sie wirkt absolut authentisch, sehr plastisch dargestellt mit all ihren Sorgen, Ängsten und Unzulänglichkeiten. Auch ihr noch neuer Partner Greg wirkt glaubhaft und authentisch, entwickelt sich im Laufe der Geschehnisse und ohne viele Worte zu einem guten Freund. Selbst immer mehr im Zweifel, was die eigentlich abgeschlossenen Ermittlungen angehen, mit sich nicht im Reinen, wird er für Maia ein verlässlicher Partner, der bereit ist, vorgefasste Meinungen über den Haufen zu werfen und sich Neuem zu öffnen. Die weiteren Figuren sind ebenfalls gut geschildert, tragen mit ihrer Widersprüchlichkeit und ihren offensichtlichen Geheimnissen wesentlich zur Spannung bei.
Dieser Krimi um eine verzweifelte Mutter und engagierte Ermittlerin, um die Problematik der Organspende ist emotional und berührend, ohne dass die Spannung leidet. Ein fesselnder Krimi, der ein bisschen Anlauf braucht, Spannung und persönliche Schicksale gekonnt verbindet.
Emelie Schepp: Julimord
Aus dem Schwedischen von Annika Krummacher
Piper, April 2026
496 Seiten, Paperback, 18,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
