Nina Polak:  Zuhause ist ein großes Wort

Der Zugang zu „Zuhause ist ein großes Wort“ von Nina Polak fiel mir zugegebenermaßen schwer. Dabei ist die Protagonistin durchaus sympathisch, der Schreibstil ungewöhnlich und fesselnd, die Handlung interessant.

Die Skip genannte Nienke war mehrere Jahre auf den Meeren unterwegs und kehrt nun nach Amsterdam, ihrer Heimatstadt, zurück. Wieder wohnt sie, wie schon als junges Mädchen, bei den wohlhabenden Zenos, Niko und Mascha und deren Sohn Juda, der inzwischen ein Jugendlicher ist.

Nach und nach entdeckt sie die Stadt neu, findet sich in ihren Erinnerungen zurecht, trifft frühere Freunde und Bekannte und ihren Ex Borg, der eine Verlobte hat und doch wieder mit ihr etwas anfängt. Von Bedeutung ist Nienkes Verhältnis zu ihrer verstorbenen Mutter, nach deren Tod sie damals von den Zenos aufgenommen wurde. In einem Lagercontainer durchforstet sie die Habseligkeiten, die sie dort einlagerte, bevor sie, quasi eine Flucht, vor sieben Jahren aufbrach.

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Cecilia Joyce Röski: Poussi

Der Roman „Poussi“ von Cecilia Joyce Röski ist schon der zweite von mir rezensierte Roman, der ein Leben im Rotlichtviertel beleuchtet. Doch auch wenn das Thema dasselbe ist wie in „La Maison“von Emma Becker, erzählt Röski doch eine völlig andere Geschichte. Aus wie vielen Perspektiven lässt sich ein Leben betrachten? Von außen, von innen, in Wahrheit, in Selbstbetrug? Letzteres scheint in „Poussi“ der Fall zu sein.

Die Anfang 20-jährige Ibli lebt und arbeitet im „Palast“, einem Bordell, das ihr Vater, von allen nur Lackschuh genannt, gegründet hat und in dem schon ihre Mutter sich prostituierte. Ibli ist in dem Etablissement aufgewachsen und hat die Welt draußen schon lange nicht mehr betreten. Ihr ganzes Universum besteht aus ihrem kleinen Zimmer, in dem sie die „Poi‘s“ und „Adoinis‘se“ empfängt, schläft, isst, ihren Staubsaugroboter umsorgt und sich an ihre beste Freundin Zola kuschelt.

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Adriana Altaras: Besser allein als in schlechter Gesellschaft

Selten wurde mit so viel Witz, Lebensklugheit und Chuzpe über das Älterwerden geschrieben. Die jüdisch-deutsche Autorin Adriana Altaras illustriert diesen Vorgang in ihrem biografisch angehauchten Roman „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“ an zwei ganz unterschiedlichen Frauenfiguren. Dabei wird klar: Alter ist abhängig von der Einstellung, nicht vom Geburtsdatum! Da ist zum einen die 60-jährige Autorin, die in einer typischen Krise steckt: Ihr Mann hat sie nach 30 Jahren Ehe für eine Jüngere verlassen, die beiden Söhne sind ausgezogen, dazu kommt noch der Corona-Lockdown.

Sie fühlt sich allein, alt und ungeliebt. Eine ganz andere Einstellung hat ihre Tante Jelka. Sie wird in Kürze 100 Jahre alt! Momentan lebt sie in einem Pflegeheim in Mantua und blickt auf ihr ereignisreiches Leben zurück. Ihre spitze Zunge hat die mondäne, lebenslustige Dame trotz ihres bewegten Lebens zwischen Vertreibung, KZ und einer strengen italienischen Schwiegermutter nie verloren. Diese Spitzen bekommt die Autorin zu spüren – in herrlichen Telefondialogen schenken sich die beiden Damen nichts. Während die Jüngere jüdische Witze zum Besten gibt, kontert die Ältere mit druckreifen Lebensweisheiten. Motto: „Ein Leben lang mittags Pasta und man überlebt alles!“ 

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Helga Schubert: Der heutige Tag: Ein Stundenbuch der Liebe

Die deutsche Psychologin und Schriftstellerin Helga Schubert (Jahrgang 1940) ist in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen. Sie studierte an der Humboldt-Universität, arbeitete als Psychotherapeutin und schreibt. 2020 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für „Vom Aufstehen“. Sie ist mit dem Psychologen und Maler Johannes Helm verheiratet und lebt in Mecklenburg-Vorpommern. Am 16. März 2023 erschien ihr Buch „Der heutige Tag – Ein Stundenbuch der Liebe“ bei dtv.

