310 eng bedruckte Seiten geballtes Wissen und akribische Recherche über „Die Frauen der Familie Feuchtwanger“, rund 200 Jahre Geschichte der Familie hat Heike Specht in diesem umfangreichen Werk, das sie selbst „eine unerzählte Geschichte“ nennt, aufgearbeitet. Biografisch, aber keine Biografie. Wie gewohnt bestens recherchiert, historisch fundiert und dennoch flüssig zu lesen. Die Faszination für die Familie, von der den meistens wahrscheinlich spontan nur der Name „Lion Feuchtwanger“ etwas sagt, spürt man in jedem Kapitel. Die fundierten Kenntnisse entstammen nicht zuletzt der Tatsache, dass Leben und Wirken von vier Generationen dieser deutsch-jüdischen Familie – wie die Autorin sie beschreibt: ein bisschen bayerische Buddenbrooks, ein bisschen Löwengrube, ein bisschen Shitsel – Thema ihrer Dissertation gewesen sind. Das besondere Augenmerk liegt hier allerdings auf den Frauen, die die Familie über Generationen hinweg geprägt und zusammengehalten haben. Mit Frömmigkeit und Geschäftssinn, Pioniergeist und Wagemut.
WeiterlesenSachbücher & Biografien
Doris Dörrie: Die Reisgöttin und andere Mitbringsel
Wer Touristenmeilen eher meidet, um das Leben in den Seitenstraßen zu entdecken, hat in Doris Dörrie eine passende Reisebegleitung gefunden. In 47 Anekdoten, jede knapp zwei DIN-A-5-Seiten lang, erzählt die Autorin von ihrer ungestillten Neugierde, hinter die Dinge sehen zu wollen.
Ihre Reisen führen sie unter anderem nach Asien, den Nahen Osten, die USA und Mittelamerika, aber auch direkt vor die Haustür. Sie hinterfragt kulturelle Werte, die Herkunft landestypischer Speisen, Haushaltswaren und traditioneller Feste.
Am liebsten bummelt sie über Flohmärkte und durch Kramläden in aller Welt, um etwas mitzubringen, das sie zu einer Geschichte inspiriert hat. Dabei legt sie ihr Augenmerk oft auf Dinge, die die meisten Menschen bestenfalls als Kitsch bezeichnen würden. Ihr Mann jedenfalls versucht erfolglos, sie davon abzuhalten, immer mehr Ramsch anzuhäufen. Zumal er sein Haus bereits mit einem Stoffschwan mit Schnabelproblem und einer Porzellankaraffe in Hasenform teilen muss. Aber der Autorin geht es nicht um den Wert der Dinge als solche, sondern um den ideellen Wert.
WeiterlesenRaquel Erdtmann: Joseph Süßkind Oppenheimer

Ein Justizskandal vor 300 Jahren, der bis heute nachwirkt
Wer, wenn nicht eine Gerichtsreporterin, könnte diese Geschichte erzählen. Die Geschichte des Juden Joseph Süs Oppenheimer, der 1738 nach einem Schauprozess hingerichtet wurde und später als literarische Figur „Jud Süß“ unter anderem durch Lion Feuchtwanger Berühmtheit erlangte.
Akribisch recherchierte Details, aufwändig nachgezeichnete Lebenswege und erschütternd deutliche Beschreibungen der Judenfeindlichkeit zeichnen dieses Buch aus. Raquel Erdtmann schildert das Leben des Mannes, der seiner Zeit um einige Jahrhunderte voraus war, der sich nicht verbiegen lassen wollte und der sich weder den Vorschriften noch den Einschränkungen, die den Juden auferlegt waren, beugen wollte.
WeiterlesenBlaise Hofmann: Die Kuh im Dorf lassen
Blaise Hofmann wurde 1978 in der französischsprachigen Schweiz geboren. Seine Eltern waren Bauern. Er hat über zehn Bücher geschrieben und unterrichtet am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, aber immer wieder zieht es ihn zurück in die Landwirtschaft. In seinem neuesten Werk „Die Kuh im Dorf lassen oder die Herausforderungen einer nachhaltigen Landwirtschaft in der Schweiz“ macht er sich Gedanken darüber, was sich in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Oftmals nicht zum Guten. In Hofmanns Buch steckt viel Herzblut. Er lässt keinen wunden Punkt unerwähnt, lässt kein kritisches Thema aus. Die Verschuldung der Bauern wird skizziert, ihr Faible für riesige Landmaschinen, die man nur schwer reparieren kann. Die Einsamkeit der Bauern wird angesprochen. Es gibt nur mehr wenig von ihnen in den Dörfern und die sitzen tagelang alleine auf dem Traktor.
