Anja Baumheier: Die Buchverliebten

Rührende Geschichte um zwei Menschen in der zweiten Lebenshälfte und ihr Verhältnis zu Büchern

Noch heute möchte ich von „Die Erfindung der Sprache“ von Anja Baumheier schwärmen. Dieser Roman hat nachhaltig Eindruck gemacht. Vor allem die Kunstfertigkeit dieser Autorin, mit Sprache umzugehen, mit Worten Bilder zu erschaffen, fasziniert.

Nun also ein neues Buch aus ihrer Feder. Diesmal geht es um Gesa und Ole. Die Beiden begegnen sich, als beide schon ein halbes Leben und vor allem einige Schicksalsschläge hinter sich haben. Beide haben ihre Partner verloren. Gesa droht nun auch ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Da trifft sie auf Ole.

Ole führt eine Buchhandlung, Gesa fürchtet sich vor Büchern. Beides folgt aus dem Verlust ihrer jeweiligen Partner. Und natürlich möchte Ole Gesa, die vor dem Tod ihres Mannes Bücher sehr liebte, wieder an diese heranführen. Weiterlesen

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Graham Norton: Der Schwimmer

„Der Schwimmer“ ist der zweite Roman von Graham Norton. Der Autor ist zudem noch Schauspieler, Comedian und Talkmaster und eine der bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten der englischsprachigen Welt.

Protagonistin von „Der Schwimmer“ ist die altjüngferliche Helen, eine pensionierte Lehrerin. Ihr kleiner Garten über der Küste ist eine wahre Idylle. Helen verweilt gerne dort. Hier kann sie entspannen und ihren Gedanken nachhängen. Zudem macht ihr im Haus  Margaret, ihre Schwester nur das Leben schwer. Eigentlich wollte Margaret vor drei Jahren lediglich auf einen Besuch kommen, doch dann sie ist einfach in Helens Leben eingedrungen, geblieben und seither nicht mehr abgereist. Weiterlesen

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Natalie Haynes: Die Heldinnen von Troja: A Thousand Ships

Der Kampf um Troja. Ein Epos um Krieger, Helden, Gier und Macht, durch und durch männlich.  Bis jetzt. Denn Natalie Haynes, „Rockstar der Mythologie“ und studierte Altphilologin aus Cambridge, lässt die 50 Prozent des 10-jährigen Krieges zu Wort kommen, die bislang als bloßes Beiwerk abgekanzelt wurden: Frauen. Das diese die wahren Heldinnen sind, verdeutlicht Haynes mit schonungsloser Brutalität.

Ausgangspunkt ist der Strand vor der völlig zerstörten Stadt Troja. Die Frauen der besiegten Königsfamilie und ihre Dienerinnen sehen einer schrecklichen Zukunft entgegen. Denn während ihren männlichen Familienmitgliedern der Gnade eines frühen Todes zuteil kam, geht ihr Martyrium erst richtig los. Als Kriegsbeute völlig entrechtet, werden sie unter den siegreichen griechischen Fürsten aufgeteilt, geschändet, in die Fremde entführt. Auch ihre Kinder werden versklavt oder direkt von der Stadtmauer geworfen.

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Hernan Diaz: Treue

Im Mai 2023 erhielt Hernan Diaz für seinen Roman „Trust“ (Originaltitel) den Pulitzer Preis in der Kategorie Literatur. Diaz wurde 1973 in Argentinien geboren. Aktuell lebt und arbeitet er in New York City (USA). Hanser Berlin aus dem Carl Hanser Verlag veröffentlichte den Roman unter dem deutschen Titel „Treue“ in einer Übersetzung von Hannes Meyer am 25. Juli 2022.

Schon die Verpackung, die die Postbotin im Briefkasten hinterlegt, lässt aufmerken: Die vier Seiten des Paketkartons entsprechen aufgeklappt den Überschriften der vier Kapitel des Romans. So entpuppt sich der Roman als Schachtel mit vier Geschichten, die Hernan Diaz elegant in Beziehung setzt. Da ist zunächst der Roman von Harold Vanner „Verpflichtungen“ über den New Yorker Finanzmogul Benjamin Rask und seine Frau Helen, die in den 1920er Jahren zu den einflußreichsten Menschen in der Finanzwelt gehörten. Sie häuften unermesslichen Reichtum an. Rask spekulierte an der Börse und Helen widmete sich der Wohltätigkeit, sie förderte Künstlerinnen und Künstler. Vanner schreibt die fiktive Geschichte eines sehr erfolgreichen Ehepaares, bis Helen ernsthaft psychisch erkrankt und unter Mithilfe ihres Ehemannes in der Schweiz zu Tode therapiert wird.

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Sandra Lüpkes: Das Licht im Rücken

Aus fiktiven und realen Episoden zusammengesetzte Geschichte der Familie Leitz und ihrer Kamera Leica

Ein durchweg spannender und interessanter Roman um die Industriellenfamilie Leitz und ihr Werk in Wetzlar, wo die berühmte Kamera Leica entstand. Dennoch kämpft auch dieser Roman mit dem typischen Problem: Um alle zeitgeschichtlich relevanten Themen abzudecken, werden die Figuren in zu viele Situationen hineingestellt, um noch realistisch zu sein.

Sandra Lüpkes, deren Krimis und Inselromane zurecht sehr erfolgreich sind, hat nun, nach „Die Schule am Meer“ ihren zweiten historischen Roman vorgelegt. Im Mittelpunkt die Geschichte einer Familie, zentral die Zeit zwischen 1930 und dem Ende des zweiten Weltkriegs. In teils sehr detailliert erzählten Episoden, teils mit größeren Zeitsprüngen dazwischen, erzählt sie von dem Firmengründer Ernst Leitz dem ersten und seinen Nachfolgern, alle Ernst mit Namen. Sie erzählt von Otto Barnack, der die erste leichte und tragbare Kleinbildkamera erfand, eine große Errungenschaft gegenüber der schweren Plattenkamera, bei der die zu fotografierenden Personen minutenlang stillhalten mussten.

