Katja Keweritsch: Agnes geht

Wenn nichts mehr geht, geht gehen. Dieser Spruch hält Agnes aufrecht, als sie Hamburg entlang der Elbe zu Fuß verlässt. Am Abend vorher waren bei einem Streit mit ihrem Mann böse Worte gefallen, die mit einem Schlag vieles infrage stellen – die Jahre als Hausfrau und aufopfernde Mutter, das Verhältnis zu ihrem Mann, dem sie immer den Rücken freigehalten hatte, das gemeinsam Erreichte, ihr Selbstverständnis als emanzipierte Frau. In „Agnes geht“ beschreibt Katja Keweritsch eine Frau, die sich vor die Trümmer ihrer Lebensleistung gestellt sieht.

Die Geschichte wird größtenteils aus der Perspektive von Agnes erzählt. In einigen Kapiteln bekommt aber auch ihr Ehemann Tom, der als erfolgreicher Arzt gerade den Excellence-Award einer großen Hamburger Klinik erhalten hatte, eine Stimme. Er hatte seine Aufgabe vor allem darin gesehen, durch seine Arbeit die Familie wirtschaftlich abzusichern. Nachdem Agnes weggegangen ist, muss er allein Haushalt und Kinder managen.

Agnes realisiert auf ihrer Wanderung, wie unzufrieden sie mit ihrem bisherigen Leben ist und dass sie ihre eigenen Träume der Familie geopfert hat. Als Biologin wollte sie ihren Beitrag zum Naturschutz leisten, stattdessen hat sie sich zwischen Kinderbetreuung, Essen kochen und Hausputz einspannen lassen, nur leicht abgefedert durch einen Nebenjob bei der Betreuung benachteiligter Jugendlicher. Sie muss sich zudem eingestehen, dass sie sich in ihrem Körper schon lange nicht mehr zu Hause fühlt. Die Veränderungen nach Schwangerschaften und Stillzeit erscheinen ihr wie peinliche Deformationen.

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Nathan Harris: Die Süße von Wasser

Nathan Harris, Jahrgang 1991, wird als große Entdeckung am Autorenhimmel gefeiert. Sein Roman „Die Süße des Wassers“ war auf Anhieb ein Bestseller und die Literaturkritik voller Lob. Dabei behandelt das Buch ein schwieriges Thema, eine dunkle Zeit in der Geschichte der USA, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen.

George Walker ist ein Eigenbrötler, der gerne kocht oder in philosophierende Gedanken versunken durch den Wald auf seinem Land streift. Sein Vater war einst der größte Grundbesitzer von Old Ox, einem kleinen Städtchen in Georgia in den Südstaaten der USA. George lebt mit seiner Frau Isabelle noch immer im elterlichen Blockhaus und bisher bestritt er seinen Lebensunterhalt, indem er das ererbte Land Stück um Stück an interessierte Nachbarn verkaufte.

Doch nun ist Krieg. Die Kämpfe zwischen der Union, bzw. den Nordstaaten und den Konföderierten im Süden liegen in den letzten Zügen, die Sklaverei ist per Dekret beendet. Durch den besten Freund seines Sohnes Caleb erhält George Nachricht von dessen Tod an der Front. Während sich Isabelle mit ihrem Schmerz in Calebs Zimmer verschanzt, überwindet George seine Sprachlosigkeit mit einem neuen Projekt: Er will sein Land nutzen. Bei einem Streifzug durch den Wald hatte er zwei ehemalige Sklaven getroffen. Prentiss und Landry mussten bis vor kurzem auf der Plantage von Georges Nachbarn schuften und brauchen Geld, um im Norden eine Existenz aufbauen zu können. George bietet ihnen an, für fairen Lohn bei ihm zu arbeiten. In Old Ox macht er sich damit vor allem Feinde.

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Ayanna Lloyd Banwo: Als wir Vögel waren

Einen ungewöhnlichen Debütroman legt die aus Trinidad stammende Autorin Ayanna Lloyd Banwo vor. „Als wir Vögel waren“ ist zugleich Geister- als auch Liebesgeschichte. Es ist viel die Rede vom Tod sowie von alten Mythen.

Auf einem Friedhof in einer fiktiven Stadt Trinidads verlieben sich Darwin und Yejide Hals über Kopf ineinander. Er ist Totengräber und kommt nur schlecht mit seinen Kollegen zurecht, die in irgendwelche dunklen Machenschaften verstrickt sind. Mit seiner Mutter hat er sich verkracht. Yejide kommt aus einer Familie, in der seit jeher die Frauen das Sagen haben, und – wenn sie gestorben sind – hin und wieder als Geister erscheinen.

