Linwood Barclay: Komm spielen

Sympathische Magie: Die okkulte Idee hinter „Komm spielen“

Deshalb fühlen sich manche Bücher, Gemälde oder Musikstücke „größer“ an als bloße Unterhaltung. Als würde etwas darin wohnen.

Einige Passagen wirken hier auf mich fast wie eine moderne literarische Version alter magischer Prinzipien, nur verpackt in Horrorästhetik.

Denn „Komm spielen“ funktioniert für mich persönlich deshalb so gut, weil der Horror hier nicht einfach aus einer „bösen Modelleisenbahn“ entsteht, sondern aus der zutiefst okkulten Idee, dass Dinge menschliche Essenz speichern und irgendwann ein Eigenleben entwickeln können. Darüber, wie Kunst, Erinnerung und beseelte Materie irgendwann anfangen, sich gegenseitig zu infizieren.

„Tufftufftufftufftufftuff. Je länger sie dem Schnaufen und Keuchen der Lok zuhörte, desto mehr glaubte sie, noch etwas … anderes zu vernehmen. Es war, als ob man ein Lied hört und glaubt, hinter dem Text noch einen weiteren Text zu hören. Verborgene Worte. Oder vielleicht, als ob man ein Lied rückwärts abspielt und etwas bemerkt, was einem vorher noch nie aufgefallen ist.“ (S. 224-225)

Gerade Edwin Nabler als Mr. Choo Choo hat mich fasziniert, weil er nicht wie ein normaler Killer funktioniert. Er wirkt eher wie ein Alchemist. Jemand, der ritualisierte Artefakte als „Kunstwerke“ erschafft, statt „nur“ Verbrechen zu begehen. Dass er selbst sagt, Kunst könne denselben Zauber entfalten, ist dabei für mich persönlich einer der spannendsten und verstörendsten Gedanken des Buches.

Das ist ein uralter okkulter Gedanke:

Kunst als Ritual. Der Künstler als Kanal. Das Werk als Gefäß.

Insgesamt war der Thriller für mich trotzdem spürbar zu lang und hätte locker hundert Seiten weniger vertragen. Die Atmosphäre bleibt allerdings noch lange hängen.

Linwood Barclay: Komm spielen
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Julian Haefs.
Aufbau, Mai 2026
512 Seiten, Paperback, 17,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Olivia Grove.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.