Rechtzeitig vor der Wahl im Juni 2024 erscheinen Nico Semsrotts Einblicke in die Machenschaften im Europäischen Parlament, dessen Verwaltungsapparat 8000 Menschen umfasst. Semsrott selbst ist „aus Versehen“ im EU-Parlament gelandet, wie er berichtet. Zusammen mit Martin Sonneborn wurde er von beinahe 900000 Personen für „Die Partei“ gewählt. Er betrachtete sein Antreten für die Satirepartei als Freiheit zum Experiment. Seit 2019 gehört Semsrott nun dem Europaparlament an und übt dort mit über 700 weiteren Abgeordneten den „merkwürdigsten Job der Welt“ in seinem Medien-bekannten Outfit, dem Kapuzenpullover, aus. Die Einblicke, die uns der Satiriker und Komiker gewährt, wären ganz lustig, wenn sie nicht tatsächlich wahr wären. Es geht nicht nur um unsinnige Steuerverschwendungen. Die Verstrickungen der Parlamentarier, die sich ihre Regeln selbst entwickeln, lassen nicht nur an der Ernsthaftigkeit dieser Institution zweifeln, sie sind auch schwer zu ertragen. Und das ist noch gelinde ausgedrückt. „Ertragen können muss man in diesem Beruf Dummheit, Ignoranz, Langeweile, Geld- und Lebenszeitverschwendung und krasse Ungerechtigkeiten.“ (S. 17)
WeiterlesenSachbücher & Biografien
Marie Benedict: Das verborgene Genie
Ihre Entdeckungen zur DNA veränderten die Welt. Den Nobelpreis haben aber drei andere – allesamt Männer – einkassiert. Die Rede ist von der Biochemikerin Rosalind Franklin. Dieser Roman zeigt allzu deutlich, wie die Ideale der Wissenschaft durch Wettkampf, der Gier nach Geld und Ruhm verraten wurden. Wie Franklin systematisch als „alte Jungfer“ oder „hysterisches Weib“ diffamiert wurde, damit sich andere in den 1950er Jahren ihre Errungenschaften unter den Nagel reißen konnten. Und dass Frauen im Bereich der Wissenschaft zu allen Zeiten doppelt so gut sein mussten, um am Ende nicht einmal die Hälfte der Lorbeeren zu erhalten. Der Preis, den Rosalind Franklin für ihre Hingabe zur Forschung zahlte, war hoch. Schön, dass Marie Benedikts neuester Geniestreich über Frauen im Schatten der Weltgeschichte dieses verleumdete Genie wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Für ihre Biografie nutzt sie nicht das Genre des Sachbuchs, sondern das der Belletristik, was Franklins Geschichte auf der menschlichen Ebene umso zugänglicher macht.
WeiterlesenUwe Wittstock: Marseille 1940
Ein Thriller könnte nicht spannender sein.
Diese Geschichte stiller Helden, mutiger Frauen, kluger Männer und eines grausamen Krieges ist so fesselnd, so spannend und gleichzeitig so berührend, dass man sie geradezu verschlingt.
Der Autor Uwe Wittstock, dessen Buch „Februar 1933“ ich bisher noch nicht kenne (was ich aber unbedingt nachholen muss), erzählt hier von den vor dem Naziregime geflüchteten Literaten, Künstlern, Philosophen und ihrer Hoffnung auf Rettung. Ihrer Hoffnung auf Aufnahme in einem anderen Land, einem Land, dass sie nicht, wie das „freie“ Frankreich, an die Deutschen ausliefern würde.
WeiterlesenSofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen
Drastische Schilderungen, die erschüttern
Beim Lesen dieses Buches friert man, so gruselig, so beängstigend ist das, was die finnische Autorin hier schildert. Wenn auch der Titel des Buchs ein wenig in die Irre führt, geht es doch nicht nur um das, was Frauen geschieht, so ist es trotzdem ein wichtiges Buch.
Sofi Oksanen, in Finnland aufgewachsene Tochter einer Estin und eines Finnen, hat tiefen Einblick in die tragischen und erschreckenden Vorgänge in Russland und der früheren Sowjetunion. Was sie beschreibt, jagt einem beim Lesen Schauer über den Rücken und lässt umso mehr darauf hoffen, dass es der Ukraine gelingt, den Aggressor zu besiegen.
WeiterlesenMadeleine Becker: Hin und weg
In ihrem ersten Buch „Erstmal für immer – vom Hörsaal in den Kuhstall“ berichtet Madeleine Becker von ihrer Übersiedelung von Jena auf einen Bergbauernhof in Kärnten. Mit „Hin und weg“ legt sie nun die Fortsetzung ihres „Reality“-Buches vor. Die Anfangseuphorie ist verflogen und große Ernüchterung macht sich breit. Madeleine und ihr Freund Lukas arbeiten Tag und Nacht auf dem Hof seiner Eltern.
Quasi nebenher muss noch Zeit sein für Madeleines Online-Tätigkeiten und Lukas´ Brotberuf beim Roten Kreuz. Einerseits liebt Madeleine die Kühe, den großen Gemüsegarten, das Gewächshaus und die vielen Bauernhoftiere sehr, andererseits wird ihr so viel abverlangt, dass sie mehr als einmal an ihre psychische und physische Belastungsgrenze gerät. Hinzu kommt, dass die Arbeit der kleinbäuerlichen Betriebe nur sehr schlecht entlohnt wird. Der Milchpreis bewegt sich in einer lächerlichen Höhe. Obwohl Madeleine und Lukas beinahe Tag und Nacht arbeiten und es den Tieren nirgendwo besser gehen könnte als bei ihnen, haben sie nach drei Monaten unablässiger Schufterei 6,91 € auf dem Betriebskonto. Mehr bleibt in der Landwirtschaft nicht übrig.
