Richard Russo: Mohawk

„Mohawk“ ist eine fiktive Kleinstadt im Hinterland New Yorks. Und „Mohawk“ heißt auch der erste Roman des US-amerikanischen Bestsellerautors Richard Russo aus dem Jahr 1986. Nun ist er auf Deutsch erschienen.

Es ist ein tristes Kaff in den 60er- und 70er-Jahren, in dem die Krebsrate wegen der Gerbereien, von denen viele Menschen leben, deutlich höher ist als im Landesdurchschnitt. Wir lernen einige Bewohner dieses Städtchens kennen. Sie alle sind durch Hass aufeinander, geheime Liebschaften oder dunkle Geheimnisse, die in der Vergangenheit schlummern, miteinander verbunden. Wie der zurückgebliebene Bill, der vernarrt in Anne ist, die ihrerseits aber den Rollstuhlfahrer Dan liebt – oder Dallas, einen unzuverlässigen Loser, oder den gewaltbereiten Rory.

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Jörg Thadeusz: Steinhammer

12. April 2023, 19.30 Uhr, im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund: der Moderator, Journalist und Schriftsteller Jörg Thadeusz stellt gemeinsam mit seiner Lektorin Helga Frese-Resch vom Verlag Kiepenheuer & Witsch sein Buch „Steinhammer“ vor, das am 5. April 2023 erschienen ist. Es ist ein Heimspiel für Thadeusz, der 1968 in Dortmund geboren wurde. In seiner launigen, aufgeräumten Art erzählt er über das Buch und liest daraus vor.

„Steinhammer“ ist die Steinhammerstraße in Dortmund-Marten bzw. Lütgendortmund, in der Jörg Thadeusz einige Jahre selbst gewohnt hat. In dem Buch lebt dort in der Nachkriegszeit die fiktive Familie Woicik. Jörg Thadeusz hat seine Woicik-Geschichte an die Familiengeschichte eines Cousins seines Vaters angelehnt. Der Cousin heißt Norbert Tadeusz (1940-2011) und ist ein bekannter gegenständlicher Maler des späten 20. Jahrhunderts. Er lehrte in Düsseldorf, Berlin und Braunschweig. Allerdings gibt Thadeusz an, dass in seiner Familie wenig über den berühmten Mann gesprochen wurde und dass er selbst auch erst spät auf dessen Werk aufmerksam wurde. Für das Buch „Steinhammer“ hat Thadeusz u.a. mit der Witwe von Norbert Tadeusz, Petra Lemmerz, gesprochen, die ebenfalls Malerin ist.

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Simone Atangana Bekono: Salomés Zorn

Wie die Faust aufs Auge passt der Romantitel „Salomés Zorn“ von Simone Atangana Bekono zu der dahinter verborgenen Geschichte. Ersetzen wir in diesem Bild den Begriff „Faust“ mit „Stock“, dann haben wir die Fliesen des Romans bereits verlegt. Denn die Schülerin Salomé findet sich im Jugend­ge­fäng­nis wieder, nachdem sie einem Mitschüler auf einem Feld irgendwo in den Niederlanden mit einem Ast ein Auge ausgestochen hat.

Doch von Reue keine Spur. Denn Salomé, so zornig sie auch ist und war, auf dem Feld irgendwo in den Niederlanden, hat die Auseinandersetzung nicht provoziert. Sie war das Ergebnis endloser Mikro-Attacken auf die Teenagerin mit der dunklen Haut und dem krausen Haar, die sich als Niederländerin identifiziert, aber auf den Straßen ihrer Heimatstadt doch noch Willkommen (in den Niederlanden!) geheißen wird. Dieses Buch zeigt, was viele Menschen nie erleben. Hass.

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Nancy Olthoff: Augen zu und durch

Ein Roman um einen liebenswerten Außenseiter, der sich ins Leben wagt.

Herman van Dusselen, ein junger, ganz allein lebender Mann, spielt am liebsten mit Murmeln. Er hat eine beachtliche Sammlung an Murmelbahnen, auf welchen er, je nach Stimmung, seine Glaskugeln rollen lässt. Einzige Bezugspersonen sind seine Tante und sein Onkel, da seine Eltern beide bereits verstorben sind. Sie haben ihm ein Auskommen vererbt, so dass er nicht arbeiten gehen muss.