Und um es gleich vorwegzunehmen: „Der heutige Tag“ ist ein beeindruckendes persönliches Buch. Helga Schubert erzählt darin von ihrer über sechzig Jahre alten Beziehung zu ihrem Mann, dem sie in dem Buch den Namen „Derden“ gibt:

„Ich nenne ihn Derden.

Ich habe den Namen gegoogelt. Es gibt ihn noch nicht.“ (S. 34)

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Claudia Piñeiro: Kathedralen

Am Ende seines Lebens kommt Lías Vater Alfredo zu dem Schluss, jeder Mensch solle seine eigene Kathedrale errichten, einen Ort für das Wichtigste im eigenen Leben. Und weil jeder Mensch bekanntlich anders ist, sind diese wichtigen Dinge ebenfalls Unikate: Lías tote Schwester Ana hätte vermutlich in ihrer Kathedrale ihre Zeichnungen aufgehangen. Und bei Lía gäbe es statt der Ziegel Bücher.

Wäre Lía nach Anas Tod nicht nach Spanien geflüchtet, hätte ihr Leben zuhause in Argentinien eine andere Wendung genommen. Seit dreißig Jahren lebt sie in Santiago und führt ihren eigenen Buchladen. Das ständige Kommen und Gehen der vielen Pilger hat sie an ihrem damaligen Entschluss nie zweifeln lassen. Sie hätte auch ihre Muttersprache vergessen können, wäre da nicht der einzige Kontakt zu ihrem Vater Alfredo.

Dreißig Jahre tauschen sie sich über die Dinge des Alltags aus aber nie über Ana. Lía hat geschworen, erst dann wieder die Familie und Argentinien in ihr Leben zu lassen, wenn die Umstände von Anas Tod geklärt seien. Dass ausgerechnet der hartnäckige Alfredo die Hintergründe lüftet, verändert plötzlich alles.

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Jonas T. Bengtsson: Auf Bewährung

Die drei Freunde Danny, Malik und Christian haben ihre Kindheit und Jugend im gefährlichsten Viertel Kopenhagens überlebt. Inzwischen wohnt Danny im Gefängnistrakt für Schwerverbrecher, Malik studiert Zahnmedizin, und Christian ist Polizist in der Abteilung Drogen.

Ohne genau zu wissen warum, wird Danny vorzeitig entlassen und versucht die neue Freiheit auf Bewährung zu genießen, die für ihn wider Erwarten mehr Stress und Verunsicherung bedeutet. Danny kennt sich in seinem Kopenhagen nicht mehr aus. Alles ist anders. Auch die organisierten Verbrecherclans haben sich während seiner Inhaftierung verändert. Aus den ruppigen, gewaltbereiten Gruppierungen sind Franchise-Unternehmen geworden. Hinter einem undurchsichtigen Geflecht aus Verbindungen und Feindschaften findet heute das große Geschäft mit Verbrechen in allen Nuancen statt. Was Danny am meisten irritiert, ist Maliks Verschwinden. Der Klügste und Ehrlichste aus ihrem Dreiergespann scheint Schwierigkeiten zu haben. Und Danny, der Schlimmste und Brutalste von ihnen, will Malik wie früher helfen. Koste es, was es wolle. Die Mauer des Schweigens und seine Bewährungsauflagen stehen ihm dabei im Weg.

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Abla Alaoui: Bissle Spätzle Habibi

Um es gleich mal vorwegzusagen: würde man diesen knapp 500-Seiten-Roman, „Bissle Spätzle Habibi“ von Abla Alaoui, um 250 Seiten kürzen, er würde nichts einbüßen, dafür aber umso mehr gewinnen. Auch, weil die von Cover und Titel geweckten Erwartungen, einen heiteren, ja komischen Roman um einen Culture Clash zu bekommen, nicht wirklich erfüllt werden.

Amaya ist die mit 30 immer noch unverheiratete Tochter einer in Deutschland lebenden marokkanischen Familie. Ihre Geschwister sind inzwischen verheiratet oder zumindest verlobt, nur bei ihr sieht es in dieser Hinsicht, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, zappenduster aus. Nun soll eine Dating-App helfen, und zwar diejenige für Muslime namens Minder.

