Fast zwei Jahre ist es her, dass Emery ihre Heimat Harpers Ferry fluchtartig verlassen hat. Ihre große Liebe Luke hat in jener tragischen Nacht etwas Unverzeihliches getan – und Emery hat alles beobachtet. Um sein dunkles Geheimnis zu bewahren und ihn zu beschützen, hat sie alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Nun zwingt sie der Tod ihrer Gran zur Rückkehr in die Kleinstadt. Als sie Luke gegenübersteht, sind all die überwältigenden Gefühle wieder da. Emery will sich von ihm fernhalten, doch die Anziehung zwischen ihnen wird immer heftiger. Aber ist Luke noch der Mann, den sie einst so sehr liebte? Kann Emery vergessen, was er damals getan hat? Oder ist ihre Liebe gegen die Wahrheit machtlos?
Der Roman entführt den Leser nach Harpers Ferry – eine Stadt, die auf den ersten Blick die klassische Geborgenheit einer eng vernetzten Kleinstadt ausstrahlt. Doch die vermeintliche Gemütlichkeit trügt. Der Autorin gelingt es meisterhaft, eine subtile, düstere Unruhe zu erzählen, die den Leser tief in das Geschehen hineinzieht und eine Spannung erzeugt. Man fühlt sich nicht nur als Leser, sondern wird schnell zu einem Teil dieser atmosphärisch dichten Welt.
Die Geschichte wird auf drei verschiedenen Zeitebenen erzählt. Trotz dieser komplexen Struktur behält der Leser stets den Überblick über die Zusammenhänge. Besonders die Wechsel zwischen Lukes Kapiteln in der Vergangenheit und Emerys Perspektive in der Gegenwart fungieren als treibende Kraft der Handlung. Diese Rückblenden sind essenziell: Sie lüften nur Stück für Stück das Geheimnis der Vergangenheit.
Ein herausragendes Merkmal des Buches ist seine moralische Komplexität. Die Charaktere treffen Entscheidungen, die zwar psychologisch nachvollziehbar, aber ethisch oft schwer erträglich sind. Dieser Fokus auf moralische Grauzonen fordert den Leser heraus und verleiht der Geschichte eine emotionale Tiefe.
Der Schreibstil ist angenehm zugänglich und führt gut durch die Seiten. Die Wortwahl ist präzise und trifft an den entscheidenden Stellen genau den richtigen Ton.
Punktabzug gibt es jedoch für das Ende, dort wirken einige Ereignisse stellenweise unrealistisch und konnten den zuvor aufgebauten Realismus nicht ganz halten. Hier hätte man sich ein konsequenteres Ende gewünscht, das der Qualität des restlichen Buches vollumfänglich entspricht.
Fazit
Trotz kleinerer Schwächen im letzten Drittel ist dieser Roman ein überaus unterhaltsamer Pageturner mit einem großartigen Gespür für Atmosphäre und Spannung. Ein starkes Stück Spannungsliteratur, das neugierig auf die Fortsetzung macht.
Christina Kaspar: Harpers Ferry: Lose Me Once
Knaur, Dezember 2025.
432 Seiten, Paperback, 16,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Katja Plattner.