WeiterlesenSimon Shuster: Vor den Augen der Welt
Packende Biografie des charismatischen ukrainischen Präsidenten
Der Mann ist ein Phänomen und die Meinungen über ihn gehen sicher weit auseinander. Dieses Buch erzählt seine Geschichte und beleuchtet seinen Charakter, sein Agieren und seine Entscheidungen, natürlich insbesondere vor dem Hintergrund des derzeitigen Krieges.
Der Autor Simon Shuster ist Korrespondent des Time Magazine und hatte die Möglichkeit, Wolodymyr Selenskyj über viele Jahre zu begleiten, zu beobachten und so entstand dieses ungemein spannende Buch. Shuster ist in Russland geboren und kam als Kind in die USA. Seit Jahren lebt er immer wieder auch längere Zeit in Kyjiw, seit der Annexion der Krim 2014 berichtet er regelmäßig aus der Ukraine.
WeiterlesenPaul Auster, Spencer Ostrander: Bloodbath Nation
Mit diesem Text prangert Paul Auster die Verherrlichung des Waffenkultes seiner Heimat, den Vereinigten Staaten an. Er geht der Frage nach, warum der Umgang mit Waffen bei den Amerikanern einen so selbstverständlichen und hohen Stellenwert hat und wie es dazu gekommen ist.
Eingangs beleuchtet er seine eigene Kindheit und einen dunklen Punkt in der eigenen Familiengeschichte. In der Kindheit Austers war sein Umgang mit einer Spielzeugpistole normal. Das Fernsehen lieferte Ideen zu eigenen Spielfantasien mit der Waffe, denn alle Helden, denen er, wie die meisten anderen der kleinen Jungen nacheiferte, waren bewaffnet. Später, in einem Feriencamp in New Hampshire hat Auster selbst großen Spaß samt Erfolgserlebnissen im Umgang mit der Waffe erlebt. Doch eine weitere Inspiration durch die Eltern blieb aus. Dort, wo er aufwuchs, ging man weder auf die Jagd, noch erwartete irgendjemand von ihm, dass er Gefallen daran fand, auf Tiere, Schießscheiben oder Tontauben zu schießen.
WeiterlesenArthur Landwehr: Die zerrissenen Staaten von Amerika
Erschreckende Innenansichten eines gespaltenen Landes
Bei der Lektüre dieses Buches gruselt man sich mehr als bei einem Horror-Roman. Die Szenarien, die der Autor zeichnet, sind erschreckend, verstörend und leider wirken sie zusätzlich wie eine Blaupause für das, was gerade bei uns im Land vor sich geht.
Der Autor, bekannt als Journalist und ARD-Korrespondent, hat profunde Kenntnis der Vereinigten Staaten, hat das Land bereist und die Menschen dort interviewt. Er hat die Vorgänge in den letzten Jahren genau beobachtet, analysiert und über sie berichtet. Davon erzählt er in diesem Buch.
WeiterlesenRebecca Maria Salentin: Iron Woman
Der Begriff Iron Woman wird meistens mit dem Triathlon verbunden, bei dem man zum Beispiel auf Hawaii unter schwierigsten Bedingungen so schnell wie möglich schwimmt, läuft und Fahrrad fährt. In Anlehnung an diesen Wettkampf bräuchte man für die herausragende Leistung der Leipziger Autorin Rebecca Maria Salentin einen neuen Begriff. Geplagt von diversen Erkrankungen und der fehlenden Fähigkeit, ein Fahrrad zu reparieren, gelingt ihr eine extreme Tour. In ihrer Einleitung schreibt sie, bisher habe nur ein Mann offiziell die gesamte Strecke des Iron Curtain Trails an einem Stück bezwungen.
WeiterlesenTobias Lehmkuhl: Der doppelte Erich: Kästner im Dritten Reich
Die Bücherverbrennung in Nazi-Deutschland ist jedem ein Begriff. Auch das Werk Erich Kästners fiel hier den Flammen der Diktatur zum Opfer – mit einer Ausnahme: Emil und die Detektive, ein einfaches Kinderbuch, das trotz fehlender politischer Positionierung als „undeutsches Gedankengut“ eingestuft wurde, konnte nicht vernichtet werden. Warum? Weil es zu populär war. Ein Verbot dieses geliebten Kinderbuches hätte den Nazis zu sehr geschadet. So eine Macht besaß es und doch war es nur ein einfaches Kinderbuch.
Im Wissen um diesen Fakt habe ich mich sehr auf das Buch gefreut, das verspricht, eine Biografie Kästners zu sein, die sich auf seine Jahre während der Nazi-Zeit fokussiert. Anders als die meisten Künstler, bleibt Kästner in Deutschland, statt ins Ausland zu flüchten – und veröffentlicht weiter unter Pseudonym. Seinen echten Namen kann er kaum nutzen, immerhin hat er vor 1933 Spottgedichte über die Nationalsozialisten verfasst. Was ihn zu seinem Bleiben bewogen hat und welche Teufelspakte er eingehen musste, wie viel Moral einbüßen, das sollen wir hier erfahren.
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