Daphne Palasi Andreades: Brown Girls

Wenn Vielfalt zur Klischeefalle wird: Wie „Brown Girls“ an seinen Ambitionen scheitert

„Solche Jungs sind nicht gut genug für dich – siehst du das nicht?

Und so »sehen« manche von uns – die gehorsamen Mädchen, die Enttäusch-deine-Familie-nicht-Mädchen, die Willst-du-nicht-was-Besseres-im-Leben-Mädchen – dann doch.“ (S. 65)

Eine moderne, essayartige Geschichte straight outta Queens, New York.

Queens, die Königin der Kulturen. Mehr kulturelle Diversität aka Multikulti als hier geht nicht, denn New York war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der vibrierende Traum vieler Vertriebener und Flüchtlinge.

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Ann Patchett: Der Sommer zu Hause

Ein Wohlfühlroman der Meisterklasse – ohne Drama, ohne Action, aber wunderschön

Er ist nicht spannend, er zeigt keine Action, keine Dramatik, es gibt keine romantische Liebe und kein Happy End. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist dieser Roman etwas ganz Besonderes, etwas ganz besonders Schönes.

Ann Patchett erzählt behutsam, mit Humor und Melancholie, mit Einfühlsamkeit und Präzision von einem Sommer auf dem Land, auf einer Kirschplantage in Michigan, während der Pandemie. Und sie erzählt von einer toxischen Beziehung, von Schauspielern. Von Freundschaft und Familienglück, von Ehrlichkeit und von Träumen, von solchen, die wahr werden und anderen, die verborgen bleiben.

Im Sommer der Pandemie kommen die drei Töchter von Lara nach Hause auf die Kirschfarm der Eltern. Abgeschieden von anderen Menschen und ohne die sonst üblichen Hilfskräfte muss die Familie nahezu allein die Kirschernte bewältigen. Unterbrochen wird die viele und harte Arbeit durch Laras Erzählung ihres Lebens. Die Töchter, Emily, die Älteste, die einmal den Hof übernehmen wird, Maisie, die Mittlere, angehende Tierärztin, und Nell, das Nesthäkchen, das davon träumt, Schauspielerin zu werden. So wie ihre Mutter das einmal war.

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James Ellroy: Die Bezauberer

James Ellroys Roman „Die Bezauberer“ beginnt faszinierend. Wir werden in Marilyn Monroes Schlafzimmer in Hollywood im Sommer 1962 gebeamt, kurz nachdem sie tot aufgefunden worden ist. Größen jener Zeit wie die Kennedy-Brüder, die Schauspieler Peter Lawford oder Liz Taylor, die gerade „Cleopatra“ dreht, kommen genauso vor wie eine Vielzahl von weiteren realen und fiktiven Figuren.

Hauptfigur ist der alkohol- und drogenabhängige Ich-Erzähler Freddy Otash, ein Ex-Cop und Schnüffler, der Informationen beschaffen soll und dabei für wechselnde Auftraggeber arbeitet.

Der Roman lebt von seiner atmosphärischen Dichte. Es gelingt Ellroy, die Stimmung jener Zeit und jenes Ortes – zumindest wie sie gewesen sein könnte – glaubhaft zu vermitteln. Wie alle James-Ellroy-Romane („L.A. Confidential“ z.B.) ist auch dieser rau und brutal. Im Grunde alle Figuren lügen und sind korrupt. Polizisten nehmen auch mal den Tod eines Gefangenen in Kauf, um den Aufenthaltsort einer Geisel zu erfahren – wie in der eindrücklichen Anfangsszene beschrieben. Lichtblicke oder Hoffnungsschimmer gibt es so gut wie gar nicht. Bei aller stilistischen Brillanz: Das muss man mögen, um diesen Roman in vollen Zügen genießen zu können.

