Elke Becker: Die Erfinderin der Freiheit

Der Glaube an den Fortschritt und sich selbst, daran, dass man etwas erreichen kann, wenn man nicht aufgibt. Dass man große Träume verwirklichen kann. Der stetige Kampf gegen die Dominanz der Männer in der Gesellschaft, die Rückschläge, die Frauen immer wieder hinnehmen mussten, die alltäglichen Probleme, die es so schwer machten, den Glauben an sich selbst und eben sich selbst nicht aufzugeben. Das sind die Themen, die hier in diesem historischen Roman um vier junge Frauen, die jeden Tag kämpfen müssen, um ihre Wohnung bezahlen zu können, sich in ihrem Job zu beweisen und dabei nicht vergessen, dass sie Träume haben, die sie verwirklichen wollen, behandelt werden. Christine und ihre Freundinnen Julia, Lotta und Amalie stehen im Mittelpunkt dieses historischen Romans, der Fakten und Fiktionen gekonnt und spannend zu einer Geschichte spinnt, die uns an den Anfang des 20. Jahrhunderts nach Dresden führt.

Christine arbeitet als Therapeutin im bekannten und von prominenten Persönlichkeiten häufig frequentierten Lahmann-Sanatorium. Sie kümmert sich um die Gesundheit der Damen, die dort zur Kur anreisen. Sportliche Betätigung gehört ganz selbstverständlich dazu. Genau das ist es aber, was vielen der Patientinnen Probleme bereitet. Damals war es Mode, eng geschnürte Korsetts oder wenigstens ein Mieder zu tragen, was das Atmen bei sportlicher Betätigung und durchaus auch im normalen Alltag oft schwer machte. Eine Ohnmacht war „normal“. Daraus resultierte allerdings die irrige Annahme, dass Frauen einfach nicht für sportliche Wettkämpfe oder Ähnliches geschaffen seien. Ihre Konstitution sei nicht entsprechend. Eine Annahme, die Christine widerlegen möchte. Sie entwickelt den wesentlich bequemeren Brusthalter.

Da der Gründer des Sanatoriums bereits ein Verfechter von Baumwolle als Unterwäsche war und ebenso offen für den Fortschritt im Gesundheitswesen, hat sie keine Probleme, ihre Erfindung im Sanatorium anzubieten und von den anwesenden Damen testen zu lassen. Nicht bei allen stößt sie allerdings damit auf Gegenliebe. Diejenigen, die sich allerdings bereiterklären, den Brusthalter zu testen, sind angetan von Christines Erfindung und ordern weitere Exemplare bei ihr. Ihre Freundin Julia näht und bestickt die Brusthalter abends, wenn sie ihre Arbeit in der Schneiderei beendet hat. Noch ist Christines Geschäftsidee zwar nicht so erfolgreich, wie sie das erhofft, aber es ist ein Anfang, dass zwei der Patientinnen im Sanatorium ordern und in ihrem Bekanntenkreis dafür werben wollen. Erfolgreicher ist da schon die Erfindung von Amalie, die ebenfalls im gleichen Haus lebt und sich immer wieder darüber ärgert, dass Kaffeesatz in der Tasse übrig bleibt und einem den letzten Schluck Kaffee vermiest. Sie sinnt auf Abhilfe und wird erfolgreich mit der Erfindung des Filterpapiers, das sie unter ihrem zweiten Namen, Melitta, zum Patent anmeldet.

Dass sie das als verheiratete Frau eigenständig machen kann, verdankt sie dem ansonsten eher traurigen Umstand, dass ihr Mann mit einem eigenen Projekt gescheitert ist und sie die finanzielle Situation der Familie mit ihrem Produkt retten möchte. Christine dagegen ist ledig, sie kann 1899 das Patent auf ihre Erfindung anmelden. Nachdem sie erste Erfolge verbucht, ist die Klinikleitung daran interessiert, ihr das Patent abzukaufen, doch Christine bleibt lange Zeit standhaft, wohl wissend, dass sie dann auf viele Einnahmen verzichten müsste, die ganz bestimmt in der nahen Zukunft kommen werden. Christine hadert ebenfalls damit, ihre Eigenständigkeit aufzugeben, weil sie, wenn sie erst einmal verheiratet wäre, nach der gültigen Rechtslage keine eigenen Geschäfte mehr machen und wohl auch keine selbstständigen Entscheidungen treffen dürfte. Bisher hat sie jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Männer, die sich für sie interessiert haben, sie ganz selbstverständlich nur in der Küche und bei der Kindererziehung gesehen haben, falls sie heiraten sollten.

Das ist Christine ein Dorn im Auge. Sie kann sich kaum vorstellen, dass sie je auf einen Mann treffen sollte, der sie in ihrer Eigenständigkeit unterstützt.

Am Schicksal und Alltag der Freundinnen in Dresden erfahren wir in diesem Roman nicht nur viel über die Erfindung des Brusthalters, wie er heute selbstverständlich ist, oder über die des Kaffeefilters, wir lernen auch die Lebensbedingungen sehr gut kennen, unter denen junge Frauen in der damaligen Zeit gelitten haben. Gleichzeitig machen wir viele Streifzüge durch die Stadt Dresden mit ihren Sehenswürdigkeiten, wir tauchen ein in die Atmosphäre dieser Stadt und das Leben der Menschen.

Insgesamt ist dieser Roman über Emanzipation und Freundschaft eine gut angelegte Mischung aus historischen Fakten, echten Biografien und fiktiven Schicksalen. Ebenso unterhaltsam wie spannend zu lesen und informativ.n und fiktiven Schicksalen. Ebenso unterhaltsam wie spannend zu lesen und informativ.

Elke Becker: Die Erfinderin der Freiheit: Ein kleines Kleidungsstück verändert die Welt
Heyne, Februar 2026
368 Seiten, Taschenbuch, 13,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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