Vorweg sei angemerkt: Ich bin ein Freund experimenteller, von den üblichen Erzählkonventionen abweichender Literatur.
Eigentlich.
Dieser Roman macht eine Ausnahme.
James Joyce soll über sein letztes Werk, das nach einhelliger Meinung unlesbare Finnegans Wake, gesagt haben, so wie er ein Leben lang gebraucht habe, es zu schreiben, bräuchten seine Leser auch ein Leben lang, es zu verstehen. Josef Oberhollenzer war wohl bemüht, dem zumindest nahezukommen.
Inhaltlich geht es um tote Touristen, die entweder gehäuft Unfällen zum Opfer fallen oder von einem Mörder »von den Gipfeln geputzt werden«, ohne dass dies den Übertourismus und seine negativen Folgen beendet hätte. Im Gegenteil, die Menschen strömen in noch größeren Massen als vorher. Soweit, so interessant.
Nun besteht die eine Hälfte des Buches (zu der anderen später) aus einem Zwiegespräch zwischen der Hauptfigur Werner Sellemond und einem gewissen »F«, der wiederum sagt, was Sellemond in dem Gespräch sagte. Trotz des die Erzählung einleitenden fiktiven Zeitungsartikels, der über die mysteriösen Todesfälle berichtet, geht es aber zunächst einmal gar nicht um dieses Thema, sondern um …, ja, was? Um den Kronplatz, einen Gipfel in Tirol, um Sellemonds Mutter, um Diashows, einen Urinfleck, Nuss-Bananen-Eis, eine Almhütte, bis endlich auf Seite 33 die toten Touristen zum ersten Mal erwähnt werden. Weiter geht es mit musikalischen Vorlieben diverser Personen, Alpakas und dem Abschaben der Borsten abgestochener Schweine.
Fragt man sich anfangs noch, was all diese Informationen mit dem eigentlichen Thema zu tun haben, und ob man sich die vielleicht alle merken muss, weil sie später einmal relevant und erhellend sein könnten, dürften die meisten spätestens auf Seite 50 zu der gegenteiligen Erkenntnis gekommen sein. Irgendwann wird dann auch tatsächlich über die Unglücks-/Mordfälle geredet, über Glück und Segen des Tourismus und die Tatsache, dass man mit ihm »leben und sterben« muss. Ich frage mich, wie viele es schaffen, so weit zu kommen.
Denn es gibt auch noch einen zweiten Teil. Auf jeder Doppelseite des Buches steht rechts der sich durch unzählige Details schlängelnde, erzählte Dialog (von einer Handlung, geschweige denn einem sich entwickelnden Plot, kann keine Rede sein). Die linke Seite ist zahllosen Anmerkungen vorbehalten – mit weiteren Dialogen und Fußnoten, z. B. zur Bedeutung bestimmter Südtiroler Vokabeln –, die ein weiteres Mal den ohnehin kaum vorhandenen Lesefluss unterbrechen. So man diese zusätzlichen Informationen, angesichts der schon vorher entstandenen Frage nach ihrer Relevanz, überhaupt lesen will.
Apropos Lesefluss: Josef Oberhollenzer ist ein sprachgewaltiger Autor, keine Frage. Es gibt zahllose kunstvolle, eigenwillige, kreative Formulierungen und Wortschöpfungen. Es ist selbstverständlich auch kein Manko, einzelne Passagen eines Romans zweimal lesen zu müssen, um eine elegante, komplexe Syntax und die Schönheit und Differenziertheit der Sprache voll zu erfassen. Hier gilt dies jedoch für das gesamte Buch. Oberhollenzers endlose, sowohl syntaktisch als auch inhaltlich verschachtelten und weitschweifigen Sätze erfordern allerhöchste Konzentration und mehrfaches Lesen, um nicht im Strudel der eingeschobenen Nebensätze und kunstfertigen Abschweifungen unterzugehen. Beispielhaft hier ein Auszug (der Satz zieht sich über drei Seiten):
»… mit dieser aussicht, die ihm immer in erinnerung geblieben sei, die sein gedächtnis immer wieder nach oben gekramt habe, ›sozusagen an die frische luft hinauf‹, habe er gesagt und gelacht, seit sie damals, ›seit wir damals‹, nämlich er und die vier jahre ältere schwester mit der mutter – es müsse ein montag gewesen sein, ihr freier tag auch im Ahrntal, beim Gasthof Kordiler, wo sie, warum auch immer, – sie habe immer wieder, wenn er sie gefragt habe, warum, wenn sie überhaupt etwas gesagt habe, etwas anderes gesagt, ›so als ob da ein geheimnis gewesen wäre‹, habe Werner Sellemond gesagt, mit ihrer dort verbliebenen verwandtschaft, ihre mutter sei ja eine ahrntalerin gewesen, habe es also wohl nichts zu tun gehabt – wo sie damals fast zwei jahre gekellnert habe – und inzwischen sei sie ja ausgestiegen aus dem kellnern, die füße, habe sie gesagt, und dieses lächeln den ganzen tag, und jetzt …« (Kleinschreibung im Original)
Sellemond ist kein Buch fürs zurückgelehnte, relaxte Schmökern. Dieses Buch ist Arbeit. Wer sich dieser Mühe unterzieht, wird immerhin belohnt werden mit sprachlichen Finessen und einem wahrhaft ungewöhnlichen Werk.
Josef Oberhollenzer: Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten.
Folio Verlag, September 2025.
286 Seiten, Hardcover, 26.00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
