Jonathan Rosen: The Best Minds: Vom Gipfel des akademischen Ruhms in die Psychiatrie

Ausschweifendes, verkopftes Puzzle!

Bevor wir tiefer einsteigen:

Ein erfahrener Biograf mit echtem Verständnis für Schizophrenie – und ohne das Bedürfnis, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken – hätte dieser Geschichte vermutlich mehr Würde verliehen.

Stattdessen wirkt das Buch wie eine schiefe Bühne, auf der der Autor weniger das Leiden seines Freundes beleuchtet als seine eigene Rolle im Schatten desselben. Die unterschwellige Eifersucht, die sich wie ein roter Faden durch die Seiten zieht, macht das Ganze nicht nur fragwürdig, sondern auch unangenehm intim – jedoch auf eine Art, die nicht berührt, sondern befremdet.

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Friederike Oertel: Urlaub vom Patriarchat: Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen

Mutiger Blick auf Macht und Weiblichkeit

„Urlaub vom Patriarchat“ ist eine kluge, essayistische Melange aus Reisebericht, Autobiografie, Sachbuch und Systemkritik – mal inspirierend persönlich, mal einfach zu theoretisch.

Auf ihrer Reise nach Juchitán de Zaragoza im Süden Mexikos, einem der letzten Matriarchate der Welt, reflektiert Friederike Oertel über das Frausein, Geschlechterrollen und patriarchale Strukturen.

Ihre Erlebnisse vor Ort, die von Begegnungen, Brüchen und gelebter Vielfalt geprägt sind, blitzen wie Sonnenstrahlen durch den theoretischen Nebel. Doch diese leuchtenden Momente verlieren sich oft im dichten Faktengeflecht, obwohl gerade sie dem Werk Echtheit, Wärme und Weitblick hätten verleihen können.

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Hervé Le Tellier: Der Name an der Wand

Alles beginnt mit einer Inschrift auf einer Wand. Der Autor, Hervé Le Tellier, den meisten bekannt geworden durch seinen in 44 Sprachen übersetzten Bestseller »Die Anomalie«, kauft ein Haus in der Provence und findet dort, eingeritzt in die Hauswand, einen Namen: André Chaix. Als er erfährt, dass es sich um einen Widerstandskämpfer handelt, der 1944, gerade 20 geworden, von deutschen Soldaten ermordet wurde, beginnt er zu recherchieren. Durch Zufall gerät eine kleine Kiste in seine Hände mit Liebesbriefen, ein paar Fotografien und persönlichen Gegenständen, die er die »Staubflocken aus dem Leben des André Chaix« nennt (Fotografien dieser Dokumente finden sich über die Kapitel verteilt).

Was daraus wird? Eine aufgrund des dürren, ›staubigen‹ Materials weitestgehend imaginierte Biografie. Eine Reportage. Ein Geschichtsbuch. Eine Liebesgeschichte. Eine Sammlung persönlicher Betrachtungen.

Zentrum des Geschehens ist der Ort Dieulefit im Südosten Frankreichs, im Zweiten Weltkrieg ein Zentrum des antifaschistischen Widerstands (ein Name, der fast erfunden wirkt: »Von Gott geschaffen«!). Von hier aus spinnt Le Tellier seine Fäden. Er erzählt von den Menschen dieses Dorfes, spekuliert, was Andrés Motive gewesen sein könnten, der Resistance beizutreten, ob André und Simone diesen Film gesehen haben, ob André jenen Widerstandskämpfer gekannt hat, stellt sich die Angst vor, die André befallen haben muss, als sein Trupp in einen deutschen Hinterhalt geriet.

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Patric Gagne: Soziopathin: Meine Geschichte

Soziopathin

Wie authentisch kann eine privilegierte Perspektive sein, wenn sie für universell gehalten wird?

„Deine Freunde würden mich wohl als nett bezeichnen. Aber weißt du was?

Ich ertrage deine Freunde nicht.

Ich bin eine Lügnerin. Ich bin eine Diebin. […] Ich bin hochgradig manipulativ.“ (S. 13)

Was, wenn du keine Angst kennst? Kein Mitgefühl, keine Reue – nur innere Leere. In „Soziopathin erzählt Patric Gagne, wie sie genau damit lebt – und was das über uns alle verrät. Keine Gefühle, aber ein scharfer Blick auf eine Welt, die Empathie voraussetzt.

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Ken Stornes, Heidi Friedrich: Mein Leben als letzter Wikinger

Der norwegische Extremsportler Ken Stornes sieht das Besondere, nicht das Gewöhnliche. „Die Oberfläche des Normalen interessiert mich nicht. Für mich ist das Leben … wie das Skript eines fulminanten Kinofilms. Und ich bin die Hauptfigur darin.“ (S. 197)

Vielleicht hat er aus diesem Grund seiner Biografie den Titel Mein Leben als letzter Wikinger gegeben. Die Faszination der nordischen Mythen hat sein Onkel ihm schon in seiner Kindheit nahegebracht. Damals besuchte Ken seinen Onkel häufig, wenn dieser seine Schafherde hütete. In der Einsamkeit erzählte er ihm dann die unzähligen Geschichten von Helden und ihren Kämpfen. Heute kennt Ken Stornes zahlreiche Gleichgesinnte, die das Wikingerleben und deren Ideale zelebrieren. Sie alle bevorzugen ein archaisches Leben in der Natur und die Bewahrung alter Traditionen.

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Annie Ernaux: Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus

Die 1940 geborene französische Schriftstellerin Annie Ernaux hat ihren Bekanntheitsgrad vor allem durch ihr autobiografisches Schreiben geprägt. Sie bezeichnet sich nach eigener Aussage als „Ethnologin ihrer selbst“. Ihre Romane wurden vielfach gefeiert und mit Auszeichnungen versehen. Im Jahr 2022 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur verliehen.