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Michael Kröchert: Wasserläufer

Alissa sagt zu Rio: „… Du willst als Fotograf arbeiten, … du willst frei sein, willst auf einem Floß leben, willst Kinder, willst Berlin, … willst all das auf einmal. Das zerreißt dich doch.“ (S. 185/1186)

Das Thema Lebensplanung wird für Rio umso schwieriger, je älter er wird. Für ihn ist die Aussicht, mit Alissa eine Familie zu gründen, alles andere als einfach. Denn das verbindlich Unverbindliche in seinem Charakter schenkte ihm bisher ein Maximum an Freiheit. Als Alissa in Frankfurt ihre Dissertation zu Ende zu schreiben will, verlässt auch Rio ihre gemeinsame Wohnung.

Bei seiner Tante baut er ein Floß, auf dem er für die nächsten Wochen wie ein Eremit leben will. Die Seen in Brandenburg werden seine vorübergehende Heimat. Rio hat an alles gedacht, bis er spürt, dass der Rückzug in die Natur genauso schief gehen könnte wie sein Vorhaben, Entscheidungen zu treffen.

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Caroline Schmitt: Liebewesen

Im Roman „Liebewesen“ von Caroline Schmitt ist Lio Anfang 30 und hatte noch nie eine feste Beziehung. Was anderen gute Gefühle bereitet – Nähe, zärtliche Berührungen, Sex – macht ihr Angst. Mit ihrem Körper steht sie auf Kriegsfuß. Auf Initiative ihrer besten Freundin und WG-Partnerin Mariam trifft sie sich mit Max und zu ihrem Erstaunen läuft das erste Date richtig gut. Das klingt jetzt nach einer klassischen Liebesgeschichte, aber keine Angst, die Autorin Caroline Schmitt kennt offenbar die Klischeefallen und umgeht sie geschickt. Ihre Figuren sind authentisch und ungekünstelt. Ich erlebe Schmetterlinge im Bauch und alles zerfressenden Alltag. Aufeinander aufpassen und aneinander vorbeireden. Während Max seine Winter-Depressionen mit fraglichen Hausmitteln behandelt bzw. sie auf Lios Rücken auslebt, offenbart sie nur selten die Abgründe ihrer Angst.

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Louise Erdrich: Jahr der Wunder

Louise Erdrich (Jahrgang 1954), US-Amerikanerin mit indigenen Wurzeln wurde 2021 für ihren Roman „Der Nachtwächter“ mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Minneapolis im US-Staat Minnesota, wo sie die Buchhandlung Birchbark Books betreibt. Ihr neuer Roman „Jahr der Wunder“ (Originaltitel: The Sentence) erschien am 17. Mai 2023 in einer Übersetzung von Gesine Schröder im Aufbau Verlag.

Darin findet sich die Indigene Tookie im Gefängnis wieder, nachdem sie ihrer Freundin Danae helfen wollte, die Leiche ihres toten Ex-Freundes Budgie von seiner Ehefrau Mara zu stehlen. Von Danae erhält sie für diesen Freundschaftsdienst einen „dicken Scheck“. Leider klebt auch noch Crack an Budgies Körper.

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Ulla Mothes: Morgenluft

Kleingartenkolonie als Abbild der Gesellschaft – etwas dick aufgetragene Geschichte um Stadtentwicklung, Geheimnisse und Vertrauen

In einer ungenannten Stadt taucht eines Tages die junge Architektin Lu in einer Kleingartenanlage auf. Sie sucht dort Unterschlupf, nachdem ihr Freund, der auch gleichzeitig ihr Chef ist, sie betrogen hat. Nun steht sie ohne Arbeit und ohne Wohnung da.

Zu den Kleingärten hat sie eine besondere Beziehung, wollte ihr Ex-Freund doch genau auf deren Gelände eine große moderne Wohnanlage bauen. Davon sind die Kleingärtner natürlich wenig angetan, weshalb Lu ihre Insiderinformationen erst einmal verschweigt. So wird sie, zwar nicht mit weit offenen Armen, aber doch gutmütig akzeptiert als neue Mitbewohnerin. Erst nach und nach stellt sich heraus, was Lus wirkliche Absichten sind und was diese für die Kleingärtner letzten Endes bedeuten.

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Jonas Eika: Nach der Sonne

Phantasmografisch. Befremdlich. Wuchtig. Dies sind nur ein paar der Attribute, die in Bezug auf Jonas Eikas Roman fallen. Sein Roman löst Staunen und Unbehagen aus, er fasziniert und irritiert zugleich. Der dänische Autor wurde für dieses Buch – bestehend aus vier Erzählungen – 2019 bereits mit dem Literaturpreis des Nordischen Rats ausgezeichnet. Zudem schaffte er es 2022 auf die Shortlist des Internationalen Buchpreises und erhielt eine Nominierung für den International Booker Prize.

Auf nur 155 Seiten prangert der dänische Autor politische und gesellschaftliche Missstände an. Und zwar auf eine metaphorische, phantastische Weise, die lange nachhallt. Zentrales Motiv ist die Frage, was das Menschsein ausmacht. Dies verdeutlicht er anhand verschiedenster Formen der Entmenschlichung. Was bleibt, wenn der Menschsich selbst verkaufen muss, aus dem gesellschaftlichen Raster fällt oder unter die Räder des Turbokapitalismus geraten ist?

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