Jens Lapidus: Mr. One

Der Traum vom schnellen Geld verspricht Macht und grenzenlose Unabhängigkeit. Doch die Schattenwelt der Metropolen ist ein Mahlstrom, in dem Respekt nur durch Gewalt erkauft wird. Die Desperados an der Spitze von Kartellen und Clans mögen kurzzeitig unantastbar erscheinen, doch die Uhr tickt unerbittlich. Am Ende wartet oft die Justiz – oder ein noch härteres Gericht. Denn wer an der Spitze steht, besitzt nicht nur Reichtum, sondern zieht auch unzählige Feinde an: loyale Konkurrenten, Verräter, die als „Ratten“ die Struktur aushöhlen, und rivalisierende Organisationen, die jede Schwäche als Einladung zum Angriff begreifen. Der Preis für den Thron ist ewige Paranoia.

Doch was, wenn das Gewissen erwacht? Was, wenn der Boss aussteigen will, weil die Verantwortung für sich und andere das Gangsterleben überwiegt? Der Wunsch nach Legalität wird zum ultimativen Himmelfahrtskommando, denn die Gefahr, liquidiert zu werden und alles Verlorene endgültig zu begraben, ist allgegenwärtig. Der Ausstieg ist der seltenste Traum der Unterwelt.

Jens Lapidus, selbst Rechtsanwalt in Schweden, gewährt in seinem Roman Mr. One einen tiefen Einblick in diese erbarmungslose Maschinerie. Seine Recherchen und Erfahrungen spiegeln sich in einer Authentizität wider, die unter die Haut geht.

Isak Nimrod will sich nach vielen Jahren als Boss der Unterwelt aus dem Gangstermilieu zurückziehen und ein legales Leben führen. Sofort beginnt ein wilder Kampf um sein Erbe. Wer wird der neue Mr. One? Diesen Platz möchte Kerim Celali einnehmen, der – anders als Isak – mit brutaler Gewalt regiert. Als Isaks Sohn Max verschwindet, setzt sich eine verhängnisvolle Spirale der Gewalt in Gang, in die auch der ehemalige Kleinganove Teddy hineingezogen wird, der als V-Mann ins Milieu eingeschleust wird. Der Krieg auf Stockholms Straßen hat längst die Vororte verlassen und hält Einzug in die schicken Viertel der Stadt. Niemand ist mehr sicher, wenn es um die tödliche Frage geht, wer in dieser düsteren Welt die Oberhand behält. (Verlagsinformation)

„Mr. One“ ist ein kompromisslos realistischer, zugleich überraschend introspektiver Thriller. Er lebt nicht von überdrehten Actionszenen, sondern von leisen, schonungslosen Dialogen und den komplexen Perspektivwechseln seiner Figuren. Sie alle stehen vor demselben Schicksalsdilemma: hinein in die Macht oder hinaus in die Legalität. Beides ist ein Spiel auf Zeit, eine gefährliche Wette mit dem Tod.

Der Autor beleuchtet die feinen Linien zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld und zeigt die Ehefrauen, Partner und Kinder, die unweigerlich in den Strudel gerissen werden. Die vermeintlich durchdachten Ausstiegspläne können in Sekundenbruchteilen zu Asche zerfallen. Dann zählt nur noch Improvisation – und die kennt noch weniger Gesetze.

Die wahre Stärke des Romans liegt in den präzisen Charakterstudien und den emotionalen Spannungsbögen, die er beim Leser auslöst. Zudem bietet er faszinierende Einblicke in den „kriminellen Baukasten“ – von der Manipulation einer Tatwaffe bis zur verschlüsselten Kommunikation im digitalen Zeitalter. Trotz einer gewissen erzählerischen Langsamkeit in einzelnen Passagen zahlt sich das geduldige Tempo am Ende aus. Das überraschende Finale stellt die Weichen für einen vielversprechenden weiteren Band. Ein intelligenter Thriller, der durch Realismus und psychologische Tiefe überzeugt.er, der durch seinen Realismus und seine psychologische Tiefe überzeugt.

Jens Lapidus: Mr. One
Aus dem Schwedischen übersetzt von Max Stadler
Verlag btb, August 2025
576 Seiten, Taschenbuch, Euro 17,00

Diese Rezension wurde verfasst von Michael Sterzik.

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