Nach dem Stillstand hat sich die USA von den Errungenschaften der modernen Zivilisation verabschiedet. Computer, Autos, Handys, Fernseherund die liebgewonnen elektronischen Gadgets des Alltags – alles weg! Lethams Protagonist mit dem Spitznamen „Journeyman“ hat Glück gehabt, dass er sich zum Zeitpunkt des beginnenden Stillstands auf einer abgelegenen Halbinsel im Osten der USA aufgehalten hat. Denn hier betreibt seine Schwester Maddy mit ein paar anderen Aussteigern eine Bio-Farm. Die kleine Gemeinschaft kann sich nach Zusammenbruch der Lieferketten selbst versorgen. Sie lebt abgeschottet von der Außenwelt, die Grenze zum Festland wird von den mysteriösen Mitgliedern der „Kordonisten“ gesichert. Gegen die Bezahlung von Lebensmitteln schützt der Trupp die friedlichen Bio-Bauern gegen feindliche, gewalttätigen Einflüsse von außen. Behauptet er zumindest. Durch das Fehlen jeglicher Kommunikationsnetze weiß niemand auf der Halbinsel, wie es um den Rest der Welt steht. Herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände beim Kampf um die letzten Ressourcen? So gehen die Insulaner lieber den fragwürdigen Schutzdeal mit den Kordonisten ein.
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Maxim Leo: Wir werden jung sein
Kongenial und brillant! Niemals altern, bis hin zur Unsterblichkeit: Diesen ewigen, aber gleichfalls brandaktuellen Menschheitstraum beschreibt Maxim Leo in einem treffsicheren und vielschichtigen Roman. Sein literarisches Kunststück geht moralischen Denkanstößen, Chancen und Risiken nach. Sie werden anhand der Schicksale von vier Probanden dargestellt, die an einer Studie für ein neues Herzmedikament teilgenommen haben. Bei den verjüngenden Effekten handelt es sich um eine nicht eingeplante Nebenwirkung. Die Protagonisten erleben so manche Überraschung, positiv wie negativ. Denn wie heißt es doch so schön: Alles im Leben hat seinen Preis. Sogar die ewige Jugend.
WeiterlesenJonathan Lee: Joy
Joy – kein Name könnte abgründiger und paradoxer für die titelgebende Hauptfigur sein. Nach außen hin hat die erfolgreiche Londoner Anwältin Joy Stephens allen Grund zur Freude, doch dahinter es ganz anders aus. Genial, böse und schreiend komisch, inszeniert Jonathan Lee ihren geplanten Selbstmord. Der Autor wirft einen Blick in eine Welt, in der alle ständig mehr wollen, aber unterm Strich immer weniger haben. Die Szene ist knallhart, die Anwälte sind ausgebrannt, körperlich wie mental. Sie flüchten sich in Affären, Sport, Selbstoptimierung und teure Handtaschen. Dabei beschreibt der Autor die Geschehnisse so knochentrocken, dass es eine wahre Freude ist, in die Abgründe abzutauchen.
WeiterlesenNatalie Haynes: Die Kinder der Jokaste
Bekannte Sagen, zeitgemäß interpretiert: Keine macht das so gekonnt, so überraschend, so mitreißend, wie die in Cambridge studierte Altphilologin Natalie Haynes. Auch in ihrem dritten Roman erzählt sie ein bekanntes antikes Stück aus der weiblichen Sicht nach. Wie nötig dieser Perspektivwechsel ist, beweist allein schon der Titel. Sagt Ihnen der Name Jokaste etwas? Nein? Vielleicht klingelt es beim Namen Ödipus? Na bitte! Jokaste ist die Königin von Theben, die Ehefrau und vermeintliche Mutter des Ödipus (nachdem der gleichnamige „Komplex“ benannt wurde). Obwohl sie in dem Konflikt eine ebenso große, wenn nicht sogar noch größere Rolle spielt, kennt die Leserschaft meist nur die männliche Sichtweise des vermeintlichen Helden. Bis jetzt.
WeiterlesenPhilippe Djian: Ein heißes Jahr
Die Welt im Jahr 2030. Dürresommer voller Waldbrände wechseln sich mit Wintern voller Überschwemmungen ab. Das Wetter schlägt allen Menschen aufs Gemüt, zermürbt sie, radikalisiert sie, lässt sie kopflose Entscheidungen treffen. Wer es sich leisten kann, macht auf Island Urlaub, der Rest des Planeten verspicht keinerlei Erholungswert mehr. Mittendrin in Djians Roman straucheln Protagonisten voller kognitiver Dissonanzen. Denn zwischen dem Wissen, um das, was richtig ist, und dem entsprechenden Handeln danach, liegen Welten. Obwohl die Welt an die Wand fährt, sind sie nicht fähig, von destruktiven Verhaltensweisen abzulassen.
