Tony Tulathimutte: Fiasko

Der Originaltitel dieser Kurzgeschichtensammlung lautet: Rejection – Ablehnung, Zurückweisung. Und genau darum geht es in den Texten. Um einsame, verzweifelt nach Nähe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe suchende 20–30-Jährige. Doch alle Versuche enden in einem Fiasko (insofern ist auch der deutsche Titel treffend gewählt).

Mit der einleitenden Geschichte, Der Feminist, machte Tulathimutte bereits 2019 auf sich aufmerksam. Zu Recht, denn sie ist, was Aufbau, Stil und Charakterisierung angeht, die eindeutig überzeugendste. Erzählt wird die Entwicklung eines jungen Mannes zum Incel, zum radikalen Frauenhasser. Sein Feminismus, geboren aus der Hoffnung auf Zuneigung und Sex, bleibt erfolglos. Als Gesprächspartner akzeptiert, als Lover abgelehnt, radikalisiert er sich im Internet.

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Emylia Hall: The Shell House Detectives: Der Fremde am Strand.

Ally Bright, Anfang 60, lebt zurückgezogen im fiktiven Örtchen Porthpella in Cornwall. Doch dann reißen sie dramatische Ereignisse aus dem Schneckenhaus, in das sie sich nicht erst seit dem Tod ihres Mannes, eines ehemaligen Polizisten, zurückgezogen hat.

Eines Abends steht ein verzweifelter junger Mann vor ihrer Tür, auf der Suche nach Hilfe. Alles, was sie seinen verworrenen Worten entnehmen kann, ist, dass er ihren verstorbenen Mann kannte. Am nächsten Tag wird er schwer verletzt am Fuße der Klippen gefunden. Die Polizei hakt den Fall bereits als Selbstmordversuch ab, obwohl Pascoe noch im Koma liegt.

Ally hat ein schlechtes Gewissen, da sie dem Mann nicht hat helfen können, und geht der Sache nach. Als sie mehr über die Hintergründe erfährt, zweifelt sie an der Selbstmordtheorie. Der Tote, Lewis Pascoe, kam gerade aus dem Gefängnis frei und wollte zu seiner Großmutter, doch die ist mittlerweile gestorben, und ihr altes Küstenhaus wurde abgerissen. Stattdessen stand er vor einem protzigen Neubau und einem ebensolchen, aggressiven Besitzer. Dessen Ehefrau am selben Tag spurlos verschwindet!

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Angelika Klüssendorf: Trost

»Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke – es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe.« So heißt es am Ende dieses Romans über eine in der Tat trostbedürftige Patchworkfamilie im Jahr 2022.

Rita, das Zentralgestirn, um das sich alle anderen Charaktere gruppieren, ist Anfang 60, Schriftstellerin, und will sich eigentlich auf die Dinge konzentrieren, die sie liebt, wie Kaffee, Blumen und ihre Hühner. Ihr Alltag aber ist dominiert von Trennungsangst, die sie in einer längst erstarrten, von unterschwelliger Aggression geprägten Beziehung verharren lässt. Und dann, nach einem Insektenstich und einem anaphylaktischen Schock, fällt sie ins Koma.

Ritas Stieftochter Jane, 17, ist das erzählerische Zentrum des Romans; ihre Kapitel nehmen den größten Raum ein. Jane steht kurz vor dem Abitur, in dem sie wenig Sinn sieht. Sie ist auf reflektierte Art ziellos und verunsichert – durch den Zwang, sich bereits jetzt für einen Lebensweg entscheiden zu müssen, durch ihre leibliche Mutter, die zu einem Serienzombie mutiert ist, durch Corona, den Ukrainekrieg, durch die brüchig gewordene Beziehung zu ihrer engsten Freundin Lea. Und nun verliert sie auch noch ihre wichtigste Bezugsperson:

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Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod

Den Briten ist Peter Grainger längst ein Begriff. Seine im Selbstverlag erschienenen Kriminalromane fanden begeisterte Leser. Nun veröffentlicht der Diogenes Verlag in diesem Jahr drei seiner Bücher. Erfreulicherweise.

