Liann Zhang: Belladonnas

Chloe und Julie sind Zwillingsschwestern. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben, als sie noch sehr klein waren, und Chloe wurde adoptiert, während Julie bei einer Tante unter prekären Verhältnissen aufwuchs. Jetzt sind sie Jugendliche, fast schon erwachsen, wissen zwar voneinander, kennen sich aber nicht wirklich. Eines Abends erhält Julie einen Anruf von Chloe, der sie derart in Unruhe versetzt, dass sie bei der Schwester vorbeisehen will – und sie tot auffindet. Man hält die Tote für Julie und Julie wird zu Chloe. Übernimmt deren erfolgreiches Influenzerleben beinahe mühelos, niemand scheint Verdacht zu schöpfen, Chloe ist erfolgreicher denn je. So erfolgreich, dass sie auf den begehrten Inselurlaub der Belladonnas eingeladen wird – und jetzt erst erfährt, welchen Preis Erfolg haben kann.

„Belladonnas“ wird aus Julies Perspektive erzählt und ist ein durchweg spannender Roman. Witzig fand ich, wie staunend Julie als Chloe vor all den Pakten steht, die der Influencerin geschickt werden und wie überrascht sie ist, was man mit einem einzigen Video verdienen kann. Weniger gelungen fand ich die Erklärungen für die Vorgänge auf der Insel. Diese tiefe, schon religiöse Überzeugung, dass man für Erfolg etwas wirklich wichtiges Opfern muss (also nicht nur Zeit und Kraft, sondern etwas ganz konkretes, ein Auge oder ein Erstgeborenes). Glaubhaft dagegen fand ich den Druck, den die Belladonnas auf Neuankömmlinge ausüben und wie. Es scheint immer wieder zu funktionieren und sollte es dann doch nicht funktionieren, fliegt diejenige halt raus. Sehr gut dargestellt auch der Glaube der Mädchen daran, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen, sich aber dann in Alpträume verwandeln. Und die Frage, wenn man sich etwas Schreckliches wünscht und es dann in Erfüllung geht, ist man dann schuld am Unglück des anderen?

Insgesamt ein sehr lesbarer Thriller mit jugendlichen Protagonisten, aber schon kein Jugendbuch mehr, dafür wird es zu brutal. Ein sehr geschickt gewählter Blick in die Influencer-Alltage. Julie musste sich das alles nicht so mühsam erarbeiten wie Chloe, hat aber trotzdem den Blick des Neulings auf die ganze Sache. Das fand ich einen interessanten POV. Nicht dass Julie ihr Leben als Chloe bereuen würde, aber sie hinterfragt anders, als sie es tun würde, wenn sie schon 10.000 erfolglose Videos gepostet hätte und nach völligem Frust sich dann endlich der Erfolg eingestellt hätte. Dann hat man eine andere Einstellung zum möglichen Absturz oder zu gesichertem Erfolg. Man hat nie erlebt, wie schnell Follower verschwinden können, und eigentlich ist es auch nicht so furchtbar wichtig. Julie geniest den Erfolg, aber es ist nicht ihr ganzes Leben. Deswegen kann sie mit einem realistischeren Blick auf die Belladonnas schauen, als ihre Schwester das konnte. Ob ihr das helfen wird? Man wird sehen.

Liann Zhang: Belladonnas
Aus dem englischen übersetzt von Stefan Lux
Suhrkamp Verlag, 11 / 25,
Paperback, 366 Seiten, 20 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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