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Melanie Metzenthin: Unsere kurze Ewigkeit: Margarethe und Fritz Krupp

Sie hatte kein einfaches Leben. Geboren als Margarethe, Freiin von Ende, viertes von zehn Kindern des preußischen Oberpräsidenten August Freiherr von Ende. Margarethe war die älteste Tochter. Sie wurde schon früh mit hausfraulichen Arbeiten betraut, besuchte lediglich für zwei Jahre eine höhere Töchterschule. Sie setzte sich gegen die strenge Mutter, zu der sie erst spät ein recht gutes Verhältnis entwickelte, durch, mit dem Wunsch, ein Lehrerinnenseminar zu besuchen und als Gouvernante zu arbeiten. Zunächst in England, danach am Hof von Sachsen-Anhalt, wo sie die Bekanntschaft der Prinzessin Maria-Anna machte, die später zu einer engen Freundin und Vertrauten wurde. Fritz Krupp lernte sie als junges Mädchen bei einem Besuch des Vaters in Essen, in der Villa Hügel kennen. Mit seiner Mutter verband sie von Anfang an eine freundschaftliche Beziehung. Fritz und Margarethe waren sich ebenfalls freundschaftlich verbunden. Sein Heiratsantrag, den er ihr in England machte, kam durchaus überraschend.

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Leigh Bardugo: Der Vertraute

Das Mädchen Luzia ist eine Waise und schlägt sich als Küchenmädchen in einer eher nicht so reichen und angesehenen Familie in Madrid durch. Um sich die Arbeit ein wenig zu erleichtern, wendet sie leichte Magie an, was im Spanien zur Hochzeit der Inquisition nicht ganz ungefährlich ist. Eines Tages wird sie von ihrer Herrin dabei erwischt und diese erkennt ihre Chance, durch Luzias Fähigkeiten in der Gesellschaft aufzusteigen. So zwingt sie das Mädchen dazu, vor Gästen zerbrochene Gläser wieder zusammenzufügen. So gerät sie ins Visier von mächtigen Männern, die sie in einem Magieturnier antreten lassen wollen, um ihre eigene Reputation zu stärken.

Dabei wird ihr der geheimnisvolle Santángel zur Seite gestellt, um sie zu unterrichten und auf die Prüfungen des Turniers vorzubereiten. Die Liebesgeschichte bleibt dabei nicht aus.

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Penelope Douglas: Corrupt: Dunkle Versuchung

Rika zieht zum Studieren in die Großstadt, das erste Mal im Leben ist sie auf sich alleine gestellt. Was sie nicht ahnt ist, dass in der Großstadt jemand bereits auf sie wartet, es ist der Mann, in den sie schon immer heimlich verliebt ist, der sie aber immer mit Verachtung gestraft hatte. Er und seine Freunde warten seit drei Jahren darauf, Rika für das bezahlen zu lassen, was sie ihnen damals angetan hat. Michael weiß, dass Rika ihn will und beginnt ein böses Spiel mit ihr.

Ich habe gelernt, dass Dark Romance definitiv nicht mein Genre ist, ein paar Szenen in dem Buch fand ich schon ziemlich heftig. Vor allem, dass Rika sich alles gefallen ließ, störte mich. Der Großteil des Buches ist langatmig oder einfach nur anstrengend. Mehr als einmal habe ich mich schwergetan mit der Geschichte, und ich werde die Reihe auf keinen Fall weiter verfolgen. Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt, sodass man die Charaktere besser kennenlernen konnte und auch die Hintergründe besser verstehen konnte.

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Vera Buck: Das Baumhaus

Vera Bucks neuer Thriller „Das Baumhaus“ hat bereits vor seiner Veröffentlichung hohe Erwartungen geweckt. Doch hält er, was er verspricht?

In unserer neuen Doppel-Rezension nehmen wir das Buch aus zwei verschiedenen Lese-Blickwinkeln unter die Lupe.

Während unsere Rezensentin Olivia Grove die Spannung vermisste und sich durch Nebenerzählstränge verloren fühlte, sieht Renate Müller Potenzial, das jedoch durch überkonstruierte Elemente und schablonenhafte Charaktere getrübt wird.

Rezension von Olivia Grove:

Suspense aller erster Klasse? Für mich definitiv nicht.

„Bullerbysyndromet“. So nennt man die überzogene Liebe der Deutschen zum idyllischen Heile-Welt-Schweden. Einem Schweden, das sich direkt aus Kindergeschichten speist.“ (S. 32)

Vera Bucks neuer Thriller „Das Baumhaus“ verspricht einen idyllischen Urlaub in Schweden, der sich schnell in einen Albtraum verwandeln soll.

