Josephine W. Johnson: Die November-Schwestern

Einen Neuanfang zu wagen, spricht für Mut. Alles hinter sich zu lassen, in die Fremde zu ziehen, um Farmland zu bearbeiten, zeigt Hoffnung. Margets Eltern haben beides, als sie diesen Weg wählen. Drei Mädchen und ein wenig Gepäck sind alles, was sie noch haben. Die gepachtete Farm, die Obstbäume, der Wald, die Weiden und steinige Felder werden ihr neues Zuhause. Doch da ist auch noch Verzweiflung, mit der sich Margets Eltern in die ungewisse Zukunft stürzen. Es heißt alles oder nichts. Genau genommen ist dieses Alles ein Berg von Schulden, der wie eine Eisenkugel an ihren Fesseln gekettet ist. Jeder Schritt wird doppelt schwer.

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Olivia Ford: Der späte Ruhm der Mrs. Quinn

Jennifer Quinn ist 77 Jahre alt. Ihr Leben lang hat sie gebacken. Nicht so einfache Sachen wie ich (und ich komme aus einer Bäckerfamilie). Auch nichts ohne Aufwand. Sondern so richtig tolle Dinge. Torten, die aufwendiger sind, als manche Hochzeitstorte vom Bäcker. Windbeutel gefüllt mit Dingen, von denen ich nicht mal gehört habe. Sie backt für ihre Familie, ihre Nachbarn und sie findet tiefe Entspannung in dieser Tätigkeit. Sie liebt die Sendung „Backduell“ und jetzt mit 77, befällt sie eines Tages das Gefühl, dass sie noch etwas tun muss im Leben. Dass sie sich noch nicht alt genug fühlt, um alles einfach abzuhaken. Aus dieser Stimmung heraus bewirbt sie sich bei „Backduell“. Zunächst erzählt sie niemandem davon, nicht mal ihrem Ehemann Bernhard, denn sie glaubt nicht daran, eine Chance zu haben. Schließlich ist sie doch eigentlich viel zu alt für solche Aktionen. Aber sie backt sich nach vorne, Runde um Runde – bis sie es nicht mehr verheimlichen kann.

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Sabrina Imbler: So weit das Licht reicht

Der Roman „Soweit das Licht reicht. Die Kreaturen der Tiefsee und was sie mir über das Leben erzählen“ von Sabrina Imbler führt in die Tiefen unserer Ozeane, soweit das Licht eben reicht und weiter. Dort unten leben Wesen ohne Licht, ohne Sauerstoff, blühen auf und vergehen, ohne dass wir sie sehen. Sie haben sich so sehr an diese Welt angepasst, dass sie an lebensfeindlichen Orten geboren werden, sich vermehren und sterben können, sie haben Mechanismen und Körper entwickelt, die sich manch eine:r von uns des Öfteren wünschen würde.

Wie viele Menschen leben in absolutem Unverständnis ihrer Außenwelt bezüglich ihrer Gefühle füreinander, ihrer Interessen und Ausdrucksweisen oder ihrer Sexualität. Ich weiß nicht genau, warum die intimsten Wesenszüge der Menschen derart ans Tageslicht gezogen werden müssen, sobald die Personen nicht dem plakativen „Normal“ entsprechen. Wieso existiert eine solche Angst, Abneigung, Distanz gegenüber Queerness, gegenüber so vielschillernden Arten, das Leben zu bewältigen?

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Ilona Jerger: Lorenz

Die Autorin Ilona Jerger hat Germanistik und Politologie studiert. Im Schreiblust-Leselust-Portal wurde auch ihr vorangegangener, 2017 erschienener  Roman Und Marx stand still in Darwins Garten rezensiert.

Ilona Jergers aktuelles Buch „Lorenz“ handelt vom Tierpsychologen und Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Die Autorin selbst schlüpft als Ich-Erzählerin in die Rolle einer Ornithologin, die ergänzend am biografischen Inhalt mitwirkt. Wie Ilona Jerger selbst beschreibt, lebt ihr Roman in einer Zwischenwelt, in der sie die biografischen und historischen Fakten gemäß ihrer künstlerischen Freiheit literarisch ergänzt.
So lernt man den Verhaltensforscher Lorenz, der seine Tierbeobachtungen bereits in der Kindheit und Jugend begonnen hat, von Seite zu Seite besser kennen:

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Charles Lewinsky: Der Teufel in der Weihnachtsnacht

Weil ihm Schwester Innocentia eine derart leckere Kombination aus Dresdener Christstollen und Panettone kredenzt, dass er viel zu viel davon isst, schläft der Papst in der Heiligen Nacht sehr schlecht und wird heimgesucht vom … Teufel. Der rechnet ihm behände vor, dass die Kirche nicht rentabel ist und empfiehlt ihm umfassende Umgestaltungen. Der Höllenfürst meint, man müsse fusionieren, umstrukturieren, kooperieren und überhaupt von Grund auf modernisieren. Reformieren sagt er bewusst nicht.

Weil alle Politiker, Wirtschaftsbosse und Werbetexter Lügner seien, habe er in der Hölle das akkurat passende Personal für die dringend notwendigen Erneuerungen. Es gehe ja schon mit dem Namen los. Heilige katholische Kirche. Unmöglich. Der Teufel würde den Konzern in „Wirklich Nützliche Gesellschaft“ umbenennen. Das klinge schon viel zeitgemäßer. In seinem fliegenden Ferrari nimmt er den Papst mit auf eine rasante Reise, durch die er ihm die Umgestaltungen schmackhaft machen möchte. Der Heilige Vater ist etwas überfordert und vor allem zögerlich.

