Von 1983 bis 2009 wurde Sri Lanka von einem Bürgerkrieg gebeutelt. All das damit verbundene Leid schildert V. V. Ganeshananthan schonungslos ehrlich und menschlich zugleich aus den Augen einer Frau. Für diesen Roman wurde die Autorin 2024 unter anderem mit dem „Woman’s Prize for Fiction“ ausgezeichnet. Ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite tief berührt. Und das erschreckende Parallelen zu heutigen Konflikten und (Bürger-)Kriegen aufkommen lässt.
Sashi ist 16 Jahre alt, lebt mit ihren Eltern und den vier Brüdern in Jaffna, einer Stadt in Sri Lanka. Sie gehört zur Bevölkerungsgruppe der Tamilen, die hauptsächlich im Norden und Osten der Insel ansässig ist. Die Tamilen bilden eine Minderheit im Vergleich zu den Singhalesen, welche 75 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie wollen ihren eigenen Staat, es brodelt unter der Oberfläche. Doch Sashi beschäftigt sich mit alltäglichen Dingen. Verliebt in ihren klugen Nachbarsjungen, möchte sie Medizin studieren. Dass die Bibliothek von Jaffna nach Ausschreitungen von der singhalesischen Polizei niedergebrannt wird, zeichnet sich bereits als böses Omen ab. Noch ist Sashi zu jung, um zu begreifen, auf welche Katastrophe ihr Land zusteuert.
Wie ein Bürgerkrieg Menschen verändert
Zwei Jahre später, im Jahr 1983, ist es so weit: Mit den Pogromen des Schwarzen Juli, dem auch einer von Sashis Brüdern zum Opfer fällt, beginnt der Bürgerkrieg in Sri Lanka. Nach und nach zerbrechen sowohl Sashis Familie als auch all ihre Gewissheiten. Ein paar ihrer Brüder sowie ihre Jugendliebe schließen sich der paramilitärischen Rebellengruppe rund um die Tamil Tigers an. Fassungslos muss Sashi mit ansehen, dass diese ebenso radikal und brutal vorgehen wie jene, die sie eigentlich bekämpfen wollen. Trotz widrigster Umstände studiert Sashi Medizin, wird aber von den Tamil Tigers rekrutiert, um heimlich deren verletzte Kämpfer zu behandeln. Immer wieder gerät sie in den folgenden Jahren zwischen alle Fronten. Die singhalesische Armee verübt Massaker an Zivilisten. Ein paar Soldaten der indischen Friedenstruppe vergewaltigen Frauen. Immer wieder muss die junge Tamilin hinterfragen, was richtig oder falsch ist. Sie behandelt Opfer auf allen Seiten des Konflikts: Rebellen, Kämpfer, Mörder, Missbrauchte, Alte, Kinder, Gebrochene. Sie strauchelt zwischen Gefühl und Verstand, familiären Bindungen und eigenen Überzeugungen, Heimat und Exil.
Großen Halt gibt ihr die Professorin und Bürgerrechtsaktivistin Anjali. Sie zeigt Sashi, dass es sich lohnt, für eine bessere Welt zu kämpfen. Doch der Preis dafür ist hoch. Ein literarischer Kunstgriff der Autorin ist hierbei, dass sie ihre Leser immer wieder direkt mit „du“ anspricht. Dadurch zieht sie uns ganz nah zu sich in den Plot. Sie zwingt uns, die eigene Perspektive zu hinterfragen und die Stelle der Protagonistin einzunehmen. Wie würden wir fühlen und handeln an ihrer Stelle?
Parallelen zu heutigen Konflikten
Diese bewegende Geschichte zeigt, dass es im Krieg kein Schwarz oder Weiß, sondern nur unendlich viele Grautöne gibt. Außerdem veranschaulicht der an realen Geschichtsereignissen orientierte Roman erschreckende Parallelen zu heutigen Konflikten: die Scherben der einstigen Kolonialzeit, als jahrhundertelang unterschiedliche ethnische Gruppen gegeneinander ausgespielt wurden. Eine selbst ernannte Befreiungsarmee, die Folter und Ermordung anwendet, genau wie ihre Besatzer. Und am Ende gar die eigene Bevölkerung in Geiselhaft nimmt, um sich hinter ihr zu verschanzen. Eine Regierung, die nach immer mehr Macht giert. Pogrome und Selbstmordattentate, welche in einer nie enden wollenden Gewaltspirale münden.
Fazit: Ein Roman, der all seine Auszeichnungen hochverdient erhalten hat. Über ein Thema, das so aktuell ist wie eh und je. Ein universeller Roman über Mut, Menschlichkeit, die Hoffnung und das Straucheln in Zeiten des Krieges und Hasses. Nachrichten mögen uns schockieren. Aber erst die Belletristik, das Schicksal des lyrischen Ichs, vermag uns wirklich zu bewegen.
V.V. Ganeshananthan: Der brennende Garten.
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz.
Tropen, Oktober 2025.
464 Seiten, gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