Das alles ergibt einerseits eine recht krude Mischung, die nicht jedermanns Fall sein dürfte, andererseits geht von dieser Geschichte auch ein eigentümlicher Sog aus, der sich vermutlich aus Ayanna Lloyd Banwos Schreibstil ergibt, der – besonders zu Beginn – die Farben und das bunte Leben auf den Straßen Trinidads transparent und nachvollziehbar macht.

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Trude Teige: Als Großmutter im Regen tanzte

Trude Teige ist eine bekannte Journalistin und Moderatorin in Norwegen. Ihr Roman „Als Großmutter im Regen tanzte“ erklomm für viele Wochen die Bestsellerlisten, und das nicht ganz unverdient, wie ich finde. Sie erzählt von einem Teil der norwegischen Geschichte, über den erstaunlich wenig bekannt ist. Ihr Roman spielt auf zwei Zeitebenen.

Im Heute treffen wir Juni, eine junge schwangere Frau, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann auf die Insel ihrer Kindheit flüchtet. Dort ist sie aufgewachsen, meist behütet von ihrer Großmutter Tekla, da ihre Mutter Lilla eher durch Abwesenheit auffiel.

Juni hat nur frohe, glückliche Erinnerungen an die Zeit bei ihren Großeltern, vor allem ihren Großvater liebte sie sehr. Beide sind inzwischen verstorben und auch ihre Mutter Lilla ist bereits tot. Zu ihr hatte Juni immer ein zwiespältiges Verhältnis, suchte bei ihrer Mutter nach Liebe und fand meist nur Abweisung. Auch verriet ihre Mutter bis zu ihrem Tod nie, wer Junis Vater war.

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Christian Schnalke: Gewitterschwestern

Zwei Schwestern zwischen denen es beständig blitzt und donnert – selten hat ein Titel besser gepasst als hier. Und wer Geschwister hat, weiß, dass man sich nicht immer wunderbar verträgt. Aber hier erzählt Christian Schnalke, dessen Roman „Louma“ für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre war, von zwei Schwestern, Grit und Fiona, die so zerstritten sind, dass sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr haben. Ja, man glaubt, sie sprechen nicht einmal dieselbe Sprache.

Grit ist die organisierte, vernünftige Ältere. Sie lebt in einer ehemaligen Burg, schwer belastet durch die hohen Renovierungsanforderungen. Und sie erzieht Milli, die 11-jährige Tochter.

Wegen dieser kommt nun Fiona zurück, nach so vielen Jahren, in denen sie nichts von sich hören ließ, in denen niemand wusste, wo sie ist und was sie tut. Nicht einmal zur Beerdigung der Mutter war sie nach Hause gekommen. Doch jetzt ist sie wieder da, mit einem bunt bemalten Sarg auf dem Autodach. Und sie fordert Milli. Denn die ist ihre Tochter und nicht die von Grit. Was diese dem Kind nie erzählt hat.

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Susanne Kristek: Die nächste Depperte. Von einer, die auszog, um Autorin zu werden

Im Roman „Die nächste Depperte“ von Susanne Kristek versucht eine Autorin mit Namen Susanne Kristek ihr Debut, den Roman „Nur die Liege zählt. Urlaub unter deutschen Palmen“ unters Volk zu bringen. Erschienen ist das Werk zwar, aber in den Buchhandlungen liegt es nicht aus. Die Ich-Erzählerin unternimmt deshalb alles Menschenmögliche, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern und die Verkaufszahlen anzukurbeln.

Sie stellt sich zum Beispiel mit einem Self-Promotion-Stand vor Buchhandlungen und bewirbt sich bei einer Lokalzeitung darum, Person des Tages zu werden, weil sie da ihr Buch vorstellen könnte. Nichts davon funktioniert allerdings so, wie sie sich das vorgestellt hat. Die Schriftstellerkarriere kommt nicht recht in Schwung. Letztendlich kauft sie einen großen Teil der Auflage selbst auf und verschenkt ihre Bücher. Nichtsdestotrotz bleibt sie beim Schreiben, nimmt über Facebook Kontakt zur österreichischen Autorin Martina Parker auf (Rezensionen ihrer Bücher hier bei Leselust!), und sogar Elke Heidenreich wird auf sie aufmerksam. Martina Parker und Susanne Kristek beschließen, „Schreibschwestern“ zu werden, die einander ihre Manuskripte anvertrauen und Feedback geben.

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Jens Sparschuh: Nicht wirklich

Jens Sparschuh, ein 1955 geborener Autor aus Chemnitz, lässt in seinem Roman „Nicht wirklich“ einen Aushilfsprofessor in Philosophie über sein Leben nachdenken und darüber, aus wie vielen Irrtümern es bestanden hat. Die Frage „Was wäre, wenn …?“ lauert stets im Hintergrund. In einem anderen Leben hätte er zum Beispiel Claudia nicht kennengelernt, die ihn dann auch nicht hätte verlassen können.

