Ein Roman, der einem ans Herz geht – oder den man als totalen Kitsch abtut. Kann ja auch sein. Jedenfalls ist es ein Roman, der von ganz großer Liebe erzählt und von dem Versuch, jemanden ins Leben zurückzuführen, der den Spaß daran verloren hat. Warmherzig, liebevoll, anrührend und durchaus fesselnd zu lesen, wie Tilly nach und nach wieder lernt zu leben.
Vor fünf Monaten ist Joe, ihr Mann, an Krebs gestorben. Viel zu früh und schon kurz nach ihrer Hochzeit. Sie hatten viel zu wenig Zeit miteinander, es hätte noch so Vieles gegeben, was sie gemeinsam erleben wollten. Für Tilly ist das jetzt anscheinend alles vorbei. Sie hat keinen Spaß mehr an den Dingen, die sie früher gerne gemacht oder mit Joe noch geplant hat. Selbst das Lesen hat sie aufgegeben, das war früher immer ihr Rückzugsort, ihr liebstes Hobby. Seit Joe die Diagnose Krebs bekommen hat, hat Tilly kein Buch mehr angerührt, außer im Verlag, wo sie Biografien von Promis oder solchen, die es werden wollen, lektoriert.
Ihre Arbeit macht sie nach wie vor zuverlässig, aber ihr Privatleben hat sie irgendwo verloren. Doch dann erreicht sie am 5. Januar, ihrem ersten Geburtstag seit Joes Tod, ein Anruf von Alfie, dem Buchhändler in Tillys Viertel. Er bittet sie, in seinem Laden vorbeizukommen und ein Geschenk abzuholen, das dort für sie hinterlegt worden sei. Tilly sträubt sich innerlich zunächst dagegen, in die Buchhandlung zu gehen, überwindet sich dann aber doch. Das Geschenk entpuppt sich als ein von Joe liebevoll ausgesuchtes Buch, das sie als Kind sehr geliebt hat, begleitet von einem Brief, den Joe an sie geschrieben hat. Darin schreibt er, dass sie ab sofort an jedem ersten im Monat, ein Jahr lang, bei Alfie ein solches Geschenk abholen könne. Er habe die Bücher für sie ausgesucht. Tilly ist sprachlos und völlig überfordert, doch sie freut sich auch wahnsinnig über diesen Beweis von großer Liebe, den Joe ihr hinterlassen hat. Zunächst ein bisschen widerstrebend, dann immer neugieriger und freudiger, holt Tilly ab sofort ihre Geschenke bei Alfie, der ihr bald zum guten Freund wird, ab.
Jedes Buch ist anders, mit jedem Buch sagt Joe ihr etwas über sie. Mal ein Kochbuch, mit dem er sie an missglückte Gerichte erinnert und ermutigt, nicht aufzugeben, mal ein Buch über Wildcampen, das Tilly wahrhaftig dazu bringt, sich gemeinsam mit ihrer Freundin auf dieses Abenteuer einzulassen, mal ein Buch übers Ordnunghalten und Ausmisten, – endlich geht sie es an, ihr kleines Häuschen aufzuräumen und damit auch ein Stück Leben neu zu ordnen, ein Buch über New York, wo sie gemeinsam gewesen sind, mal ein Buch übers Laufen, das Tilly wirklich dazu bringt, wieder regelmäßig was für sich zu tun. Jedes Buch spricht eine andere Saite ihrer selbst an, mit jedem Buch kommt Tilly ein Stück weiter zurück ins Leben. Sie darf wieder leben und sogar auch wieder lieben, wie sie sich nach langem Hin und Her eingesteht.
Richtig schön zum Eintauchen und die Zeit vergessen, ein kleiner Schmöker, den man nicht aus der Hand legen möchte, bis man weiß, wie’s ausgeht. Vergessen Sie die Taschentücher nicht. Das ein oder andere könnten Sie brauchen.
Libby Page: Das Jahr voller Bücher und Wunder
Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt
Goldmann, Oktober 2025
496 Seiten, Paperback, 14,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
