Zu Beginn versucht ein Mann in einer Bar in East Harlem, New York, mit einer Frau anzubändeln, was ihm misslingt, nicht nur, weil er zu durchsichtige Lügengeschichten erzählt.
Dann kollabiert ein fünfstöckiges Mietshaus und reißt die Nachbarschaft aus dem Schlaf; sechs Menschen sterben, weitere werden vermisst. Das Unglück verändert das Leben im Viertel und insbesondere das Leben vier seiner Bewohner.
Felix Pearls Alltag besteht darin, sein Viertel zu filmen und Fotos zu machen, willkürlich und zufällig. Warum, kann er selbst nicht genau sagen. Momentan verdient er ein paar Dollar mit Aufnahmen für das Grünflächenamt.
Royal Davis weiß seit Langem, dass er den falschen Beruf ausübt. Er ist Bestatter, weil es Familientradition ist. Er bedauert das Ende der Aids- und Crack-Epidemie, da sein Beerdigungsinstitut nun vor dem Abgrund steht.
Detective Mary Roe ist für den normalen Polizeidienst nicht mehr zu gebrauchen, da sie an einer ungewöhnlichen Phobie leidet: Sie traut sich nicht mehr über die engen Grenzen ihres Viertels hinaus. Seitdem ist sie zuständig für Community Affairs, eine Art Sozialarbeiterin mit Polizeibefugnissen.
Und da ist der Mann aus der Bar, der erst sehr viel später wieder auftaucht – buchstäblich. Ein paar Tage nach dem Zusammenbruch wird Anthony Carter völlig überraschend bei Aufräumarbeiten in dem zerstörten Wohnhaus gefunden – lebend und nur leicht verletzt. Sein Leben liegt in Scherben. Mal Verkäufer, mal Lehrer, Kokainsucht, gescheiterte Ehe, arbeitslos.
Doch jetzt ist er berühmt. Er ist der Lazarus-Mann, auferstanden, um, so ist er überzeugt, den Menschen in East Harlem etwas zurückzugeben für seine wundersame Errettung, ob er sie nun Gott verdankt oder dem Zufall. Er wird zum begnadeten Redner, der Hoffnung und den Glauben an die eigene Stärke verbreitet. Und tatsächlich verändert sich nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das der anderen drei Hauptfiguren.
Viel mehr Dramatisches geschieht nicht in diesem Roman. Zwar stellen sich den Lesern einige Fragen, aber Spannung im Sinne eines vorwärtstreibenden Plots entsteht nicht. Dafür geschieht umso mehr im Kleinen, im Alltäglichen, im Mikrokosmos East Harlem, der dann doch wieder ein Spiegelbild des ganzen Amerika ist. Lazarus Man reiht sich ein in die lange Geschichte amerikanischer Stadtromane von F. Scott Fitzgerald bis Paul Auster und Colson Whitehead. Im Zentrum der Erzählung stehen auch bei Price die Unterprivilegierten, die Menschen mit vielen Plänen und Hoffnungen, aber mit ebenso geringen Chancen wie die anderen, die Desillusionierten. Menschen, die nach Nähe, nach Gemeinschaft suchen, so brüchig sie auch sein mag in einem Viertel, geprägt von Gewalt und Armut. Menschen, die zu überleben versuchen in einer Gesellschaft von Einzelkämpfern.
Die Empathie des Autors für seine Figuren mit all ihren Fehlern, mit ihren Macken und seelischen Verwundungen überträgt sich auf die Leser. Und so liegt der Reiz dieses Romans weniger in der Auflösung der Fragen rund um einen verschwundenen Bewohner des zerstörten Wohnblocks oder Anthonys wundersamer Errettung, sondern darin, das Leben in East Harlem, dessen Gravitationszentrum Anthony für eine Weile wird, und den Wandel der vier Hauptfiguren zu beobachten.
Price entlarvt Amerikas Illusion des melting pot of people – selbst die Bewohner East Harlems, einem bunten Geflecht aus karibischen, latein- und schwarzamerikanischen Wurzeln, ordnen sich und andere wie selbstverständlich einer spezifischen Ethnie und Herkunft zu – und der gleichen Chancen für alle. Stattdessen ist das Leben in East Harlem geprägt weniger von Hoffnung, als von purem, manchmal rohem Überlebenswillen. Der Einsturz des Wohnblocks und der Tod von sechs Menschen senden Schockwellen durch das Viertel. Anthonys Aufruf an seine Bewohner ist, wenn man so will, Prices Botschaft am Ende des Romans:
»Es geht nicht um Unglück, sondern darum, wie man mit Unglück umgeht. […] Denn egal, wer ihr seid, ob Mann oder Frau, ob reich oder arm, ob weiß, Schwarz [sic], braun oder asiatisch, […] denkt daran, was ihr erreicht, was ihr durchgemacht habt, und sagt euch: ›Und dennoch und trotzdem bin ich noch da‹.«
Richard Price: Lazarus Man
übersetzt von Henning Ahrens
S. Fischer, Februar 2026
400 Seiten, gebundene Ausgabe, 26 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
