Der Einsatz von Militärärzten, Liebe und Opferbereitschaft, Altruismus und Egozentrik, KI und Deadbots, medizinischer Fortschritt und Schönheitsindustrie, Geldgier, Macht und Skrupellosigkeit – das sind die Themen der ersten Zusammenarbeit des Multitalents Witherspoon (Schauspielerin, Produzentin, Autorin) und eines der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Gegenwart.
Maggie McCabe, eine begnadete und einst gefeierte plastische Chirurgin der amerikanischen Armee, hat ihre Approbation verloren. Bald danach macht ihr ein Mittelsmann ein eigentlich dubioses Angebot: Sie soll einen offensichtlich steinreichen Mann operieren, erfährt aber keinerlei Details und darf mit niemandem jemals darüber reden. Aber zum einen brennt Maggie für ihren Beruf, zum anderen bietet man ihr ein horrendes Honorar – 10 Millionen Dollar – und die Tilgung aller Schulden ihrer Schwester. Also nimmt sie das Angebot an und findet sich in der Luxusvilla, inklusive eines hochmodernen Operationssaals, eines russischen Oligarchen wieder, und soll nicht nur ihn operieren, sondern auch seiner jungen Geliebten Nadja zu größeren Brüsten verhelfen.
Der zweite Handlungsstrang betrifft den Tod ihres Mannes Marc, ebenfalls Chirurg, der bei einem humanitären Einsatz im Niger bei einem Massaker zerstückelt wird. Ebenfalls an dem Einsatz beteiligt war der gemeinsame Freund Trace Packer, der rechtzeitig fliehen konnte, noch einmal kurz in Dubai gesehen wird und seitdem verschwunden ist.
Reese und Coben nehmen sich viel Zeit für die Einführung der Figuren und die Entfaltung der verschiedenen Themen. Insofern ist die erste Hälfte des Buches nicht einmal ein Krimi, sondern eigentlich ein Roman (im besten Sinne) über medizinische Kunst und ärztliche Verantwortung, über Ethos und Wunschdenken und über Menschen, die bereit sind, ihr eigenes Leben zu riskieren, um anderes Leben zu retten.
In der zweiten Hälfte nimmt der Plot Fahrt auf, ein Detail nach dem anderen wird enthüllt und wirft gleichzeitig neue Fragen auf. Plötzlich ist Maggie in Lebensgefahr. Aber warum eigentlich? Neue Figuren tauchen auf. Wer ist Freund, wer Feind? Wer sagt ihr die Wahrheit? Trace ist in Bangladesch – oder doch nicht? Marc ist tot – oder etwa nicht? Ist Nadja wirklich nur die willige Geliebte des kriminellen Oligarchen Ragorawitsch?
Im zweiten Teil gibt es dann jede Menge (nicht immer überzeugende) Action und James-Bond-mäßig wechselnde, exotische Handlungsorte, unterbrochen von einer weiteren, ebenfalls spektakulären, technisch und medizinisch detailliert beschriebenen Operation (hier wurde gründlich recherchiert).
Angereichert wird das Ganze durch KI (die ja immer häufiger Eingang vor allem in die Kriminalliteratur findet). Deadbots, in diesem Fall programmiert von Maggies genialer Schwester Sharon, sind zwar nicht mehr reine Utopie, aber dass sich Maggie auf ihrem Handy nicht nur mit ihrem verstorbenen Mann Marc unterhält, sondern dabei auch noch aktuelle Recherche betreiben kann, ist in einem fiktionalen Werk sicher akzeptabel, wirkt hier aber eher aufgesetzt, wie ein, sagen wir, neumodisches, verkaufsförderndes Plot-Element.
So ist »Ohne ein letztes Wort« insgesamt gesehen ein thematisch überbordendes, bisweilen auch klischeehaftes, aber dennoch unterhaltsames Werk, dem leider der notwendige Nervenkitzel fehlt, um als echter Thriller durchzugehen.
Reese Witherspoon, Harlan Coben: Ohne ein letztes Wort.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gunnar Kwisinski, Friedo Leschke, Charlotte Breuer, Kristian Lutze, Thomas Bauer.
Goldmann Verlag, Oktober, 2025.
432 Seiten, Taschenbuch, 17.00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