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Eleanor Elliot Thomas: Das Gegenteil von Erfolg

Es ist einfach zu köstlich, mitzuerleben, wie zwei Freundinnen unaufhaltsam auf die größten Katastrophen ihres Lebens zusteuern. Sämtliche Versuche das Unglück abzuhalten, sind absolut kontraproduktiv und befeuern die Probleme eher. Könnte allerdings auch an den gewählten Methoden liegen. Denn weder Alkohol noch Affären, weder modische Jumpsuits noch eine erfundene „Schamkrebs“-Erkrankung, weder übereifrige Streberkollegen noch militante Klimaaktivsten tragen zur Deeskalation der Sachlage bei.

Selten war Scheitern witziger!

Eigentlich sollte es der Tag des Triumphs für die 38-jähriger Australierin Lorrie werden. Die zweifache Mutter hat zwar mit einigen Pfunden zu kämpfen, doch sie hat einen Mann, der sie liebt, zwei bezaubernde Töchter und nun auch noch eine Beförderung als Teamleiterin bei der Stadtverwaltung in Aussicht. Zudem soll heute Abend ihr Projekt „Green Cities“ eingeweiht werden – großflächige Dachbegrünungen auf dem Glup Center for Contemporary Art. Das Gebäude gehört einem nicht ganz unumstrittenen Öl-Magnaten, Multimillionär und Mitsponsor des Projektes. Leider entwickelt sich der schicksalsträchtige Tag ganz anders, als erwartet.

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Leonie Schöler: Beklaute Frauen

Haben Sie schon mal was von Clara Immerwahr, Cécile Vogt, Mileva Maric gehört? Wahrscheinlich eher nicht. Schade eigentlich, denn diese und eine Unzahl anderer Frauen sollten eigentlich mindestens so bekannt sein wie die Männer, mit denen oder für die sie gearbeitet, geforscht haben oder künstlerisch tätig waren. Bis zum 20. Jahrhundert wurden Frauen leider in der Regel belächelt und nicht für fähig gehalten, eigenständig zu denken, geschweige denn Großes zu leisten.

Weder in der Wissenschaft, noch in der Kunst. Pablo Picasso z.B. sprach den Frauen dieses Können ganz offen ab, ließ sich aber gerne von ihnen inspirieren oder nutzte sie als Muse. Ebenso Karl Marx, der seine Familie entsprechend „ausnutzte“. Bertolt Brecht arbeitete intensiv mit Elisabeth Hauptmann zusammen, einer jungen Schriftstellerin, die als seine Assistentin arbeitete und ihn auf die „Beggar’s Opera“ aufmerksam machte und die sie dann für ihn übersetzte. Auf der Übersetzung dieser Gesellschaftssatire basierte dann die „Dreigroschenoper“.  Elisabeth Hauptmann erhielt für ihre Mitarbeit ein Honorar, ihre inhaltliche Mitarbeit wurde nie erwähnt. Oder Mileva Maric, die in Zürich Mathematik und Physik studierte, gemeinsam mit Albert Einstein.

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Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

„Bitte der Reihe nach lesen.“

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad im ehemaligen Jugoslawien geboren. 1992 flüchtete er mit seinen Eltern nach Heidelberg. Aktuell lebt Saša Stanišić mit seiner Familie in Hamburg. 2014 erhielt er für seinen Roman „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse. Für das Buch „Herkunft“ aus dem Jahr 2019 bekam er den Deutschen Buchpreis. Nun erschien am 30. Mai 2024 im Luchterhand Literaturverlag Stanišićs neuestes Werk mit dem langen Titel „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“. Darin sind zwölf Episoden, die – so die Bitte des Schriftstellers an die Leserinnen und Leser – „nach der Reihe“ gelesen werden sollen.

„Aber wo war vorne?“

Das fragt sich Gisela, „gern nur Gisel“, beim Abstellen der Gießkanne am Grab ihres Ehemannes Hermann, das sie trotz Knieschmerzen und Traurigkeit seit vier Jahren jeden Tag besucht, in der Titelgeschichte des Buches. Und auch Herr Leip, Johann Leip, der Friedhofsbesucher und Witwer mit der Schiebermütze und dem Fischgrätenjackett, kennt den Gießkannencode. Und er ist „Landesmeister von Schleswig-Holstein im Schmieren von Broten“.

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