Ulf Kvensler: Die Insel

Leise brodelnder Psychothriller, der unter die Haut kriecht

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Friedrich Nietzsche (S. 271)

Nachdem mich schon „Der Ausflug“ mit seiner eiskalten Atmosphäre und psychologischen Tiefe begeistert hat, war ich gespannt, ob „Die Insel“ dieses Niveau halten kann. Und ja – sie kann!

Statt eisiger Gletschertäler nun Gotlands stille Strände. Statt Naturgewalten: psychologische Abgründe. Und wieder dieses Gefühl: Etwas stimmt hier nicht.

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Tamar Noort: Der Schlaf der Anderen

Ein Roman, der berührt, aber nicht erschüttert

Wenn Dramatik flüstert, statt bebt

Tamar Noorts Sprache gleitet wie Nebel über eine schlaflose Landschaft – entrückt, manchmal fast zu zart, um zu tragen. Dabei wirkt die Handlung seltsam schläfrig. Wer auf emotionale Wucht hofft, auf Konflikte mit Tiefe und Nachhall, wird enttäuscht.

Die Freundschaft zwischen Janis und Sina – das emotionale Rückgrat des Romans – bricht nicht, sie bröckelt. Und zwar so leise, dass man es fast überliest. Der „Verrat“, der zum Zerwürfnis führt, wirkt eher wie ein dramaturgischer Lückenfüller als wie ein echter Wendepunkt. Er rauscht an der Oberfläche vorbei wie ein Traum, an den man sich beim Aufwachen nicht mehr erinnern kann. Was als psychologisches Kammerspiel beginnt, verpufft in Andeutungen.

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Suzie Miller: Prima Facie

Must-read! Unumgänglich. Unbequem. Unvergesslich.

Jede dritte Frau.

Mindestens einmal im Leben erlebt sie physische und/oder sexualisierte Gewalt. Und nur jede zehnte Betroffene geht zur Polizei. Die Verurteilungsrate? 1,3 %. Eine Zahl, die sich einbrennt.

Suzie Miller bringt diese bittere Realität auf den Punkt. Mit messerscharfer Klarheit, mit juristischer Präzision, mit emotionaler Wucht. „Prima Facie“, ursprünglich als Theatermonolog geschrieben, erzählt die Geschichte von Tessa: einer brillanten Strafverteidigerin, die selbst zur Klägerin wird – und feststellen muss, dass ein System, das Täter schützt, Opfer zermalmt. Dass Wahrheit manipulierbar ist, wenn sie nicht ins Schema passt.

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Jonathan Rosen: The Best Minds: Vom Gipfel des akademischen Ruhms in die Psychiatrie

Ausschweifendes, verkopftes Puzzle!

Bevor wir tiefer einsteigen:

Ein erfahrener Biograf mit echtem Verständnis für Schizophrenie – und ohne das Bedürfnis, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken – hätte dieser Geschichte vermutlich mehr Würde verliehen.

Stattdessen wirkt das Buch wie eine schiefe Bühne, auf der der Autor weniger das Leiden seines Freundes beleuchtet als seine eigene Rolle im Schatten desselben. Die unterschwellige Eifersucht, die sich wie ein roter Faden durch die Seiten zieht, macht das Ganze nicht nur fragwürdig, sondern auch unangenehm intim – jedoch auf eine Art, die nicht berührt, sondern befremdet.

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Friederike Oertel: Urlaub vom Patriarchat: Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen

Mutiger Blick auf Macht und Weiblichkeit

„Urlaub vom Patriarchat“ ist eine kluge, essayistische Melange aus Reisebericht, Autobiografie, Sachbuch und Systemkritik – mal inspirierend persönlich, mal einfach zu theoretisch.

Auf ihrer Reise nach Juchitán de Zaragoza im Süden Mexikos, einem der letzten Matriarchate der Welt, reflektiert Friederike Oertel über das Frausein, Geschlechterrollen und patriarchale Strukturen.

Ihre Erlebnisse vor Ort, die von Begegnungen, Brüchen und gelebter Vielfalt geprägt sind, blitzen wie Sonnenstrahlen durch den theoretischen Nebel. Doch diese leuchtenden Momente verlieren sich oft im dichten Faktengeflecht, obwohl gerade sie dem Werk Echtheit, Wärme und Weitblick hätten verleihen können.