Kürzlich hatte ich angemerkt, dass Ermittler heutzutage nicht ohne schwerwiegende psychische Schäden und persönliche Dramen auskommen, die bisweilen einen zu großen Teil der Erzählung ausmachen und vom eigentlichen Fall ablenken. In dieser Hinsicht ist Graingers Hauptfigur David „DC“ Smith so alltäglich wie sein Name, fast schon altmodisch. Und dennoch ist er ein echtes Unikum. Wir erfahren im ersten Band natürlich noch nicht alles über seinen Hintergrund. Er lebt allein, seit seine Frau gestorben ist, um die er immer noch trauert. Er missachtet schon mal die Vorschriften, kommt nicht mit allen Kollegen klar, hat dennoch viele Freunde, spielt Gitarre, und hat eine Vorliebe für ironische Bemerkungen und unerwartete Kommentare. Ein Typ mit Ecken und Kanten, ein sympathischer Eigenbrötler, aus dem ganz normalen Leben gegriffen. Eine echte Identifikationsfigur.

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Lina Bengtsdotter: Waldnacht

Die Zeiten, da Kriminalkommissare ganz normale Menschen sein durften, sind lange vorbei. Die eine oder andere kleinere Schwäche oder skurrile Eigenart reicht heute nicht mehr. Mit irgendeinem Trauma, einer unbewältigten familiären Vergangenheit, wahlweise auch gerne Trunksucht, muss wohl heute jeder Ermittler, jede Ermittlerin geschlagen sein.

Bei Kommissarin Sarahkka „Sakka“ Pienni kommt es besonders heftig. Als Samin ist sie in Schweden bisweilen Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt; ihre Schwester starb als Kleinkind unter in diesem Band noch ungeklärten Umständen; die Mutter ist verschwunden, der Vater schwerer Alkoholiker. Kein Wunder, dass sie an einer bipolaren Störung leidet, die sie bisher erfolgreich nicht nur ihrem Arbeitgeber, sondern selbst ihrem Freund verschwiegen hat.

Sakka muss in einem besonders kniffligen Fall (dem ersten einer neuen Reihe von Lina Bengtsdotter) ermitteln: In Stockholms vornehmem Vorort Djursholm wird eine junge Frau, Abigail Fender, erschossen. Schnell gerät ihr Mann Gustav ins Visier, Typ reicher Schnösel, egozentrisch, Frauenheld. Doch dann gibt es noch dessen Ex-Frau Cecilia, die in einer geschlossenen Anstalt lebt, und den gemeinsamen Sohn Leon – für alle drei lassen sich Motive konstruieren und Verdachtsmomente finden.

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Åsa Hellberg: Vega Varg: Das Schweigen der Insel

Die Grenzregion zwischen Schweden und Norwegen ist ein beliebtes Setting in Skandinavien-Krimis. So auch in Åsa Hellbergs Auftakt ihrer Vega-Varg-Reihe, mit der die Autorin, die sich bisher mit Liebesromanen einen Namen gemacht hat, Neuland betritt. Liebe bzw. Sex spielen auch im ersten Fall eine zentrale Rolle.

Auf der Insel Südkoster wird ein junger Mann, Fredde Skog, ermordet. Kurz danach verschwindet Meja Kron, die Ehefrau eines prominenten norwegischen Politikers. Sie gehört einer Gruppe von vier Immobilienmaklern an, die für ein Team-Retreat auf die Insel gekommen sind, um ihre Gruppendynamik zu verbessern. Die hat es in sich.

Jede/r hat etwas mit jeder/m. Es wird munter durcheinander koitiert, und natürlich dürfen Drogen nicht fehlen. Außerdem befindet sich eine betrogene Ehefrau auf der Insel, die ihrem untreuen Mann hinterherspioniert. Auch Fredde scheint mit Meja geschlafen zu haben.

Verdächtig sind vor dem ausschweifenden Hintergrund natürlich alle. Abgesehen von den Ermittelnden, Vega Varg und ihrem Freund und Kollegen Leopold. Kein Wunder: Sie haben keinen Sex.

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Olivia Laing: Crudo

Eine rohe, fast gehetzte Sprache; vorwärtstreibende, mal verflochtene, mal stakkatoartige Sätze. Inhaltlich mäandernd, assoziativ. Einen Plot gibt es nicht. Stattdessen einen Parforceritt durch Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin, verwoben mit all den schmutzigen Themen der Gegenwart: Umweltzerstörung, Pädophilie, abgehobene Finanzeliten, Faschisten in Charlottesville und im Weißen Haus. Erbarmungslos seziert sie ihre Umwelt, decouvriert Dünkel und Verlogenheit – und sich selbst.