Er begibt sich dabei auf die Spuren des vergessenen Philosophen Hans Vaihinger, einem Philosophen, der von 1852 bis 1933 gelebt hat und sich der „Philosophie des Als ob“ gewidmet hat. Und man spürt, dass Sparschuh selbst einen fachlichen Hintergrund hat. Er hat Philosophie und Logik in Leningrad studiert und später sogar in Berlin promoviert.

Es könnte dennoch durchaus Leser geben, denen derartige Gedanken-Plänkeleien zu realitätsfremd, zu verschroben, zu abseitig erscheinen. Aber auch die sollten an diesem mit leisem Humor geschriebenen Roman Gefallen finden.

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Julietta Henderson: Die besten Fehler meines Lebens

Zugegeben, anfangs tat ich mich schwer mit dem Protagonisten des neuen Romans „Die besten Fehler meines Lebens“ von Julietta Henderson, deren vor zwei Jahren erschienenes Debüt ein absolutes Highlight war. Zu Beginn habe ich sehr gefremdelt mit Danny, empfand ich ihn als anstrengend, gelinde gesagt und fand so gar keinen Zugang zu ihm.

Ganz anders Wolfie, seine 15-jährige Nichte, ein ganz und gar liebenswertes Mädchen, voller Zweifel, innerer Wunden und doch so übervoll mit Liebe. Ein Mädchen, das man die ganze Zeit am liebsten in den Arm nehmen und vor allem Unbill beschützen möchte.

Doch im Laufe der Geschichte wandelt sich Danny und man kann gar nicht anders als ihn liebzugewinnen. Denn dann erkennt man seinen wunderbaren, liebevollen, zärtlichen Kern, findet man den Mann in ihm, der alles tut für seine Familie und die Menschen, die er liebt.

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Caren Benedikt: Club Paradies: Im Glanz der Macht

Auch Lea hatte es immer geliebt, in den Club zu kommen, das Vibrieren der wummernden Bassklänge in ihrem Magen zu spüren und das Gefühl zu haben, so in das volle, pralle Leben eintauchen zu können. Ja, der Club war wie ihr eigener Herzschlag, die Begegnungen dort machten, dass sie sich lebendig fühlte“ (S. 445). Der catchy Klappentext, der Ort des Geschehens (Berlin, 1976) und das glamouröse, unsagbar schöne Cover – all dies haben für mich im Vorfeld auf den aufsehenerregenden Roman „Club Paradies: Im Glanz der Macht“ von Caren Benedikt hingedeutet.

Die Story fängt definitiv vielversprechend an. So habe ich einen Wirbelsturm von einem Buch mit atemberaubenden Twists erwartet. Doch der erste Teil „Club Paradies: Im Glanz der Macht“ der Dilogie konnte mich leider nicht vollends begeistern.

Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass ich mich in dieser Geschichte, ihren Figuren und Schauplätzen verlieren kann. Insbesondere die sagenumwobene Atmosphäre in „Berlins spektakulärstem Nachtclub“ hat mir spürbar gefehlt.

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Irene Diwiak: Malvita

Krimi, Rachethriller, Familiendrama? Mitnichten. Diwiaks Roman ist wie ein beklemmender Irrgarten durch Dante Alighieris Inferno der Neuzeit. Ein Taumeln durch eine göttliche Komödie voller Wirrungen, Wendungen und Charaktere, die in ihren eigenen Obsessionen gefangen sind. Trotz der malerischen toskanischen Landschaft, die in der Hitze des Sommers geradezu flimmert, lauern die finsteren Vorboten überall. Da ist zum Beispiel der Ort des Settings, Malvita. Eine Mischung aus „Malavita – Unterwelt“ und „male vita“, ein Ort, in dem es sich schlecht leben lässt.

Beides ist mehr als zutreffend. Jahrhundertelang war Malvita, unweit von Florenz gelegen, ein wichtiger Produktionsort für Leder. Der Gestank der Gerbereien verpestete zwar die Luft, sicherte den Familien aber ein Einkommen. Nachdem die Lederfabrik die Wirtschaftskrise von 2007 nicht überlebt hatte, zogen die meisten Familien weg, die Stadt verfiel. Ein paar arbeiten seitdem in der verwinkelten, unheimlichen und trutzigen Villa der Unternehmerfamilie Esposito. Auch deren Namen verheißt nichts Gutes. Bedeutet er doch ursprünglich „Der Ausgestoßene“.

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