Es sollte für zwei Familien ein besonderer Urlaub werden. Die Voraussetzungen waren günstig: Eine Woche auf Mallorca, ein sehr warmer Herbst und ein überraschend günstiges Haus. Jedes Familienmitglied reiste mit konkreten Vorstellungen an. Zwei Personen erhoffen sich, die Risse in ihrer Ehe zu kitten; zwei Personen wollen ihre Vergangenheit weiterhin verbergen, eine weitere Person verlangt Klärung und ein Ende der Lügen, und eine Person hat Angst, einer anderen zu begegnen.
Die Casa de la Vora in Santanyí befindet sich am Ende einer Straße direkt an den Klippen und Felsenplateaus und ist für die zwei anreisenden Familien mehr als nur renovierungsbedürftig. Anfangs verharmlosen sie das offensichtliche Missverständnis. Doch am nächsten Tag stellen die Erwachsenen fest, dass Mallorca in den Herbstferien ausgebucht ist und sie sich in dem großen Haus arrangieren müssen. Unter den schwierigen Umständen hätten die Ehepartner ihre persönlichen Probleme vielleicht lösen können, wenn nicht das Unwetter, die Ermordung eines Familienmitgliedes und die Offenbarung der wahren Gründe ihres Zusammenkommens gewesen wären.
Im Thriller baut der Autor Till Raether die Eskalation langsam und stetig auf, in die zwei unterschiedliche Familien geraten. Schon während der Anreise zeigt er die schwelenden Konflikte zwischen den Ehepartnern, die durch Schweigen, Misstrauen, Arbeitswut und Ängste hervorgerufen werden. Nur die vierzehnjährigen Zwillinge und der achtjährige Juri scheinen in diesem Wirrwarr aus Verunsicherung und Vorwürfen die einzigen Vernünftigen in den Familien zu sein. Sie gehen offen aufeinander zu, respektieren sich gegenseitig, auch wenn Juri ständig seine Puppe Hedwig dabei hat und mit ihr redet. Also reden auch die Zwillinge mit Hedwig, als wäre sie Teil ihrer Gemeinschaft. Schnell finden sie mehrere Dinge heraus: Sie sind in Gefahr. Die Gefahr befindet sich im Haus, und auf die Erwachsenen ist kein Verlass.
Aus verschiedenen Perspektiven werden die Erlebnisse der Familien beschrieben, in denen Bedrohung und tödliche Gefahr den gemeinsamen Urlaub unaufhaltsam zerstören. Till Raether zeigt auf kurzweilige und spannende Weise, dass Verdrängtes aus der Vergangenheit stets im Handgepäck dabei ist. Niemand kann auf Dauer vor seinen Ängsten davonlaufen. Denn irgendwann fällt jede Lüge in sich zusammen, weil im Internet immer Spuren bleiben. Und das Internet vergisst bekanntlich nichts. Genauso wenig wie rachsüchtige Menschen.
Till Raether: Meeresdunkel
Rowohlt Polaris, April 2026
416 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
