Wer hätte nicht gern einen fürsorglichen Nachbarn, der hilfsbereit zur Seite steht, wenn es einem mal schlecht geht, der einkauft, den Müll entsorgt und die Blumen gießt? Sarah Wolff hat so einen Nachbarn. Allerdings macht er all dies in ihrer Abwesenheit, bringt auch in ihrem Schlafzimmer ein Nachtlicht an, das sie zwar online gekauft, dann aber nicht installiert hat. Und woher weiß er, dass sie unter Monophobie leidet, der Angst, alleine zu sein?
Immer mehr drängt sich der unbekannte Stalker in ihr Leben, das ohnehin durch ihre Vergangenheit belastet ist, nachdem sie hat erfahren müssen, dass ihr eigener Mann Kleinkinder angegriffen und mit Säure übergossen hat. Schließlich geht der »Nachbar« so weit, Menschen, von denen Sarah enttäuscht wurde und denen sie in einem Tagebuch alles Böse wünscht, brutal zu ermorden.
Und dann ist da noch – im Prolog – der Mann, der sich nach 11 Jahren Haft wenige Tage vor seiner vorzeitigen Entlassung die Pulsadern aufschneidet.
Das ist das Setting, vor dem sich Fitzeks neuer, rasanter Psychothriller entwickelt. Natürlich werden die Hintergründe nur häppchenweise preisgegeben und die Leser mit merkwürdigen Details verwirrt, während die Lage für die Protagonistin immer absurder, immer gefährlicher wird, zumal die Polizei sie für völlig unglaubwürdig hält.
Fitzek schöpft mal wieder aus dem Vollen. Rasch nimmt die Handlung Fahrt auf, die Ereignisse überstürzen sich und zahlreiche Wendungen rund um die Frage, wer sich hinter dem Stalker verbirgt und warum er (oder sie) das tut, machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Wozu natürlich auch Fitzeks Vorliebe für sehr kurze Kapitel (diesmal sind es 85 auf 355 Seiten) beiträgt. Ständig wechseln die Zeitebenen und Perspektiven, und nach dem letzten Cliffhanger kann man, egal wie spät es ist, doch auch noch die nächsten drei oder vier Seiten lesen – bis zur nächsten Überraschung, bis zum nächsten Cliffhanger …
Allerdings übertreibt es Fitzek diesmal. Als wäre es noch nicht genug, dass Sarah mit einem Psychopathen zusammengelebt hat, nein er dichtet ihr auch noch ein letztlich für den Plot irrelevantes Kindheitstrauma an. Was die Twists betrifft, so sind sie nicht unbedingt unglaubwürdig, wenn man bereit ist, der Fantasie des Autors zu folgen. Nur sind es einfach zu viele. Zudem wirken sie bisweilen arg konstruiert, wie Psychopathologie aus dem Versuchslabor.
Dass Fitzek dieses Spiel mit dem Leser auch noch im Epilog weiterführt, in dem er das – vermutete (!) – Ende wieder infrage stellt, ist wirklich überflüssig.
Sebastian Fitzek: Der Nachbar.
Droemer, Oktober 2025.
368 Seiten, Hardcover, 25.00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
