Olivie Blake: Gifted & Talented: Aufstieg und Fall einer magischen Familie

Olivie Blakes „Gifted & Talented“ nimmt ein bekanntes Motiv – den Tod eines übermächtigen Vaters und den Streit seiner Kinder ums Erbe – und transferiert dieses in eine Welt, in der Technik und Magie nebeneinander existieren. Im Zentrum stehen drei Geschwister, die nicht nur um ein Firmenimperium kämpfen, sondern vor allem um etwas, das sie nie wirklich bekommen haben – um Anerkennung.

Meredith, Arthur und Eilidh sind, zumindest auf den ersten Blick, allesamt erfolgreich. Eine führt ein Biotech-Unternehmen, das mittels einer App angeblich psychische Krankheiten heilen kann, der andere galt als ein politisches Talent mit einst großen Idealen, der an der politischen Realität gescheitert ist, die dritte ist eine ehemalige Star-Ballerina, die nach einer schweren Verletzung im väterlichen Unternehmen neu anfangen musste.

Je näher man ihnen kommt, desto deutlicher wird, dass hinter all dem Glanz viel Unsicherheit, Selbstzweifel und Täuschung stecken. Der Roman interessiert sich überraschenderweise weit weniger dafür, wer den Kampf ums Erbe am Ende gewinnt, als dafür, warum diese Figuren trotz all ihrer Möglichkeiten letztlich so verloren sind.

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Lisa Roy: Alles ist Gold

Lisa Roy erzählt in „Alles ist Gold“ von einer jungen Frau, die aus der Bahn gerät – und gerade im Stillstand merkt, wie wenig sie bisher selbst entschieden hat. Es ist ein leiser, beharrlicher Roman über Selbstzweifel, Erwartungen und die Zumutung, ein eigenes Leben zu beginnen.

Jana ist 30 Jahre alt, frisch getrennt – und schwanger nach einem One-Night-Stand. Und sie weiß nicht, was sie will: kein Kind, ein Kind, zurück ins alte Leben, hinaus aus allem. Sie zieht zu ihren Eltern, kreist in Gedanken um sich selbst und findet doch keinen Punkt, an dem aus Denken Entscheidung und Handeln wird.

Diese Unsicherheit ist nicht nur Janas Charakterzug, sondern das erzählerische Prinzip von „Alles ist Gold“. Fast jeder Impuls wird wieder zurückgenommen, jede Möglichkeit sofort infrage gestellt. Das ist psychologisch glaubwürdig, bisweilen für die Leserin/den Leser aber auch anstrengend. Denn der Roman richtet sich in Janas Unentschiedenheit gelegentlich so gründlich ein, dass die äußere Handlung an Spannung verliert.

Bewegung kommt erst durch Miral in die Geschichte, eine selbstbewusste Frau, die Jana zugleich fasziniert und verunsichert. Mit ihr bricht Jana nach Italien auf. Der Roadtrip gibt dem Roman Struktur, doch im Kern bleibt diese Reise eine innere: Jana flieht nicht nur vor einer Entscheidung, sondern vor der Erkenntnis, dass sie ihr Leben lange an fremden Erwartungen ausgerichtet hat.

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Katrin de Vries: Die kleinste größte Welt

Katrin de Vries ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde 1959 in Ostfriesland geboren und lebt auch heute dort. 2024 erschien ihr Buch „Ein Garten offenbart sich“. Nun veröffentlichte dtv am 15. Mai 2026 ihren ersten Roman mit dem Titel „Die kleinste größte Welt“.

Deutschland 1959: Vom Leben und Arbeiten in einem ostfriesischen Dorf

Schauplatz der Geschichte ist ein kleines Dorf nahe der niederländischen Grenze in Ostfriesland: Die achtzehnjährige Lieske bringt ihr Kind 1959 zu Hause zur Welt. Die Hebamme Geeske Diddens und der Landarzt Dr. Wessels stehen ihr zur Seite. Das Mädchen Greta wird gesund geboren und wächst fortan meist unter der Obhut ihrer Großeltern auf. Ihre Eltern Lieske und Dieter müssen arbeiten. Sie in der Fabrik, er in der Malerfirma seines Vaters.
Die Hebamme Geeske ist seit ihrer Ausbildung Dorfhebamme und begleitet schon Jahrzehnte Frauen bei der Geburt. Inzwischen ist sie Witwe und kinderlos geblieben. Sie schreibt regelmäßig mit ihrer Freundin und Kollegin Käthe, die in der nahen Kleinstadt wohnt und arbeitet.

Das Wirtschaftswunder beginnt

Durch Geeskes Augen beschreibt Katrin de Vries das Leben in der Nachkriegszeit auf dem Dorf und die Veränderungen im Laufe der Zeit. Greta wächst behütet auf. Sie hat mit Großvater Klaas und Großmutter Janna liebevolle Großeltern. Das geht nicht allen Kindern so, weiß die Hebamme, die sich in den Dorfhaushalten auskennt.
Aber auch Geeske muss sich an die Veränderungen und den Fortschritt gewöhnen. Denn in den Krankenhäusern werden Geburtsstationen eingerichtet, die Frauen gehen zur Entbindung immer öfter dorthin. Supermärkte entstehen, die Leute fahren Auto und kaufen Fernsehgeräte, Kühlschränke und Waschmaschinen.

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Daniela Dröscher: Sprechen

Daniela Dröscher dürfte den meisten Lesern durch ihren 2022 erschienenen Roman „Lügen über meine Mutter“ bekannt sein. In unserem Leselustportal ist die Rezension ihres 2025 erschienenen Romans „Junge Frau mit Katze“ zu finden.

