Christoph Peters: Entzug

Der deutsche Schriftsteller Christoph Peters (Jahrgang 1966) studierte Malerei und veröffentlichte 1999 seinen ersten Roman „Stadt Land Fluß“. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Am 18. März 2026 erschien im Luchterhand Literaturverlag Christoph Peters’ neuestes Buch „Entzug“ mit einem von ihm gemalten Motiv auf dem Cover.

Mit Alkohol oder …

„Entzug“ von Christoph Peters ist ein autofiktionaler Roman. Der Protagonist ist Schriftsteller und trägt den Namen des Autors: Christoph Peters. Er ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Und die hat es in sich. Sie besteht aus zwei Kapiteln. Das erste, kürzere mit dem Titel „Trinken“ ist für mich als Leserin das beeindruckendere. Das zweite Kapitel „Nicht trinken“ beschreibt den „qualifizierten“ Entzug der Hauptfigur in einem Berliner Krankenhaus.

Es ist das Jahr 2005 und Christoph Peters kann nicht mehr. Er „kapituliert“ (ein Fachbegriff aus der Behandlung Alkoholabhängiger) vor dem Ausmaß und den Auswirkungen seines jahrelangen Alkoholkonsums. Er ist dauerbetrunken mit über zwei Promille Alkoholwert in seinem Blut, sonst zittern ihm die Hände. Er spürt seine Füße bis hinauf in die Unterschenkel nicht mehr. Es wird immer schwieriger, seinen Zustand vor „der Frau“ (seiner Frau, die im Text bis kurz vor dem Ende der Geschichte namenlos bleibt), seinen Freunden, seiner Agentin, seinem Verleger zu verbergen. Sein Verleger lehnt die ersten Seiten seines Entwurfs für den neuen Roman als nicht „tragfähig“ ab. Es wird immer schwieriger, in dem Lügennetz aus Alkoholbeschaffung und -konsumierung den Überblick zu behalten.

Peters muss aufhören zu trinken, wenn er überleben will. Aber er kann nicht. Bis zu dieser Erkenntnis sind mehr als zwei Jahrzehnte des Alkoholmissbrauchs vergangen. Schon als Jugendlicher beginnt Peters zu saufen. Es wird zu einer regelmäßigen Flucht aus dem Leben und vor sich selbst. Ein paar kurze Jahre zu Anfang der Beziehung mit seiner zweiten Frau gelingt es ihm, weniger zu trinken. Er wird Vater einer Tochter, „meines kleinen Mädchens“, wie Christoph Peters das Kind etwas schwülstig und sentimental nennt. Für das Schreiben eines Romans bleibt er sogar acht Monate trocken, danach verliert Peters beim Trinken jedes Maß. Nun helfen ihm auch das Lesen, Zeichnen oder Schreiben nicht mehr. Am Ende sind es „etwa ein Liter Schnaps und dazu ein bis zwei Flaschen Wein“, wie er in dem Aufnahmegespräch mit dem Stationsarzt und einer Psychologin im Krankenhaus angibt.

… ohne Alkohol?

Christoph Peters begibt sich freiwillig in ein Krankenhaus zum Entzug. Vierzehn Tage harter Entzug folgen. Er trifft in dem Vierbettzimmer und auf der Station andere Abhängige, er nimmt an Therapiesitzungen, Gesprächskreisen und Beschäftigungsangeboten teil. Aber er bleibt auf Distanz, glaubt z.B., dass die Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ nichts für ihn sind. Peters ist ein intellektueller, menschenscheuer Abhängiger, der sich sein Trinken mit dem Kopf erklären muss. Wobei sein Kopf das Problem ist: er fühlt sich darin eingesperrt. Er muss trinken, um sich auszuhalten. Oder zu vergessen, oder sein Denken abzuschalten, oder Mut zu finden, oder, oder, oder.

Zum ersten Mal sieht er sich im Spiegel, so wie er wirklich aussieht:

„Was dort steht, ist ein Penner.“ (S. 381)

Und er schreibt den „Jellinek-Aufsatz“ (S. 383ff), den jede/r Patient/in während der Behandlung schreiben muss.

Heilsam und hoffnungsvoll – eine Geschichte über Abhängigkeit und Aufbruch

„Entzug“ von Christoph Peters ist ein ehrliches, erschütterndes, heilsames und hoffnungsvolles Buch.

Nach dem Lesen weiß man ganz sicher, warum man um „Smirnoff“ und Co. einen weiten Bogen machen sollte, lebenslang. Danke, Herr Peters!

Christoph Peters: Entzug
Luchterhand Literaturverlag, März 2026
400 Seiten, Hardcover, 24,- Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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