Eines Tages bekommt er wie alle Anwohner eine Freikarte für den nahe gelegenen Vergnügungspark. Dort gibt es nicht nur eine riesige, beeindruckende Achterbahn, sondern auch den Zuckerwattestand von Jeanette. Entgegen seinem üblichen Naturell traut sich Hermann aus dem Haus, er beobachtet die Besucher des Parks, insbesondere diejenigen, die mit der Achterbahn fahren. Und er verliebt sich in Jeanette.

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Robert Seethaler: Das Café ohne Namen

Robert Seethaler erzählt in seinem Roman „Café ohne Namen“ von Robert Simon, 31 Jahre alt, der am Karmelitermarkt in Wien alle anfallenden Kleinigkeiten erledigt. Er schmiert Scharniere, schneidet Gemüse, stapelt leere Paletten. Man schreibt das Jahr 1966. Robert wohnt bei der freundlichen Kriegerwitwe Martha Pohl zur Untermiete. Eines Tages fällt ihm in der Nähe des Marktes ein leerstehendes Lokal auf und er beschließt, ein Café zu eröffnen. Weil er sich nicht entscheiden kann, wie man es nennen könnte, bleibt es einfach das Café ohne Namen. Die Speisekarte ist überschaubar.

Neben Getränken aller Art gibt es Schmalzbrote und Salzgurken. Simon aber macht seine Sache gut und bald versammelt sich ein kunterbuntes Völkchen in seinem Lokal. Es kommen Unglückliche, die ihren Kummer erbittert ertränken, Verliebte, die einander tief in die Augen schauen, Einsame, die zum stillen Inventar werden und Laufkundschaft vom Markt, die gemütlich einen Kaffee trinken möchte. Bald schon braucht Robert Verstärkung und findet sie in Mila, die ihren Job in einer Fabrik verloren hat, weil diese geschlossen wurde.

Verliebt in Jascha

Sie wird Roberts unerlässliche Angestellte. Einige Leute, die im Café ohne Namen ein und aus gehen, begleitet man ein Stück ihres Lebensweges. Es ist oft kein glückliches Stück. Robert selbst verliebt sich in die drogensüchtige Jascha, erkennt aber, dass das Leben mit ihr eine Katastrophe wäre und Jascha verschwindet so plötzlich, wie sie aufgetaucht ist. Schließlich gibt es ein großes Fest. Aus welchem Grund, sei hier nicht verraten. Die Dinge ändern sich für Robert allerdings markant.

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Karin Peschka: Dschomba

Wie in einem großen Gewebe sind die Figuren in Karin Peschkas Roman „Dschomba“ miteinander verbunden. Behutsam stellt die Autorin deren Bezogenheit aufeinander dar. Am 9. November 1954 tanzt ein Fremder barfuß, nur in Hemd und Hose gekleidet, bei Regen in der Kleinstadt Eferding auf dem Friedhof herum. Dabei singt, brüllt er eigentlich ein serbisches Wiegenlied. Es handelt sich um Dragan Dzomba, einen Serben, von Beruf Schlosser, wie sich später herausstellt. Der Dechant, kirchlicher Würdenträger und Pfarrer in Eferding, wird gerufen, um ihn zur Räson zu bringen.

Das gelingt ihm zum großen Erstaunen der herbeigeeilten Stadtbevölkerung auch und er quartiert diesen seltsamen, offensichtlich mittellosen Menschen bei sich im Pfarrhof ein. Was es mit Dragan „Dschomba“ auf sich hat, das deckt die Autorin sachte Schritt für Schritt auf. Sie berichtet von der Pfarrersköchin Agnes Kern, die bei der Mutter des Dorfgendarmen wohnt, dort nach dem Rechten sieht, neben dem Pfarrhaushalt auch die alte Frau betreut. Es gibt den Querulanten, den das Leben zu einem unleidlichen Mitbürger gemacht hat, dessen Freund, den Mesner, den Priesteramtsstudenten Raidinger, natürlich den Dechant, die junge Mutter Lotte, den angeblich einfältigen Silvester Moor und allerlei weitere Figuren. Mittendrin im Geschehen die kleine Karin Peschka, die Tochter des Wirtes.

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Roland Grohs: Luka und die Guten

Dies ist die surreale Geschichte des Jungen Luka: Das Kind ist böse.

Oder es wird einmal böse werden.