WeiterlesenAnthony Ryan: Ein Fluss so rot und schwarz
Atmosphärisch dichter Apokalypse-Thriller mit einem Widersacher, der jeden Zombievirus verblassen lässt. Ohne Firlefanz katapultiert uns der britische Autor Anthony Ryan in ein Endzeitszenario, das es in sich hat: Ein Mann ohne Erinnerung erwacht auf einem Boot durch einen Schuss. An Bord hat sich ein ihm Unbekannter erschossen. Er trifft auf fünf weitere Passagiere wie ihn – alle mit kahlrasiertem Schädel, einer frischen Narbe auf dem Kopf und ohne Erinnerung. Zudem finden sie jeweils eine Tätowierung auf ihrem Arm vor – die Namen berühmter Schriftsteller. Der Protagonistträgt den Namen Huxley. Gerade als die Situation panisch zu werden droht, da ein dichter Nebel die Sicht versperrt und das Boot automatisch gesteuert wird, meldet sich eine unheimliche Telefonstimme bei Huxley, welche die Passagiere mit ihrer Mission betraut.
WeiterlesenSilvesterspecial 2023

Im Laufe eines Jahres erscheinen unzählige Bücher von berühmten Autorinnen oder noch unbekannten Autoren. Darunter finden sich dann immer wieder ganz besonders berührende, unterhaltsame, fesselnde, interessante oder dramatische Bücher, die lesens- und empfehlenswert sind.
Aus den vielen Büchern, die die Rezensentinnen und Rezensenten der Leselust in den vergangenen zwölf Monaten gelesen und besprochen haben, sind es diese, die sie im Jahr 2023 besonders begeisterten:
WeiterlesenChristopher Clark: Frühling der Revolution
Wären alle Sachbücher so spannend wie dieses, gäbe es wohl kein Pisa-Debakel in Deutschland. Dieses Buch füllt enorme Wissenslücken! Beispiele: Wussten Sie, dass die Welle der 1840er Revolutionen nicht im aufmüpfigen Frankreich, sondern in der beschaulichen Schweiz losgetreten wurden? Warum hatte die Abschaffung des Feudalsystems die Situation der Bauern zunächst verschlechtert? Weshalb war Großbritannien das einzige Land Europas, in dem keine Revolution stattfand? (Spoiler: Weil es die Probleme einfach auf seine Kolonien abgewälzt hatte!)
WeiterlesenHallgrímur Helgason: 60 Kilo Kinnhaken
Es ist die wohl lustigste Defloration der Literaturgeschichte: Wie der 19-jährige Gestur zu Beginn des 20. Jahrhunderts während der uralten Sitte des „Trockenlegens“ seine Unschuld verliert, ist eines der witzigsten Highlights in diesem 670 Seiten starken Roman! Überhaupt ist der Titelheld aus „60 Kilo Sonnenschein“, dem ersten Band von Helgasons historischer Islandromanreihe, erwachsen geworden. Zumindest auf körperlicher Ebene. Er hat einen regelrechten Lauf bei Frauen, wenngleich nicht jede Liebschaft ein glückliches Ende nimmt.
WeiterlesenAlexa Hennig von Lange: Zwischen den Sommern
Wie konnte das Jahrhundertunglück des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts passieren? Was machte die Masse an Menschen, die weder mit dem System sympathisierten, noch in den Widerstand gingen? Im zweiten Teil ihrer Trilogie nach „Die karierten Mädchen“ zeichnet Autorin Alexa Hennig von Lange anhand den Tonband-Aufzeichnungen ihrer Großmutter das Bild einer verlorenen Generation nach. Von Menschen, die weder Helden noch Verbrecher waren, die einfach nur weitermachten, Tag für Tag, um sich und ihre Familien zu schützen. Von Menschen, die aus lauter Scham ihr Leben lang nicht über jene Zeit reden wollten. „All die Ämter und Funktionen, die einzunehmen, die Ehrenauszeichnungen, die zu erreichen waren, all die Verdienste für das deutsche Volk. Sie hatten sich alle davon blenden lassen – und nun saßen sie in verdunkelten Häusern. Längst ging es nur noch um das nackte Überleben und nicht mehr um das, was irgendwann einmal nach dem Versprechen einer wunderbaren Zukunft geklungen hatte.“ (S.295)
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