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Roman Rozina: Hundert Jahre Blindheit

Wenn Roman Rozina, Sloweniens bedeutendster Autor, seinem Opus den Titel Hundert Jahre Blindheit gibt und sein wichtigster Charakter von Geburt an blind ist, könnte man leicht in die falsche Richtung schauen. Gleichzeitig fragt man sich, welche Geschichte der blinde Zeitzeuge Matija Knap über seine Familie erzählen könnte. Aus Gesprächen dürfte er erfahren haben, dass sein Großvater quasi aus dem Nichts einen der größten Bauernhöfe der Gegend geschaffen hat. Sein stur eingehaltenes Leitmotiv, immer mehr Land zu erwerben, sorgte für eine Arbeitslast, die er alleine nicht mehr tragen konnte.

Die Industrialisierung erreichte die Familie Knap, als im Tal der Kohlebergbau nicht nur für zahlreiche Arbeitsplätze sorgte. Die unterirdischen Grabungen veränderten auch die Landschaften. Erdrutsche nahmen in den Stollen das Leben der Bergleute, und oberirdisch zerstörten sie den Hof der Familie Knap und ihre Ackerflächen. Matijas Vater war gezwungen, im Bergbau zu arbeiten. Er zog mit seiner Familie in eine Werkswohnung und hoffte, Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs zu werden.

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David Fuchs: Zwischen Mauern

Fünf Akteure gibt es in diesem Buch. Herr T. liegt in einem abbruchreifen Pflegeheim und schreit während der Nacht, wenn keiner bei ihm ist. Er kann sich nicht artikulieren und erkennt niemanden. Er registriert allerdings, wenn jemand bei ihm sitzt. Meta ist Bankangestellte und nimmt sich eine kleine Auszeit. Sie betreut Herrn T. als sogenannte „Sitzwache“. Sie ordnet seine Decke, wenn die verrutscht, und befeuchtet seinen Mund. Dabei entdeckt sie, dass er Cognac mag und vermutlich ein Alkoholproblem hatte. Der Arzt Wendelin Pomp betreibt in diesem ausrangierten Heim eine Schmerzordination.

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Camille Laurens: So wie du mich willst

Keine leichte Mainstream-Kost – und gerade deshalb empfehlenswert

„Man sagt sich, er würde nicht alle zehn Minuten ins Netz gehen, wenn ihm das, was er tut, gefiele. Vielleicht beobachtet er, hinter der digitalen Pinnwand versteckt, ebenfalls, was Sie gerade tun?“ (S. 21)

Camille Laurens‘ Roman „So wie du mich willst“ entführt die Leser in die faszinierende Welt der digitalen Tarnung und zeigt, wie sich eine scheinbar harmlose Cyberspace-Lovestory zu einem gefährlichen Spiel entwickeln kann. Die Autorin wirft dabei einen tiefen Blick in die Psyche der 48-jährigen Claire, die durch ein gefälschtes Facebook-Profil als 24-jährige Single-Frau in die Untiefen des Internets abtaucht.

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Jon Fosse: Ein Leuchten

Ein Leuchten ist der neueste Roman des Literaturnobelpreisträgers 2023 Jon Fosse. Auch diesmal bleibt Jon Fosse dem für ihn typisch knappen, ohne Ausschmückung auskommenden, dafür um so eindringlicherem Schreibstil treu.

Was dem Protagonisten in „Ein Leuchten widerfährt, beziehungsweise, in welche Gefahr er sich in dieser Geschichte hineinkatapultiert, ähnelt den Nahtodbeschreibungen, die man vielleicht aus verschiedenen Berichten kennt.

Jon Fosse dringt mit den LeserInnen in „Еin Leuchten tief in die Gedankenwelt des Protagonisten ein. Dieser fährt ohne ein Ziel mit seinem Auto einfach los, biegt immer wieder in unterschiedliche Richtungen ab, bis er in einem Waldweg stecken bleibt. Anstatt umzukehren, um auf jemanden, der ihm helfen könnte, zu treffen, wagt er sich immer weiter in den düsteren Wald hinein. Die zunehmende Dunkelheit nimmt ihn gefangen, bald schon hat er den Orientierungssinn verloren. Er konfrontiert sich mit Selbstvorwürfen, reflektiert, was er falsch gemacht und wie er sich besser anders hätte entscheiden sollen.

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Daniel Schreiber: Die Zeit der Verluste

Daniel Schreiber (Jahrgang 1977) arbeitet als Autor, Übersetzer und Kolumnist. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschien 2021 sein Essay „Allein“. Mit „Die Zeit der Verluste“ veröffentlichte Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag am 20. November 2023 Daniel Schreibers neueste Abhandlung.

Tod, Trauer und Verluste

„Die Zeit der Verluste“ von Daniel Schreiber ist ein schmales Buch zu einem großen Thema. Nach dem Tod seines Vaters befindet sich Schreiber während eines Stipendiats in Venedig. Es ist Winter, kurz vor Beginn des Karnevals. An einem Tag im Nebel wacht Daniel Schreiber in einem Gästezimmer des Palazzo Barbarigo auf, in dem das Centro Tedesco di Studi Veneziani untergebracht ist. Er trauert um seinen Vater, der vor einiger Zeit nach langer Krankheit verstorben ist:

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