Polly Morland: Ein glückliches Tal

Die Ich-Erzählerin in diesem Buch trägt keinen Namen. Sie berichtet, dass sie in einem abgeschiedenen Gebiet in England lebt, einem idyllischen Tal, das ein Fluss durchrauscht. Als ihre Mutter Alzheimer bekommt und nicht mehr alleine wohnen kann, der Vater ist längst verstorben, muss sie das Elternhaus ausräumen und verkaufen. Dabei fällt ihr ein Buch in die Hände. „A Fortunate Man“ stammt von dem Schriftsteller John Berger, ist versehen mit Bildern von Jean Mohr und berichtet von sechs Wochen im Leben des Landarztes John Sassall. Erschienen ist das Buch 1967. Es wurde ein Bestseller, denn es zeigt einen Arzt, der rund um die Uhr unermüdlich für seine Patienten da ist.

Im selben Tal praktiziert in der Gegenwart eine Ärztin, eine Allgemeinmedizinerin wie Dr. Sassall, die das Buch ebenfalls kennt, weil es sie dazu bewogen hat, Medizin zu studieren. Sie ist zufällig in der Heimat ihres Vorbildes gelandet. Während der Corona-Pandemie treffen sich die Ich-Erzählerin und die Ärztin, die ebenfalls nicht namentlich genannt wird, zu Spaziergängen. Dabei erzählt die Ärztin aus ihrem Leben und dem ihrer Patienten. Diese Geschichten machen den Inhalt von „Ein glückliches Tal“ aus.

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Liz Nugent: Seltsame Sally Diamond

Roman einer ganz besonderen Frauenfigur – ein neues Juwel aus der Feder einer genialen Autorin

Sally Diamond wächst bei Adoptiveltern auf. Die Mutter ist bereits verstorben, nun erliegt auch der Adoptivvater seiner Krankheit. So wie er es gewünscht hat, verfrachtet sie seine Leiche in die Mülltonne und verbrennt ihn.

So beginnt dieser Roman, der einen dermaßen in seinen Bann zieht, dass man ihn geradezu verschlingt und vor allem diese beeindruckende Figur der Sally, die sich selbst als „sozial defizitär“ bezeichnet, so schnell nicht wieder vergessen wird.

Natürlich sorgt dieses Vorgehen der ohnehin im Ort bereits als extrem verschroben geltenden Frau für ziemliches Aufsehen, die Polizei ermittelt und Sallys Leben wird nicht einfacher. Sie ist Anfang vierzig, wurde zu Hause von den Eltern beschult und hat noch nie gearbeitet. Im Ort galt sie als taub, das half ihr, so zu tun, als höre sie nicht, was die Menschen über sie sagten.

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Valerie Wilson: Todesblues: Ein Fall für Tamara Hayle

Bevor Tamara Hayle Privatdetektivin wurde, war sie Polizistin. Sie weiß genau, wie diskriminierend ein weißer Polizist sein kann. Sie war in ihrem Revier die erste farbige Polizistin und hielt irgendwann die versteckten und direkten Angriffe nicht mehr aus. Seit dieser Entscheidung vertritt sie die Seite der Schwachen.

Die erfolgreiche Autorin Valerie Wilson war vor der Veröffentlichung ihres ersten Detektivromans Chefredakteurin bei der Zeitschrift Essence. Der erste Band mit der mutigen Tamara Hayle erschien 1994 mit dem deutschen Titel „Ein Engel über deinem Grab“. Ihr vierter (eigenständiger) Band, No Hiding Place, mit dem deutschen Titel Todesblues, erschien erstmalig 1997. Im Zentrum dieser Geschichte steht die Verkettung von Ereignissen, aus der sich weder Schuldige noch Opfer befreien können.

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Sia Piontek: Die Sehenden und die Toten

…. „vermute ich, dass jemand den Augapfel einfach aufgestochen und dann die Masse rausgedrückt hat. Danach kann man den Sehnerv und die Augenmuskeln zum Beispiel mit einer kleinen Schere durchtrennen. …“

Wenn das für Sie zuviel ist, dann sollten Sie es sich überlegen, ob Sie diesen Krimi wirklich lesen möchten. Andererseits, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, haben Sie schon 65 Seiten gelesen. Oder verschlungen. Aus der Hand legen, fällt schwer, wenn man erst mal angefangen hat. Finde ich. Zimperlich ist sie nicht in ihren Beschreibungen, das muss man der Autorin lassen! Aber ihr Stil ist schnörkellos, fesselnd und die Story von den ersten Seiten an packend. Und Beschreibungen wie die oben zitierte kommen dann auch eher nicht mehr vor.