Doch deren bedarf es nicht, denn Amaya lernt einen netten Mann kennen, leider weder Marokkaner noch Muslim, sondern ein waschechter Schwabe. Um ihre Eltern nicht zu enttäuschen, präsentiert Amaya jedoch dessen Freund Ismael als den künftigen möglichen Schwiegersohn.

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Christine Dwyer Hickey: Schmales Land

Der Maler Edward Hopper und seine Frau Josephine verbringen die Sommer in ihrem Haus auf Cape Cod direkt am Meer. Dort werden sie von allen Mr und Mrs Aitch genannt und leben zurückgezogen auf dem schmalen Ausläufer der Halbinsel, etwa 400 Meilen nördlich von New York. Während die vermögenden Sommergäste ihre Zeit am Strand verbringen oder sich auf Festen amüsieren, sucht Hopper nach Motiven und dem richtigen Licht. Schon seit Monaten kommt er nicht voran, und Josephine beäugt ihn so kritisch, dass ihre Ehe immer mehr in eine ernste Krise rutscht. Zur gleichen Zeit lernen sie den deutschen Waisenjungen Michael kennen, den ein amerikanisches Paar adoptiert hat. Michael darf als Gast der Familie Kaplan den Sommer am Meer erleben, die in der Nähe von Hoppers Sommerhaus ihr Feriendomizil genießen.

Auch bei der Familie Kaplan kriselt es. Denn die alte Frau Kaplan trauert um ihren gefallenen Sohn und wird bald von ihrer todkranken Tochter Katherine nehmen müssen. Gleichzeitig häufen sich zwischen ihrem Enkel Richie und seiner Mutter Olivia Meinungsverschiedenheiten, unter anderem weil diese wieder einen neuen Ehemann sucht, während Richie seinen toten Vater vermisst.

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Joy Williams: Stories

Joy Williams (Jahrgang 1944) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, die in ihrer Heimat sehr wohl bekannt und mit vielen Preisen ausgezeichnet worden ist. In Deutschland kennt man sie noch nicht so gut. Das wird sich hoffentlich nun ändern. Am 16. März 2023 ist die deutsche Erstausgabe ihrer Short-Stories aus dem Jahre 2015 bei dtv erschienen. Das Buch mit dem Titel „Stories“ wurde von Brigitte Jakobeit und Melanie Walz aus dem Englischen übersetzt.

Darin finden sich dreizehn Kurzgeschichten, in denen Joy Williams düstere Episoden von Menschen erzählt, die eher nicht auf der „sunny side“ des Lebens stehen.

Da ist der Prediger Jones in der Geschichte „Liebe“, dessen Frau schwer erkrankt ist und dessen Tochter sich auf eine Selbsterfahrungsreise begibt. Sie überlässt ihm ihr Baby und den Hund. 

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Annie Ernaux: Der junge Mann

Annie Ernaux ist bereits mehr als fünfzig Jahre alt und eine angesehene Autorin, als sie Mitte der 90er Jahre eine Beziehung zu einem deutlich jüngeren Mann eingeht. In der Erzählung „Der junge Mann“ beschreibt sie knapp und, wie ich finde, emotionslos die Zeit mit A. und was diese Liaison für sie bedeutete.

Von dem titelgebenden Geliebten erfahre ich außer dem Anfangsbuchstaben des Vornamens wenig. Was Annie Ernaux über ihn schreibt – er ist mittellos, er hat schlechte Manieren, welche Gesten ihr an ihm auffallen – das steht immer im Kontext von Erinnerung an ihre eigene Jugend und Herkunft und sie beschreibt damit eine jüngere Ausgabe ihrer selbst. A. ist ein Abbild der Verhältnisse, denen sie entronnen ist. Von seiner kalten und kargen Wohnung in Rouen, wo sie selbst einst studierte, kann man auf das ehemalige Krankenhaus blicken, in dem sie als junge Studentin nach einer misslungenen Abtreibung eingeliefert wurde. In der Wiederholung kann sie gelassen auf Ereignisse blicken, die sie einst mit Scham erfüllten und die ihr nun verdeutlichen, wie sehr sich ihre Welt gewandelt hat.

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