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Patric Gagne: Soziopathin: Meine Geschichte

Soziopathin

Wie authentisch kann eine privilegierte Perspektive sein, wenn sie für universell gehalten wird?

„Deine Freunde würden mich wohl als nett bezeichnen. Aber weißt du was?

Ich ertrage deine Freunde nicht.

Ich bin eine Lügnerin. Ich bin eine Diebin. […] Ich bin hochgradig manipulativ.“ (S. 13)

Was, wenn du keine Angst kennst? Kein Mitgefühl, keine Reue – nur innere Leere. In „Soziopathin erzählt Patric Gagne, wie sie genau damit lebt – und was das über uns alle verrät. Keine Gefühle, aber ein scharfer Blick auf eine Welt, die Empathie voraussetzt.

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Martta Kaukonen: Traumatisiert

Maßlos überschätzt & überbewertet – ein Thriller, der sich im eigenen Chaos verliert

„Traumatisiert“ – der Titel passt, allerdings anders als erwartet: Nicht die Figuren, sondern ich als Leserin fühlte mich am Ende traumatisiert – vom Versuch, in diesem konfusen Thriller irgendeine Art von Struktur, Spannung oder Erkenntnis zu finden.

Die Fortsetzung des Bestsellers „Therapiert“ wird als „packend“ angekündigt, was sich bei mir höchstens auf das Zuklappen des Buches bezog. Denn was Kaukonen hier liefert, ist eher ein wirres Kaleidoskop aus Fragmenten, Zeitsprüngen und Pseudo-Twists, die mehr verwirren als fesseln.

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Carissa Orlando: Das Septemberhaus

Haunted House light – unterhaltsame Geistergeschichte, die leider nicht gruselt!

Warum ich „Das Septemberhaus“ unbedingt lesen wollte?

Deshalb:

Simone St. James: »Schockierend, elektrisierend und absolut originell … Wenn du meine Bücher magst, sie aber nicht gruselig genug findest, dann ist dieses Buch genau das Richtige für dich.«

Ein viktorianisches Traumhaus, ein erschreckend niedriger Kaufpreis – und ein dunkles Geheimnis, das jeden September aufs Neue erwacht. Margaret weigert sich zu gehen, selbst als die Wände bluten und die Geister der Vergangenheit davon flüstern, was im Keller lauert. Bis der Albtraum eskaliert …

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Darcy Coates: Die Folcroft-Geister

Geister, Familiengeheimnisse und ein Hauch Zimt

Diese Young-Adult-Mystery-Geschichte beginnt fast schon heimelig – der Duft von Omas frisch gebackenem Apfelkuchen, superliebe Großeltern … doch hinter der herzlichen Fassade lauern dunkle Geheimnisse.

Die Szenerie hat alles, was man sich für eine schaurige Story wünscht: ein riesiges, abgelegenes Haus mitten im Nirgendwo, verschlossene Türen, seltsame Geräusche und das wachsende Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.

Tara und Kyle, die nach dem Autounfall ihrer Mutter plötzlich bei ihren unbekannten Verwandten May und Peter Folcroft leben müssen, merken schnell, dass sie hier nicht nur fremd sind – sondern vielleicht auch nicht willkommen. Nach und nach bekommt die zuckersüße Fassade der Großeltern Risse.

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Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen: Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend

Online-Diagnosen zwischen Enttabuisierung, Glamourisierung & Kommerzialisierung

„Typisch ADHS!“, „Sad Girl Culture“, „Anxiety-Chic“ und Depressionsromantik – psychische Gesundheit ist in der digitalen Welt längst mehr als nur ein Thema, sie ist ein Trend. Doch was steckt hinter diesem Hype?

Laura Wiesböcks Buch setzt auf eine kritische Perspektive, doch für meinen Geschmack fehlt es an einer vielfältigeren Betrachtungsweise. Ein Blick auf die positiven Aspekte der Online-Communitys hätte die Analyse nicht nur abgerundet, sondern auch anregende Blickwinkel eröffnet.

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