Es muss etwas Gravierendes gewesen sein, das Carla Seidel, Kriminalhauptkommissarin aus Hamburg ins Wendland verschlagen hat – und dann noch als einfache „Dorfpolizistin“ nach Danneberg. Wer macht das freiwillig? Und mit einer 17-jährigen Tochter, die doch bestimmt lieber in der Stadt leben würde als auf dem platten Land? In Randbemerkungen, Nebensätzen, Erinnerungsfetzen erfahren wir so nach und nach, was Carla und Lana veranlasst hat, die Großstadt zu verlassen. Carla findet sich mehr oder weniger ab mit Knöllchen und kleinen Delikten, Lana ist verschlossen, eine Einzelgängerin, aber nicht unbeliebt an der neuen Schule.

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Linus Geschke: Wenn sie lügt

Waldesroda – das hört sich nach Wohnen im Grünen an, nach Idylle und einem kleinen Dorfkern mit netten Cafés. So ist es irgendwie auch und trotzdem hat beinahe eine ganze Clique direkt nach dem Abi dem Ort den Rücken gekehrt und ist in die Welt geflohen. Das hatte mit dem Mord an einem ihrer Pärchen zu tun, aber auch damit, dass die Gruppe begann zu zerfallen, als Norah David kennenlernte. Ausgerechnet der, der sich niemals in die Gruppe einfügen wollte – und auch nicht sollte – hat Anna und ihren Freund auf einem abgelegenen Wanderparkplatz getötet. Nach beinahe zwanzig Jahren kehrt Norah zurück, eröffnet eines von den netten Cafés und glaubt die Vergangenheit vergangen.

Goran verschlägt es aus Berlin zurück, als seine Zieh-Mutter, Norahs Mutter, ihn um Hilfe bittet, weil Norah Drohbriefe bekommt – von David. Aber das kann nicht sein, denn der ist kurz nach den Morden in der Ostsee ertrunken, zumindest glauben das alle.

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Trude Teige: Das Haus der Lügen

Solider Krimi aus Norwegen um verzwickt miteinander verbundene Fälle

Die norwegische Autorin, die ich bisher nur aus ihren eher psychologischen Romanen über Ereignisse im Zweiten Weltkrieg kenne, legt mit diesem Buch einen weiteren Krimi mit der Journalistin Kajsa Coren im Mittelpunkt vor. Die Vorgängerbände kenne ich daher nicht, das braucht es auch nicht zum Verständnis dieses in sich abgeschlossenen Kriminalromans.

Es ist ein konventionell gestrickter Krimi, der sich insbesondere mit mehreren Fällen von Vergewaltigung beschäftigt. Kajsa frühere Freundin Anki wurde nachts in ihrem eigenen Haus überfallen und ist seither traumatisiert. Dabei war sie bereits vorher durch verschiedene Ereignisse in ihrer Vergangenheit, die nach und nach zutage treten, psychisch und physisch sehr stark beeinträchtigt.

Kajsa beginnt auf Ankis Wunsch, einen Dokumentarfilm über diese zu drehen und fängt dadurch immer mehr an, an deren bisherigen Erzählungen über ihre Familie und ihr Leben zu zweifeln.

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Pierre Martin: Madame le Commissaire und das geheime Dossier

Madame le Commissaire Isabelle Bonnet sucht in ihrem elften Fall nach einem geheimen Dossier, das einem Staatssekretär des französischen Außenministeriums abhandengekommen ist. Der gute Mann hat das strengstens geheime Ding in sein Ferienhaus in die Provence mitgenommen. Bei dem dortigen Treffen mit seiner Geliebten wurden beide aber durch ein Gas betäubt, der Safe aufgebrochen und allerlei geraubt. Darunter das Geheimdossier in einer roten Mappe. Isabelle Bonnet lebt nicht weit vom Tatort an der Côte d´Azur und ist in dem Städtchen Fragolin die Chefin der Polizeistation. Sie hat allerdings einmal eine Anti-Terroreinheit geleitet, Kontakte bis in höchste Kreise und eine Verbrechens-Aufklärungsquote von 100 Prozent. „Paris“ beauftragt sie mit den Ermittlungen. Die Sache bekommt eine brisante Wendung, denn der Staatssekretär wird ermordet.