WeiterlesenSarah Brown: Katzen und ihre geheime Sprache
Sie sind die beliebtesten Haustiere Deutschlands. Rund 15,7 Millionen Katzen teilen hierzulande das Sofa mit ihren Zweibeinern. Auf dem Weg dorthin mussten Katzen über sich selbst hinauswachsen: Katzen haben im Gegensatz zu Hunden, deren Vorfahren bereits in sozialen Rudeln lebten, eine gewaltige kommunikative Metamorphose hinter sich. Sie entwickelten sich von den solitär lebenden Einzelgängern, die überwiegend aus der Distanz über Duftmarken kommunizierten bis hin zu den miauenden, schnurrenden Fellknäueln von heute. Katzen haben nicht nur für den Menschen neue Signale entwickelt, sondern auch für ihre eigene Spezies. Und das machen perfekt! Beispiel: Ihr Miauen bewegt sich auf einer Frequenz von 604 Hertz und ist damit nahezu identisch mit der Frequenz von Babyweinen. Wildkatzen wie Ozelot oder Jaguar können sogar die Rufe von Vögeln nachahmen, um sie anzulocken. Sie sind ein Erfolgsbeispiel der Evolution, ein Meister der Anpassung. Das macht Mut und begeistert. Ganz egal, ob man ein Fan der grazilen Samtpfoten ist oder nicht.
WeiterlesenSabine Böhne-Di Leo: Die Erfindung der Bundesrepublik
Fesselnder Blick hinter die Kulissen des Parlamentarischen Rates
Wer die Geschichte unseres Landes verfolgt, dem erzählt die Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Professorin Sabine Böhne-Di Leo zunächst mal nichts weltbewegend Neues.
Denn die Ereignisse rund um die Entstehung des Grundgesetzes, um die Gründung der Bundesrepublik vor 75 Jahren, sind grundsätzlich bekannt. Doch die Autorin blickt eben ein wenig hinter die Kulissen, berichtet von streitbaren Politikern, versöhnlichem Humor und vom Einfluss der damaligen Siegermächte in den ersten Nachkriegsjahren.
WeiterlesenNora Krug: Im Krieg
Tagebücher in Art einer Graphic Novel – Kriegseindrücke aus Kiew und St. Petersburg
Die Autorin und vor allem Illustratorin dieses Buches ist eine vielfach preisgekrönte Deutsche mit Wohnsitz in New York. Am ersten Tag des Angriffs Russlands auf die Ukraine hat sie Kontakt aufgenommen zu zwei ihr bisher unbekannten Personen, einer Journalistin in Kiew und einem Künstler in Russland.
Beide haben ihr über 52 Wochen, während des ersten Jahres der Kriegshandlungen, ihre Gefühle, ihre Eindrücke, ihre Sorgen und kleinen Freuden geschildert. Entstanden ist ein einerseits sehr bedrückendes und berührendes Buch, andererseits stellt man sich bei und nach der Lektüre auch noch immer viele Fragen.
WeiterlesenThomas Harding: Hanns und Rudolf
Interessante Doppelbiografie von Jäger und Gejagtem
Erst bei der Trauerfeier für seinen Großonkel Hanns erfuhr Thomas Harding dessen Geschichte. Erfuhr, was Hanns Alexander während und nach dem zweiten Weltkrieg geleistet und vor allem, wen er verhaftet hatte.
Diese Geschichte des Jägers Hanns Alexander, Jude aus Deutschland, und des Gejagten Rudolf Höss, Leiter des Konzentrationslagers Auschwitz, erzählt der Autor nun in dieser Doppelbiografie.
Doch bevor aus Hanns der Jäger und aus Rudolf der Gejagte wurde, war es umgekehrt. Rudolf Höss, 1901 in Baden-Baden geboren und zeit seines Lebens williger Befehlsempfänger, hatte keine Skrupel, Juden, Andersdenkende und Kriegsgefangene zu jagen, einzusperren, zu quälen und zu töten.
WeiterlesenDjaili Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen
Munyal, Geduld, ist das allerwichtigste Gebot im Leben der Frauen aus dem Volk der Fulbe im Norden Kameruns. Die Fulbe sind Moslems. Die Polygamie ist weit verbreitet. Frauen werden zwangsverheiratet, sind häuslicher Gewalt ausgesetzt und haben keinerlei Möglichkeiten, ihren Vätern, Onkeln, Ehemännern zu entkommen. Ist der Mann mit seiner Frau unzufrieden, hat sie zu wenig Munyal gezeigt. Schlägt er sie, ist das ihre Schuld, sie hat zu wenig Munyal.
Ein Mann ist der absolute Herr über den Körper und das Leben seiner Frau. Er kann mit ihr machen, was er will. Djaili Amadou Amal wurde selbst mit siebzehn Jahren zwangsverheiratet. Sie weiß, wovon sie schreibt. Das Buch jagt einem eine Gänsehaut über den Rücken. Es geht um Ramla, ihre Halbschwester Hindou und Safira, die erste Frau von Ramlas Ehemann. Ramla hat alles darangesetzt, um bis zum Abitur in die Schule gehen zu dürfen. Sie entspricht allen Erwartungen, begehrt nie auf und hofft, Pharmazie studieren zu können. Dreißig Kinder hat ihr Vater. Ramla ist die gebildetste von allen ihren Schwestern und verlobt mit dem besten Freund ihres Bruders.
WeiterlesenSusan Sontag: Über Frauen
Dass Susan Sontags Gedanken ihrer Zeit immer ein Stück voraus waren, beweisen ihre intellektuellen Texte über Frauen in diesem Buch. Ihr Sohn David Rieff hat hier mehrere Essays seiner Mutter, die sie in den Siebzigerjahren, vor allem in New Yorker Magazinen oder der „Vogue“ publiziert hat, zusammen mit verschiedenen Interviews aus „Salmagundi-Magazinen“ herausgebracht.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist Susan Sontags Sichtweise noch immer bestechend klar und erfrischend aktuell.
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