Gerhard Henschel: Oma Jever

„Oma Jever“ ist kein Roman für Ungeduldige. Gerhard Henschel rekonstruiert darin das Leben einer deutschen Familie vom Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik der 1990er Jahre – und tut das auf eine Weise, die so eigensinnig wie herausfordernd ist. Der Text besteht größtenteils aus einer langen Aneinanderreihung von Briefen, die das Alltagsleben der Titelfigur, der Großmutter des Erzählers, in seiner ganzen ungekürzten Banalität dokumentieren.

Das ist sowohl das Programm als auch das Problem. Henschel setzt auf akribische Detailgenauigkeit: Familienfeiern, kleine Konflikte, Routinen, Gewohnheiten. Große historische Ereignisse tauchen auf, aber stets gebrochen durch die Perspektive von Menschen, die einfach weiterleben. Dieses dokumentarische Verfahren hat durchaus Kraft – wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, findet hier ein präzise eingefangenes Zeitbild, dessen Figuren glaubwürdig und oft liebevoll-ironisch gezeichnet sind.

Doch Henschel überdehnt seine Methode. Nicht jeder Brief trägt erzählerisch, nicht jede Beobachtung verdient ihren Platz. Die angestrebte Authentizität schlägt zu oft in Monotonie um, und die emotionale Distanz des Briefformats verhindert, dass man den Figuren wirklich näherkäme. Verdichtung, Spannung, Resonanz – das überlässt der Autor konsequent dem Leser. Manche werden das als Qualität lesen, andere als Zumutung.

„Oma Jever“ ist weniger Roman als literarisches Archiv. Wer sich darauf einlässt, findet ein bemerkenswertes Stück Alltagsgeschichte. Wer dramaturgische Führung erwartet, wird frustriert aufgeben.

Gerhard Henschel: Oma Jever
Hoffmann & Campe, Mai 2026
320 Seiten gebundene Ausgabe, 23 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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