Isabelle Bonnet fährt in diesem Buch sehr viel Motorrad – eine beschlagnahmte und ihr zur Verfügung gestellte Harley-Davidson – trinkt einiges an Wein und kommt in ihrem Fall 150 Seiten lang nicht recht voran. Privat gerät ihre Beziehung zu dem Maler CLAC wegen gegenseitigen Desinteresses zunehmend in Auflösung, ihr Gelegenheitslover Rouven ist mit einer Staranwältin verlobt, mit der sie sich ausgezeichnet versteht, aber ein neuer Lover zeichnet sich ohnehin schon ab am Horizont. Ein top aussehender Schauspieler mit Weingut nicht weit von ihrem Wohnort entfernt.

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Claire Douglas: Girls Night – Nur eine kennt die ganze Wahrheit

Vor zwanzig Jahren war Olivia die Fahrerin. Sie hat nichts getrunken, sie soll ihre drei besten Freundinnen nach Hause fahren. Nur verursacht sie im Wald auf einer einsamen Landstraße einen Unfall. Sie wird schwer verletzt und ihre drei Freundinnen sind danach spurlos verschwunden.

Auch nach zwanzig Jahren hat die Kleinstadt, an deren Rande sie mit ihrer Mutter ein Gestüt betreibt, ihr das nicht verziehen. Noch immer ist sie die, die damals die Mädchen totgefahren hat. Noch immer wird getuschelt, wenn sie durch den Ort geht, noch immer reden die Eltern der Freundinnen nur ungern oder gar nicht mit ihr.

Die Journalistin Jenna will einen True-Crime-Podcast über die Ereignisse damals machen und mietet sich zu diesem Zweck in einer Ferienhütte ein. Jenna fungiert in dieser Geschichte als Ich-Erzählerin und man merkt, dass sie nicht aus der Gegend kommt. Nur so kann sie unbefangen auf die Kleinstadtbewohner zugehen und ihre Fragen stellen, auch wenn zu Anfang nicht jeder mit ihr reden mag. Nach und nach taut sie den einen oder anderen Einwohner auf und besonders der Polizist, der damals im gleichen Alter wie die Mädchen war, scheint eine gute Quelle zu sein.

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James Ellroy: Die Bezauberer

James Ellroys Roman „Die Bezauberer“ beginnt faszinierend. Wir werden in Marilyn Monroes Schlafzimmer in Hollywood im Sommer 1962 gebeamt, kurz nachdem sie tot aufgefunden worden ist. Größen jener Zeit wie die Kennedy-Brüder, die Schauspieler Peter Lawford oder Liz Taylor, die gerade „Cleopatra“ dreht, kommen genauso vor wie eine Vielzahl von weiteren realen und fiktiven Figuren.

Hauptfigur ist der alkohol- und drogenabhängige Ich-Erzähler Freddy Otash, ein Ex-Cop und Schnüffler, der Informationen beschaffen soll und dabei für wechselnde Auftraggeber arbeitet.

Der Roman lebt von seiner atmosphärischen Dichte. Es gelingt Ellroy, die Stimmung jener Zeit und jenes Ortes – zumindest wie sie gewesen sein könnte – glaubhaft zu vermitteln. Wie alle James-Ellroy-Romane („L.A. Confidential“ z.B.) ist auch dieser rau und brutal. Im Grunde alle Figuren lügen und sind korrupt. Polizisten nehmen auch mal den Tod eines Gefangenen in Kauf, um den Aufenthaltsort einer Geisel zu erfahren – wie in der eindrücklichen Anfangsszene beschrieben. Lichtblicke oder Hoffnungsschimmer gibt es so gut wie gar nicht. Bei aller stilistischen Brillanz: Das muss man mögen, um diesen Roman in vollen Zügen genießen zu können.

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Vera Buck: Das Baumhaus

Vera Bucks neuer Thriller „Das Baumhaus“ hat bereits vor seiner Veröffentlichung hohe Erwartungen geweckt. Doch hält er, was er verspricht?

In unserer neuen Doppel-Rezension nehmen wir das Buch aus zwei verschiedenen Lese-Blickwinkeln unter die Lupe.

Während unsere Rezensentin Olivia Grove die Spannung vermisste und sich durch Nebenerzählstränge verloren fühlte, sieht Renate Müller Potenzial, das jedoch durch überkonstruierte Elemente und schablonenhafte Charaktere getrübt wird.

Rezension von Olivia Grove:

Suspense aller erster Klasse? Für mich definitiv nicht.

„Bullerbysyndromet“. So nennt man die überzogene Liebe der Deutschen zum idyllischen Heile-Welt-Schweden. Einem Schweden, das sich direkt aus Kindergeschichten speist.“ (S. 32)

Vera Bucks neuer Thriller „Das Baumhaus“ verspricht einen idyllischen Urlaub in Schweden, der sich schnell in einen Albtraum verwandeln soll.

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