John Boyne: Erde

John Boynes Roman „Erde“ ist der zweite Band seines ambitionierten „Elemente“-Projekts und schildert die Geschichte von Evan Keogh, einem gefeierten Fußballprofi, dessen glänzende Karriere durch einen Skandal abrupt ins Wanken gerät. Boyne verknüpft dabei zwei zentrale Handlungsebenen: Evans Weg von der bedrückenden irischen Inselkindheit bis hin zum Luxusleben in London – und eine dramatische Gerichtsverhandlung, in der es um Missbrauchsvorwürfe geht.

Stilistisch liefert Boyne wie gewohnt eine dichte Erzählung: Seine Sprache ist klar, die Dialoge sind pointiert. Dass sich die Geschichte in der Fußballwelt abspielt und dabei das toxische Maskulinitätsklima ungeschönt offenlegt, gibt „Erde“ seine gesellschaftliche Relevanz und unmittelbare Aktualität. Die Gerichtsverhandlung, die im Zentrum des Romans steht, zieht Leserinnen und Leser unweigerlich in einen Moralkonflikt.

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Daniel Donskoy: Brennen

Der Debütroman des Schauspielers und Musikers Daniel Donskoy, Brennen, ist ein Roadtrip durch das Leben eines jungen Mannes, der vor allem eines möchte: sich lebendig fühlen.

In kurzen Episoden schildert er teils skurrile Begegnungen – etwa eine sizilianische Jagdgesellschaft, ein in Flammen stehendes Filmstudio nahe Auschwitz oder eine Nacht in Tel Aviv, die einst alles veränderte. Der Erzähler reflektiert dabei immer wieder über vergangene Zeiten und die Freundschaft zu einem gewissen Tyler, die nach Jahren wieder aufgenommen werden soll.

Kritisch fällt auf, dass Donskoy an manchen Stellen Gesprächs- und Gedankenpassagen einstreut, die durch ihre etwas pseudo-intellektuelle Färbung eher bemüht wirken. Seine Beschreibungen von Grenzübertritten, Übermut und Leidenschaft werden oft durch teils schwerfällige, selbstverliebte Sprachbilder ergänzt, was der Geschichte einiges von ihrer Kraft und Glaubwürdigkeit nimmt.

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David Szalay: Was nicht gesagt werden kann

David Szalays Roman Flesh – in deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel Was nicht gesagt werden kann – ist ein stilles, eigentümliches Werk, das sich um eine Hauptfigur dreht, die ebenso schwer fassbar wie verstörend faszinierend wirkt. Szalay, 1974 in Kanada geboren und seit Jahren als einer der präzisesten Beobachter unserer Gegenwart geschätzt, steht mit diesem Buch auf der Shortlist des Booker Prize.

Ein Held wider Willen
Protagonist István ist ein Mann, der Gesprächen ausweicht und Worte meist nur als Echo zurückgibt. „Ob es mir gut geht?“ fragt er, wenn man ihn selbst danach fragt. Auf knapp 400 Seiten wiederholt sich dieses Muster – irritierend, lakonisch oder subtil entlarvend, je nach Lesart. Szalay zeichnet damit das Bild eines Getriebenen, der kaum handelt, sondern reagiert, hinnimmt, was andere für ihn entscheiden, und in Bahnen gerät, die nicht die seinen sind.

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John Boyne: Wasser

John Boynes Roman „Wasser“ ist der erste Band seines groß angelegten Elemente-Zyklus und erzählt kompromisslos wie einfühlsam von Schuld, Mitwissen und Selbstfindung. Im Mittelpunkt steht Vanessa Carvin, die nach den kriminellen Machenschaften ihres Mannes ihr Leben hinter sich lässt, sich die Haare abschneidet und auf eine abgelegene irische Insel flieht. Dort versucht sie, unter neuem Namen und fernab der Presse aufzutauchen, ihre eigene Rolle in den Geschehnissen zu hinterfragen und herauszufinden, wo die Grenze zwischen Nichtwissen und Mitschuld verläuft.

John Boyne gelingt es dabei, die tiefenpsychologischen Abgründe einer Frau auszuloten, die sich zwischen Flucht, Reue, Repressalien und der Suche nach Vergebung bewegt. Die Handlung entfaltet sich ruhig, fast kontemplativ, während Details aus Vanessas Vergangenheit und ihrem Familienleben langsam ans Licht treten: Der Vater ihrer beiden Töchter sitzt im Gefängnis, eine Tochter ist tot, zur anderen bricht der Kontakt ab, und Vanessa muss sich den düsteren Fragen nach ihrer eigenen Wahrnehmung und Verantwortung stellen. Besonders gelungen ist die leise, aber nachhaltige Spannung: Statt die Taten des Ehemanns auszubreiten, konzentriert sich Boyne ganz auf Vanessas Innenwelt und das Motiv der Blindheit – wusste sie wirklich nichts oder wollte sie es nicht wissen? Weiterlesen

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​Nelio Biedermann: Lázár

Im Mittelpunkt von Nelio Biedermanns Debütroman steht die ungarische Adelsfamilie Lázár, deren Schicksal sich vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Volksaufstand von 1956 spannt. Beginnend mit der Kindheit von Lajos von Lázár auf einem verfallenden Gutshof, verfolgt der Roman drei Generationen durch Kriege, politische Umwälzungen, Enteignung und Exil. Die Figuren erleben Liebe, Verrat, Verlust und die Suche nach Identität – stets im Schatten der großen Geschichte.

Bereits mit 21 Jahren gelingt Biedermann damit ein beeindruckendes Werk, das durch seine große Emotionalität und psychologische Genauigkeit besticht. Über dem gesamten Werk schwebt ein Hauch von Melancholie, die zum langsamen Untergang der k.u.k.-Monarchie genauso passt wie zum späteren Übertritt Ungarns in den Kommunismus und die Verfolgung Andersdenkender.