Wer weiß das? Die konkrete Voraussage ist das Ergebnis eines Persönlichkeitstests, den alle Menschen absolvieren müssen. Offenbar wird das Urteil akzeptiert, auch von Lukas Familie, die ihm nur den Rat mitgibt: Sei tapfer!

Zu welcher Zeit und an welchem Ort dies geschieht, bleibt unklar und die Geschichte so zu einer universellen Schreckensvision.

Die Idee der „Prädelinquenz“ erinnert an die Kurzgeschichte „Der Minderheitenreport“ von P.K. Dick, die Handlung geht jedoch in eine andere Richtung.

Wohin führt die Voraussage das Kind?

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Martin Suter: Melody

Mit Melody hat Autor Martin Suter eine elegante, geheimnisvolle Liebesgeschichte geschaffen: Tom Elmer, Langzeitstudent und Jurist, nimmt aufgrund von Geldproblemen einen ungewöhnlichen Job bei Alt-Nationalrat Dr. Stotz an: Er soll seinen Nachlass ordnen und den erfolgreichen Geschäftsmann und Politiker im besten Licht darstellen. Dafür zieht Tom sogar in die Villa des Arbeitgebers in Zürich. Hier steht in jedem Zimmer ein Bild von einer wunderschönen jungen Frau, arrangiert zu einer Art Schrein. Wer ist die geheimnisvolle Fremde?

Verbotene Liebe

Der gebrechliche Dr. Stotz erzählt Tom episodenartig von Melody, der tragischen Liebe seines Lebens. Die bildhübsche Buchhändlerin war zwanzig Jahre jünger als er und stammte aus einer marokkanischen Familie. Die war von der Verbindung zu einem Nicht-Muslim wenig angetan und drohte damit, sie zu verstoßen.

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John Irving: Der letzte Sessellift

Wenn man den neuen Roman von John Irving, Der letzte Sessellift heißt er, positiv sehen will, so kann man sagen: Er ist ein starkes Plädoyer für Toleranz gegenüber alternativen Lebensformen abseits der traditionellen Familie, für den Zusammenhalt von Menschen und für die Liebe. Homosexualität und Transgender-Themen spielen eine große Rolle. Der 1942 geborene amerikanische Autoren-Superstar bleibt seiner Linie treu, für die ihn seine Fans lieben: Sein Text, in dem der Sex eine hohen Stellenwert einnimmt, ist voll von skurrilen Figuren und Situationen, die oft zum Schreien komisch sind. Und sein Personal scheint ihm immer ans Herz gewachsen zu sein. Er stellt es durchweg positiv und mit viel Herzenswärme dar. Das alles macht seinen Roman sympathisch.

Ist man gegenüber diesem 1000-Seiten-Wälzer jedoch etwas negativer eingestellt, so lässt sich genauso gut sagen: Er steckt voller Wiederholungen, die es gelegentlich schwer machen, die lange Lesestrecke durchzuhalten. Eine Figur namens Elliot wandert gerne im Schnee – unzählige Male wird sie deshalb als „Schneeläufer“ bezeichnet. Irgendwann nervt’s. Auch kommt einem vieles bekannt vor – so, als hätte man es so oder so ähnlich schon in anderen Irving-Romanen gelesen.

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Daniel Glattauer: Die spürst du nicht

Was für ein Roman! Dieser Roman vom wunderbaren Daniel Glattauer zieht einem die Schuhe aus. Und man wird ihn so schnell nicht vergessen.

In einzigartiger, bissiger und sehr österreichischer Weise erzählt der Autor, dessen „Gut gegen Nordwind“ wohl heute jeder kennt und liebt, von Ereignissen innerhalb dreier Familien. Die durch einen dramatischen Schicksalsschlag verbunden werden, der sie aber gleichzeitig auch brutal trennt.

Dabei ist die Art, wie Glattauer diese Geschichte erzählt, ungemein wirkungsvoll. Gleich am Anfang bekommt an den Eindruck, ein Theaterstück zu sehen, ein Beobachter zu sein, der nicht nur zuschaut, sondern quasi parallel einen Kommentar des Erzählers mitgeliefert bekommt. Der sich jedoch nicht in lesbaren Worten, sondern in Formulierungen, in Adverbien und Adjektiven, in zwischen den Zeilen liegendem Sarkasmus zeigt. Und der die Gesellschaft, die Menschen, derart seziert, als lägen sie auf einer Petrischale unter dem Mikroskop.

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