Marc Raabe: Im Morgengrauen

Nach dunkel-lila, knallgrün und orange dann jetzt strahlend hellgelb! Wie immer mit schwarzem Farbschnitt und einem düsteren Tier auf dem Cover. Trotz der strahlend hellen Farbe wirkt auch dieses Cover wieder ein bisschen unheimlich, wie eben auch immer. Das Tier ist diesmal eine Eule. Welche Bedeutung sie in dem packenden Thriller hat, wird recht bald klar. Ein weiterer Fall für das ungleiche, aber sympathische Ermittlerduo Art Mayer, der es einem nicht leicht macht, ihn zu mögen mit seiner verschlossenen, schrulligen Art und seiner Neigung zu Alleingängen, mit denen er sich nicht selten in Schwierigkeiten bringt und Nele Tschaikowsky, die inzwischen Mutter ist, der aufgeschlossenere Part des Duos und wohl eine der ganz wenigen Menschen, die Art nicht nur als Kollegen, sondern als Freund bezeichnen und das auch so meinen. Auf Nele kann er zählen. Immer wieder und trotz all seiner gefährlichen Alleingänge, seiner Unzugänglichkeit zum Trotz.

Auch dieser Fall wird wieder ziemlich persönlich für Art, nicht nur, weil es wieder einmal um seine Bekanntschaft, ja frühere Freundschaft mit Bundeskanzler Henrik Westphal und seiner Frau Juli geht, sondern weil Art in Verdacht gerät, etwas mit dem Verschwinden des Kanzlers zu tun zu haben.

Westphal, der sich auch ganz gerne mal in Schwierigkeiten bringt und kein Kind von Traurigkeit ist, hat gerade mit bösen Anschuldigungen einer jungen Frau zu kämpfen. In Videos, die seit Kurzem viral gehen, erklärt sie, Westphal und sie hätten eine Affäre gehabt und nennt auch Details. Dabei ist ihr Gesicht nie zu sehen, nur ein Eulen-Tattoo auf ihrem Unterarm. Ist das echt oder Fake oder gar eine Kampagne, um Westphal zu schaden? Wenig später ist Henrik Westphal spurlos verschwunden. Die Stimmung in der Bundeshauptstadt ist aufgeheizt. Und dann wird in einem U-Bahnschacht unter dem Alexanderplatz die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ihr Tattoo lässt vermuten, dass es Kessy aus dem Video ist. Aber stimmt das? Art und Nele ermitteln eher parallel als gemeinsam mit der Sicherungsgruppe des Kanzleramts und wieder stellt sich die Frage, welche Rolle Juli, Henriks Frau und Arts große Liebe in der ganzen Sache spielt. Wie gewohnt hat Art so seine eigenen Methoden, seine Nähe zu Juli und Leuten aus dem Kanzleramt, die vor vielen Jahren einmal eine Clique waren, macht es ihm nicht leichter. Er steht unter Beobachtung und gerät ins Visier, als Blut gefunden wird, das eindeutig Henrik Westphal zuzuordnen ist. Art muss seine Unschuld beweisen, ohne zu wissen, wem er trauen kann – außer Nele.

Kurze Kapitel und der spannende Schreibstil machen es nicht leicht, den Krimi auch mal aus der Hand zu legen. Jeder der vier Bände um Art Mayer und Nele Tschaikowsky erzählt eine eigene Geschichte, aber immer geht es auch um Art und seine Jugendfreunde. Hochspannend von der ersten Seite an. Politische Machtspiele und Intrigen, schmutzige Geheimnisse, gefährliche Wahrheiten, interessante Schauplätze, Berlin mal ganz anders.

Art und Nele, die hervorragend zusammen agieren, jeder aber auch sein eigenes Päckchen zu tragen hat und den anderen nur bedingt in sein Leben lässt, sympathisch, schwierig, authentisch. Ein Thriller, der unbedingt zu empfehlen ist, auch wenn man die ersten drei Bände der Reihe nicht kennt. Man kommt ganz gut mit. Spannend, emotional, persönlich, menschliche Abgründe und persönliche Dramen. Am Ende bleiben dennoch Fragen offen. Vielleicht gibt’s ja ein Wiederlesen mit Art und Nele und allen, die dazu gehören.

Marc Raabe: Im Morgengrauen
Ullstein, Mai 2026
576 Seiten, Paperback, 17,99 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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