Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl

Zwischen Zeugnis und Konstruktion

Virginia Giuffre nahm viele Ungeheuerlichkeiten mit ins Grab. Und vielleicht auch die Hoffnung, dass je alles ans Licht kommt.

Ihr posthum erschienenes Nobody’s Girl: Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit ist kein Enthüllungsbuch im klassischen Sinne. Es ist der Versuch, die eigene Geschichte zurückzuerobern.

Wie ihre Co-Autorin Amy Wallace schreibt:

„Sie wollte, dass die Welt erfährt, wer sie wirklich ist, damit Überlebende sexuellen Missbrauchs sich durch ihre Worte vielleicht weniger allein fühlen.“ (S. 10)

Virginia Giuffre beschreibt nicht nur, was Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell taten. Sie beschreibt, was es mit ihr machte. Und wie Manipulation lautlos beginnt.

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Axel Petermann: Die Psyche des Bösen

Starkes True Crime, brillante Fallanalysen – aber psychologisch unterkomplex

Das Buch verspricht Psychologie – liefert aber primär Kriminalistik.

„Denn das Böse ist nicht weit weg […]. Wer es verstehen will, muss den Mut haben, den Schlüssel in die Hand zu nehmen. Und wer ihn umdreht, der hört vielleicht das leise Klicken des Schlosses – das Geräusch einer Tür, die sich öffnet, in eine Welt, die uns mehr über uns selbst verrät, als uns lieb ist.“ (S. 12)

Die Psyche des Bösen – Im Kopf der Mörder ist für mich ein echter Page-Turner: abgründig, hochspannend und stilistisch präzise erzählt. Ich habe das Buch nicht einfach gelesen – es hat mich hineingezogen. Nicht aus Sensationslust, sondern aus dem Wunsch zu verstehen. Und aus dem Gefühl heraus, dass diese Geschichten uns wachsamer machen müssen. Anderen gegenüber. Und uns selbst.

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Darcy Coates: The Whispering Dead: Gravekeeper Band 01

Ganz nett

Und genau das ist leider das Problem. Ich wollte dieses Buch mögen. Wirklich. Denn obwohl alles da ist – Friedhof, Geister, düstere Atmosphäre, geheimnisvolle Protagonistin – bleibt „The Whispering Dead“ für mich zu vorhersehbar und austauschbar. Eher wie eine gemütliche Mystery-/Gruselgeschichte für Jugendliche.

Kieras Fähigkeit, Geister zu sehen, hätte bei mir eigentlich ein faszinierendes Kribbeln auslösen sollen, wirkt aber überraschend leblos und fühlt sich wie ein bekanntes Horror-Template an.

Slow Burn? Ja. Spannend? Nein. Gruselig? Auch nicht wirklich. Stattdessen weichgespült. Die Figuren wirken unreif, die Dialoge oft kitschig, die Handlung plätschert. Ich bin durch die Seiten gegangen, aber nie wirklich drin gewesen. Es bleibt nichts hängen. Keine Neugier auf Band 2, kein inneres „Ich muss wissen, wie es weitergeht“.

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Marcus Kliewer: Die Besucher: Wenn du sie hereinlässt, werden sie nie wieder gehen

Wenn die Realität verrutscht

Du scrollst nachts durch alte Reddit-Threads über urbane Legenden, und plötzlich klopft es an deiner Tür. Nicht aggressiv, sondern höflich, fast peinlich entschuldigend. Die Leute wollen nur mal „kurz reinschauen“.

Genau so fühlt sich die erste Hälfte von „Die Besucher“ an: ein People-Pleasing-Alptraum, gespeist aus Social Anxiety. Jede verschobene Lampe, jedes falsch erinnerte Geräusch, jeder Mandela-Moment lässt dich an deiner Wahrnehmung zweifeln.

Ich mochte auch die found-footage-artigen Paratexte: Forenposts, Archivdokumente, Karten und dieses Gefühl, in etwas Verbotenes reinzurutschen.

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Fabian Kowallik & Gamze Kılıçarslan: Das originale Gottesnahrung-Kochbuch

Zwischen Natur, Körperwissen & Rebellion

Dieses Buch will nicht gefallen. Es stellt Gewohnheiten infrage. Präzise und ohne Rücksicht auf deine Komfortzone. Es zielt auf all das, was du über „gesunde Ernährung“ zu wissen glaubst. Und ja: auf das, was wir unserem Körper über Jahre zugemutet haben.

Der Satz: „Wenn die Oma es nicht kennt, ist es ein verarbeitetes Lebensmittel und hat im menschlichen Organismus nichts zu suchen“ (S. 43) ist hier kein nostalgischer Spruch, sondern eine Anklage gegen industrielle Normalität. Eine, die uns zwingt, Ehrlichkeit und Verantwortung wieder über unsere Bequemlichkeit zu stellen.