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Heinrich Steinfest: Das schwarze Manuskript

Heinrich Steinfests neuer Roman „Das schwarze Manuskript“ beginnt mit einer scheinbar alltäglichen Szene: Ashok Oswald, ein wohlhabender Mann, schwimmt wie jeden Morgen in seinem Pool. Doch an diesem Tag wird er von drei Fremden gezwungen, ein geheimnisvolles Manuskript herauszugeben, das ihm einst von Peter Bischof anvertraut wurde. Die Dringlichkeit und Entschlossenheit der Eindringlinge lassen Ashok erkennen, dass dieses Buch von ungeahnter Bedeutung ist. Um das Rätsel zu lösen, verlässt er sein bisheriges Leben und begibt sich auf eine Suche, die ihn in einen Zwischenbereich von Literatur und Realität führt.

Steinfest ist bekannt für seinen humorvollen, originellen Stil, der auch in diesem Roman zum Tragen kommt. Besonders die ersten Seiten sind geprägt von Witz, überraschenden Perspektivwechseln und einer Sprache, die das Alltägliche ins Groteske kippen lässt.

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Tommy Wieringa: Nirwana

Tommy Wieringas Roman „Nirwana“ ist ein vielschichtiges, generationenübergreifendes Epos, das Themen wie Einsamkeit, familiäre Konflikte und das Ringen mit der eigenen Herkunft vereint.

Im Zentrum steht Hugo Adema, ein gefeierter Künstler, dessen Leben stagniert, nachdem ihn seine große Liebe Loïs verlassen hat. Er begibt sich zurück auf das Anwesen seiner Großeltern, um die Vergangenheit seines 100-jährigen Großvaters Willem Adema zu erforschen.

Willem war während des Zweiten Weltkriegs zunächst Mitglied der SS, bevor er zum Widerstand überging. Nach dem Krieg baute er ein erfolgreiches Offshore-Ölunternehmen auf, das die Familie bis in die Gegenwart prägt. ​Die Familie schweigt über Willems NS-Vergangenheit. Hugo, im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder Willem junior, der das Familienunternehmen führt, steht mit seiner Kunst und seinem spirituellen Hang zum Buddhismus für eine Gegenposition zum Kapitalismus, den er kritisch sieht. Weiterlesen

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Jonas Hassen Khemiri: Die Schwestern

Auf über 700 Seiten entfaltet Jonas Hassen Khemiri in seinem Roman „Die Schwestern“ ein Panorama, das sich über 35 Jahre und mehrere Kontinente erstreckt. Im Mittelpunkt steht eine Familie, insbesondere die drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia Mikkola. Die Geschichte beginnt mit dem jungen Jonas, der die Drei in seinem Stockholmer Viertel kennenlernt. Zwischen Nachbarschaft, Freundschaft, Geheimnissen und familiären Verstrickungen verweben sich ihre Biografien im Laufe der Jahrzehnte zunehmend miteinander.

Die familiäre Herkunft – der Vater ist Tunesier, die Mutter Schwedin – bringt eine Vielfalt an Perspektiven in die Erzählung, besonders spürbar in der facettenreichen Darstellung der drei Schwestern, die in ihrer Eigenart und inneren Zerrissenheit faszinieren. Im Verlauf des Romans werden Themen wie Identität, Migration, das Suchen und Verlieren sowie der Spagat zwischen Träumen und Realität einfühlsam aufgegriffen.

Immer wieder kehrt das Motiv zurück, dass alles Geliebte letztlich verloren geht, was der Erzählung sowohl Tiefe als auch eine gewisse melancholische Grundstimmung verleiht. Khemiri gliedert seinen Roman in 137 Kapitel, aufgeteilt in sieben Bücher. Seine Erzählweise ist verspielt, assoziativ und geprägt von langen, fließenden Sätzen. Besonders bemerkenswert ist die experimentelle Vermischung aus Metafiktion – die Hauptfigur trägt den Namen des Autors – und realistischen, berührenden Schilderungen zwischen Alltag und existenziellen Krisen. Weiterlesen

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Ralf Günther: Ein grenzenloser Sommer

Ralf Günthers Roman „Ein grenzenloser Sommer“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem jungen DDR-Steward Ronni und der westdeutschen Jurastudentin Sabine im Sommer 1988 an Bord des Kreuzfahrtschiffs MS Arkona. Das ist das Schiff, auf dem einst die „Traumschiff“-Folgen aus der gleichnamigen ZDF-Serie gedreht wurden. Die Handlung ist im Spannungsfeld zwischen Ost und West, politischer Überwachung und persönlicher Freiheit angesiedelt und bietet damit einen Einblick in ein Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.

Positive Aspekte:

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Heinz Strunk: Kein Geld Kein Glück Kein Sprit

Mit „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ liefert Heinz Strunk eine Sammlung von Kurzgeschichten, die seine unverwechselbare Handschrift tragen: scharf beobachtet, abgründig, makaber und zugleich von einer bitteren Komik durchzogen. Strunk entführt die Leserinnen und Leser in eine Welt, die auf den ersten Blick fremd und düster erscheint, aber in ihrer Überzeichnung stets einen Spiegel der eigenen Realität vorhält.

Seine Figuren sind oft Außenseiter, Verlierer oder Menschen in prekären Lebenssituationen, die sich mit mehr oder weniger skurrilen Mitteln durchs Leben schlagen. Dabei gelingt es Strunk meisterhaft, das Tragische mit dem Komischen zu verweben, sodass man beim Lesen gleichermaßen schmunzelt und nachdenklich wird.

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