In unserem Leselustportal sind fünf weitere Romane von Annie Ernaux zu finden: Erinnerung eines Mädchens (2018), Eine Frau (2019), Der Platz (2020), Der junge Mann (2023), Eine Leidenschaft (2024).

Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus“  ist der letzte Satz, den die Mutter von Annie Ernaux aufgeschrieben hat. In ihrem neuen Buch beschreibt Ernaux den Zerfall ihrer unter der Alzheimer-Erkrankung leidenden Mutter. Lange Zeit verwahrte sie ihre persönlichen Notizen über diese letzte schwere Zeit mit der Mutter in einer Schublade, bevor sie sich nach über zehn Jahren doch noch für die Veröffentlichung entschied.

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Chloe Dalton: Hase und ich

Chloe Dalton ist Autorin, politische Beraterin und Expertin für Außenpolitik. Sie lebt in London und auf dem Land. Mit „Hase und ich“, einem Sachbuch aus dem Bereich Natur, hat sie ihr Debüt geschrieben. Auf Deutsch ist das Buch am 15. März 2025 bei Klett-Cotta erschienen. Übersetzt hat es Claudia Amor.

Nature writing at its best oder Wie ziehe ich einen Feldhasen auf?

Chloe Dalton schreibt in „Hase und ich“ über ihre reale Begegnung mit einem Junghasen während der Corona-Pandemie. Sie findet das Hasenjunge, verlassen von seiner Mutter, auf einem ihrer Spaziergänge durch die Felder irgendwo im ländlichen England. Dalton hat sich in ihr Cottage auf dem Land zurückgezogen, um die Pandemie dort gesund zu überstehen. Nach einigem Zögern nimmt sie den kleinen Hasen mit ins Haus. Sie zieht ihn zunächst mit laktosefreiem Milchersatz, der für Katzenbabys gedacht ist, auf. Aber sie gibt ihm keinen Namen und berührt ihn nur, wenn es absolut nötig ist. Von Anfang an will Dalton ihn wieder in die Freiheit entlassen. Aber zunächst muss der kleine Hase überleben. Chloe Dalton recherchiert alles, was sie zu Feldhasen finden kann und stellt fest, dass es wenig Material über sie gibt. Nur über die Hasenjagd findet sie etwas mehr Informationen. So entwickelt sie nach und nach ihren eigenen Weg im Umgang mit dem wilden Tier. Und der Hase, der sich als Häsin herausstellt, überlebt tatsächlich unter ihrer Pflege. Lebt im Haus und Garten, ganz freiwillig. Bis die Häsin eines Tages über die Mauer in die Freiheit springt. Aber auch danach kehrt sie immer wieder zu Chloe Dalton zurück. Und bringt sogar ihre eigenen Jungen mit.

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Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen

Appell gegen die Ignorierung des Klimawandels

Zu Beginn eine Warnung: Für Leserinnen und Leser, die sich mit der Klimakrise und ihren Ursachen noch nicht allzu intensiv beschäftigt haben, klingen Teile dieses Buchs womöglich wie frei erfundene Verschwörungstheorien. Das ist aber ein falscher Eindruck. Es handelt sich bei allem, was auf den folgenden Seiten berichtet wird, um belegbare Fakten.“ (S.9)

Diese Triggerwarnung gleich am Anfang des Buches macht Sinn: Christian Stöcker deckt auf, mit welchen Methoden Interessengruppen und einflussreiche Personen versuchen, jegliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels offen oder subtil zu verhindern oder gar die Existenz des Klimawandels zu leugnen.

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Rabea Weihser: Wie wir so schön wurden. Eine Biografie des Gesichts

Topaktuell, witzig, empathisch: Dieses hochinteressante Buch über Schönheitstrends von der Antike bis zur heutigen Filler- und Filtergesellschaft legt die unstillbaren Sehnsüchte der Gesellschaft nach dem perfekten Aussehen dar. Die ehemalige Musikredakteurin von Zeit Online präsentiert Fakten aus Anthropologie, Biologie, Psychologie und Soziologie, die zum Entstehen von Schönheitstrends geführt haben. Welche Rolle spielen Macht, Status und Kapitalismus? Was können wir dem Fluch der vom Jugendwahn besessenen Gesellschaft entgegenhalten? Warum hat die Evolution überhaupt Schönheitsmerkmale erfunden? Inwieweit ist die weibliche Schönheit ein Palindrom? Warum wurde der rote Lippenstift im Zweiten Weltkrieg zum politischen Statement? Vom Sinn und Unsinn von Beauty Idealen, von der tödlichen Bleichcreme zum überzeichneten Instagram-Gesicht, das wir nicht mehr „lesen können“, lustwandeln wir durch den bezaubernden Irrgarten der Beautyhistorie.

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Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen: Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend

Online-Diagnosen zwischen Enttabuisierung, Glamourisierung & Kommerzialisierung

„Typisch ADHS!“, „Sad Girl Culture“, „Anxiety-Chic“ und Depressionsromantik – psychische Gesundheit ist in der digitalen Welt längst mehr als nur ein Thema, sie ist ein Trend. Doch was steckt hinter diesem Hype?

Laura Wiesböcks Buch setzt auf eine kritische Perspektive, doch für meinen Geschmack fehlt es an einer vielfältigeren Betrachtungsweise. Ein Blick auf die positiven Aspekte der Online-Communitys hätte die Analyse nicht nur abgerundet, sondern auch anregende Blickwinkel eröffnet.

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