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Jennette McCurdy: Half His Age

Rauschhaft, ehrlich, unvergesslich

„Und es ist die reine Folter. Es ist berauschend. Unvermeidlich. Diese Art von Anziehung ist es. Die Art, bei der man sich völlig sicher ist, dass es dazu kommen wird, nur weiß man noch nicht, wie.“ (S. 17)

Cover und Titel? Ich musste das Buch lesen!

Ich bin nicht eine von denen, die erstmal das ganze Buch nacherzählen muss, um dann zu sagen, dass es elektrisierend war. Ich sag’s gleich: „Half His Age“ hat mich erwischt! Ich habe es in drei Tagen durchgesuchtet, fast gierig, und erst danach gemerkt, wie sehr es mich unterwandert hat.

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Sash Bischoff: Sweet Fury: Zärtlich ist die Rache

Glitzer, Abgründe, Selbstermächtigung oder doch nur schöner Schein?

In unserer neuen Doppel-Rezension widmen wir uns einem Roman, der auf mehreren Ebenen spielt: zwischen Schein und Sein, zwischen Filmset, Rolle, Bewusstsein und gelebter Realität.

Zwei Lesende, zwei Blickwinkel: Wie erleben Olivia Grove und Wolfgang Mebs »Sweet Fury – Zärtlich ist die Rache«?
Ist es ein packendes Psychospiel oder pure Inszenierung? Ein feministischer Fiebertraum oder ein Spiegelkabinett der Eitelkeiten?

Lesen Sie weiter – und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil.

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Eric Stehfest: 9 Jahre Wahn: Mein Leben mit paranoider Schizophrenie

„Überlebensmodus galore, 24/7 Stresslevel am Anschlag“

„Ich heiße Mackie. Und Eric. Welche Szenen zu wem gehören, was wahr ist und was erfunden, das überlasse ich ganz Ihnen und Ihrer Fantasie. Am Ende ist es auch völlig egal, was echt ist und was nicht. Denn erlebt habe ich alles.“ (S. 36)

– Selten hat jemand so radikal direkt gezeigt, wie zerfließend die Grenzen zwischen Realität, Wahn und Kunstfigur werden können.

Ich schaue kein Fernsehen, verfolge keinerlei Promi-Stories und habe auch Eric Stehfests frühere Bücher „9 Tage wach“ oder „Rebellen lieben laut“ nicht gelesen. „9 Jahre Wahn“ habe ich mir allein aus psychologischem Interesse vorgenommen – und war überrascht, wie nah, roh und zugleich poetisch mich diese Erzählung an die Erfahrung von Schizophrenie heranführt. Chapeau auch an den Lektor Carsten Tergast.

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Anne Freytag: Blaues Wunder

Schein und Abgrund auf offenem Meer

Nach „Lügen, die wir uns erzählen“, das mich mit seiner Zärtlichkeit und schmerzhaften Ehrlichkeit tief berührt hat, schickt Anne Freytag uns diesmal auf offenes Meer – und direkt in die Abgründe hinter makellosen Fassaden. Ganz anders im Ton, aber ebenso brillant.

„Blaues Wunder“ ist kein Wohlfühlroman, auch wenn er sich anfühlt wie Urlaub. Es glitzert, es schmeckt nach Salz und Luxus, doch unter Deck brodelt es:

„Wir sind allein mitten auf dem Meer – wir und der Schein, den wir wahren.“ (S. 17)

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Kat Eryn Rubik: Furye

Ich bin verliebt. Verliebt in das Cover, das diese hypnotisch-tropische Melancholie atmet und den Vibe des Romans vorwegnimmt.

Kat Eryn Rubiks „Furye“ zieht auf wie ein Sommergewitter über dem Meer: zunächst leise, dann ohrenbetäubend intensiv.

„Er ahnte nicht, dass ich schon lange vergessen hatte, wie es sich anfühlte, ›einfach nur glücklich‹ zu sein.“ (S. 24)

Die Geschichte von Alec, einer Frau, die zwischen der Leere ihres Erfolgs und den scharfkantigen Erinnerungen ihrer Jugend taumelt, hat mich lange zappeln lassen.

Die Erzählung tanzt auf zwei Zeitebenen: die glühende, wilde Jugend der siebzehnjährigen „Furien“ Alec, Meg und Tess, die wie BFFs durch Feuer und Chaos gehen; Freundschaft, erste Liebe, Selbstzerstörung. Und der kühlen Gegenwart, in der Alec alles erreicht hat und doch nichts fühlt.

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