»Crudo« ist das in jeder Hinsicht beeindruckende Romandebüt von Olivia Laing, die sich schon zuvor einen Namen als Memoir-Schreiberin und Essayistin gemacht hat. Ihre literarische Herkunft liegt auch diesem Buch zugrunde, denn ihre Hauptfigur ist eine Melange aus ihr selbst und Kathy Acker, der 1997 verstorbenen »Queen of Punk«, die sie immer wieder ohne Kennzeichnung zitiert (die Quellen finden sich im Anhang).

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Antje Zimmermann: Das Event

Die einleitende Szene, passend mit Regenfluten und Sturmeswüten, lässt Vergangenes und ein daraus folgendes Verbrechen, ja sogar den Täter/die Täterin erahnen. Doch zunächst dreht sich alles um ein aufgrund des Todes der Besitzer geschlossenes Hotel auf Helgoland, in dem vorübergehend eine Event-Agentur ein Gruselabenteuer inszeniert, bei dem Stephen Kings »Shining« nachgestellt wird. Nicht nur im Hotel »Hummer« geschehen seltsame, wenn auch, wie sich ein ums andere Mal herausstellt, letztlich harmlose Dinge. Oder steckt doch mehr dahinter?

Kommissarin Maxi Adler und Leandra Kern, die neue Polizeichefin der Insel, haben ganz andere Sorgen. Geplagt von allerlei persönlichen Problemen – Maxi wegen ihrer Familie, Leandra mit ihrer durch eine Hormonbehandlung angestachelten Libido – sind sie weit davon entfernt, toughe Ermittlerinnen zu sein. Vogelgrippe, ein abgeschlachtetes Lamm und attackierende Möwen zerren ebenso an ihren Nerven wie die albernen Horrorinszenierungen im »Hummer«. Doch dann tritt zum einen Klaus Kleine auf den Plan, ein bisher unbekannter Erbe des Hotels, das sich Maxis Eltern unter den Nagel reißen wollen; zum anderen taucht Mathis, Maxis verschwundener und für tot erklärter Zwillingsbruder, auf. Beide sorgen für erhebliche Aufregung auf der Insel.

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Dror Mishani: Nicht

Der israelische Autor Dror Mishani, bekannt geworden durch seine Avi-Avraham-Krimireihe, hat einen Liebesroman geschrieben. Und eine Geschichte über einen Mann, der eigentlich alles falsch macht.

Eli, 52, Übersetzer französischer Kriminalromane, erwartet nicht mehr viel vom Leben, lebt eher trübsinnig vor sich hin, nachdem seine Frau gestorben ist. 27 Jahre war er glücklich mit ihr. An eine zweite große Liebe glaubt er nicht. Bis er Lia trifft. Sie spielt Cello in einem Kammerquartett und gibt Kindern Musikunterricht. Sie ist ähnlich zurückhaltend wie Eli, und so entspinnt sich ihre Beziehung zaghaft, aber mit wachsender Zuversicht. Vor allem bei Eli.

Doch dann begeht er einen folgenschweren Fehler und verstrickt sich, statt einfach die Wahrheit zu sagen, bei dem Versuch, seine neue, so verheißungsvolle Liebe zu retten, in ein Geflecht aus Kurzschlusshandlungen und Lügen, das alles gefährdet.

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Robert Seethaler: Die Straße

»Wenn Sie die Straße von Ost nach West oder in umgekehrter Richtung durchlaufen, fällt Ihnen sicherlich eine gewisse Disharmonie ins Auge. […] Man könnte es auch als Charakter oder Persönlichkeit bezeichnen. Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut, offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.«

Eigentlich kann man Robert Seethalers neuen Roman nicht besser beschreiben. Der Autor führt uns diese Straße auf und ab und macht uns mit dem Schicksal ihrer Bewohner vertraut. Und da passt vieles nicht zusammen. Hinter den disparaten Fassaden gibt es unerfüllte Träume und Zukunftsängste, Missklänge und Leben aus dem Gleichgewicht. Aber auch Mut, Hartnäckigkeit und neue Anfänge. Und Persönlichkeiten, so unterschiedlich wie die Häuser.

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