Katharina Fuchs: Schwesternland

Den Rahmen für diesen intensiv und toll recherchierten historischen Roman bildet zum einen die Zeit der Verfolgung der Hugenotten im 17. Jahrhundert, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, zum anderen die Geschichte der Familie Barnsdorf im Havelland, heute. Am 100. Geburtstag ihrer Großmutter Henriette macht Antonia die Bekanntschaft einer Großcousine ihrer Großmutter, die – u.a. auf Henriettes Bitte – sich mit Ahnenforschung und dem Stammbaum der Barnsdorfs befasst hat. Maximiliane, eine beeindruckende Frau, die auffällt, schon, weil sie darauf besteht, „Max“ genannt zu werden – und zwar englisch ausgesprochen. Max bringt einen dicken Ordner mit Unterlagen mit zum Familienfest und begeistert damit vor allem Antonia, die gerade daran ist, ihre Masterarbeit zu schreiben, mit dem Thema aber nicht so ganz glücklich ist. Überhaupt ist sie mit ihrem Leben zur Zeit insgesamt nicht im Reinen, sodass die Spur, die Max da aufgetan hat, sie darin bestärkt, Leipzig, wo sie studiert und ihrer Familie in Berlin erst einmal den Rücken zu kehren und nach Lyon zu reisen, wo Max ihr den Kontakt zu einem renommierten Historiker gemacht hat, der ihr bei der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie sicher hilfreich sein kann. Monsieur Bellamy verfügt über hervorragende Kontakte, ein riesiges Netzwerk an Bekannten und Freunden, die gerne weiterhelfen.

So beginnt für Antonia eine spannende, aufwühlende Zeit, in der sie sich selbst ganz neu kennenlernt, sich aber auch gänzlich einlässt auf die schreckliche Flucht der zunächst fünfköpfigen  Seidenhändler-Familie Beauvais, die um ihres Glaubens willen ihre Heimat verlassen und sämtliches Hab und Gut zurücklassen musste. Ihre Flucht führte sie von Lyon über die Schweiz und letztlich nach Berlin, wo allerdings nur noch Jeanne Beauvais und ihr Bruder Étienne ankommen und sich ein neues Leben aufbauen können.

Wir erleben als Leser eine Zeit voller religiöser Konflikte, politischer Machtspiele und mutiger Entscheidungen. Antonia taucht ganz ein in die Geschichte der Jeanne, erlebt die Schrecknisse der Flucht und der ersten Zeit in Berlin sozusagen hautnah mit und stößt so auf eine Vorfahrin, die für ihr Leben und vor allem Überleben Unmenschliches auf sich nehmen musste.

Mit diesen Erkenntnissen und den gemachten Erfahrungen verändert sich auch Antonias Leben und endlich kann auch im „Schwesternland“, dem Zuhause der Familie im Havelland, einiges wiederhergestellt und repariert werden, das schon lange hätte an- und ausgesprochen werden müssen. Zu viel hat die Schwestern seit dem plötzlichen Tod des Vaters belastet, was zwischen ihnen stand, so sehr, dass der Kontakt zwischen den vieren fast ganz abgebrochen war.

Ein Roman, der ein Stück Vergangenheit lebendig werden lässt, das bestimmt in vielen Familien auch heute noch verwurzelt ist. Sehr berührend, packend, authentisch und historisch interessant.

Katharina Fuchs: Schwesternland
Droemer, April 2026
480 Seiten, Hardcover, 24,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.