Wie man vom Titel bereits ableiten kann, sind in ihrem Essayband „Sprechen“ die Sprache und das Sprechen ihr zentrales Thema. Hier beleuchtet Daniela Dröscher Sprache von der wissenschaftlichen Seite aus und Sprache im Allgemeinen. Dabei nimmt sie Stellung zu Dialekten, Hochdeutsch, Fachsprache, zur sozialen Herkunft oder zur Tonalität der Worte.

Wie die Autorin selbst anmerkt, legt sie den Fokus dabei auf die Sphäre des Zwischenmenschlichen.

Immer wieder lässt sie Beispiele mit Interna aus ihrer Kindheit, die sie auch schon in ihren Romanen thematisiert hat, einfließen. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf im Hunsrück, war sie dort mit dem örtlichen Dialekt ebenso konfrontiert wie mit dem Hochdeutschen, das ihre Mutter zu sprechen pflegte. Geprägt von der Mutter, die sich auf ihre ganz eigene Art einst in die Dorfgemeinschaft einbrachte, versuchte auch Daniela Dröscher als Kind, sich präzise auszudrücken. Wir lesen unter anderem von Streitgesprächen in der Familie, vom Nichtverstandenwerden oder von falschen Interpretationen des Gesagten.

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Louisa Bay: New York City Billionaires: Player

Jules West ist das Paradebeispiel einer modernen, zielstrebigen Frau: Als Assistentin im legendären New Yorker Hotel Mayfair ist sie hochprofessionell, effizient und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ihr Ziel ist klar definiert – der Posten der Hotelmanagerin. Doch die Beförderung hängt ausgerechnet von Leo Hart ab, ihrem arroganten Chef, dessen Fokus weit weniger auf dem Prestige des Hauses liegt als Jules’. Als Leo für die Öffentlichkeit eine Verlobte benötigt, entsteht ein strategischer Deal: Jules mimt die Frau an seiner Seite, während Leo ihr im Gegenzug die Chance gibt, sich als Managerin auf Probe zu beweisen. Was als kalkuliertes Geschäft beginnt, entwickelt sich jedoch rasch zu einer emotionalen Zerreißprobe, bei der die Grenzen zwischen Fassade und echter Leidenschaft verschwimmen.

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Elke Cremer: Heimgehen: Ein Episodenroman in vierundzwanzig Stunden

Alles in diesem Buch spielt sich an einem Donnerstag ab. Die jeweiligen Kapitel sind mit der Uhrzeit des Geschehens überschrieben, denn mehrere Personen sind plötzlich einem einschneidenden Ereignis ausgesetzt. Dadurch werden alle Figuren und Abläufe miteinander verwoben.

Es ist ein Schuss aus dem Gewehr eines Amokläufers, der die Situationen der verschiedenen Protagonisten von jetzt auf nachher verändert. Jede/r von ihnen ist bereits mit einer zentralen Thematik behaftet. Zum einen ist da eine junge Frau, die kurz vor dem Knall noch halb in Angst, halb in Vorfreude vor einem Treffen mit ihrem Vater schwelgt. Weiter geht es mit einem jungen homosexuellen Paar, das eine Krise bewältigen muss, oder um drei Geschäftsmänner, die zusammensitzen, weil sie einen Grund zum Feiern haben. Ganz plötzlich wirft eine Gewalttat alles aus dem Lot. Für alle ist es ein tiefer Einschnitt.

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Olivia Laing: Crudo

Eine rohe, fast gehetzte Sprache; vorwärtstreibende, mal verflochtene, mal stakkatoartige Sätze. Inhaltlich mäandernd, assoziativ. Einen Plot gibt es nicht. Stattdessen einen Parforceritt durch Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin, verwoben mit all den schmutzigen Themen der Gegenwart: Umweltzerstörung, Pädophilie, abgehobene Finanzeliten, Faschisten in Charlottesville und im Weißen Haus. Erbarmungslos seziert sie ihre Umwelt, decouvriert Dünkel und Verlogenheit – und sich selbst.

»Crudo« ist das in jeder Hinsicht beeindruckende Romandebüt von Olivia Laing, die sich schon zuvor einen Namen als Memoir-Schreiberin und Essayistin gemacht hat. Ihre literarische Herkunft liegt auch diesem Buch zugrunde, denn ihre Hauptfigur ist eine Melange aus ihr selbst und Kathy Acker, der 1997 verstorbenen »Queen of Punk«, die sie immer wieder ohne Kennzeichnung zitiert (die Quellen finden sich im Anhang).

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Katharina Fuchs: Schwesternland

Den Rahmen für diesen intensiv und toll recherchierten historischen Roman bildet zum einen die Zeit der Verfolgung der Hugenotten im 17. Jahrhundert, nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, zum anderen die Geschichte der Familie Barnsdorf im Havelland, heute. Am 100. Geburtstag ihrer Großmutter Henriette macht Antonia die Bekanntschaft einer Großcousine ihrer Großmutter, die – u.a. auf Henriettes Bitte – sich mit Ahnenforschung und dem Stammbaum der Barnsdorfs befasst hat. Maximiliane, eine beeindruckende Frau, die auffällt, schon, weil sie darauf besteht, „Max“ genannt zu werden – und zwar englisch ausgesprochen. Max bringt einen dicken Ordner mit Unterlagen mit zum Familienfest und begeistert damit vor allem Antonia, die gerade daran ist, ihre Masterarbeit zu schreiben, mit dem Thema aber nicht so ganz glücklich ist. Überhaupt ist sie mit ihrem Leben zur Zeit insgesamt nicht im Reinen, sodass die Spur, die Max da aufgetan hat, sie darin bestärkt, Leipzig, wo sie studiert und ihrer Familie in Berlin erst einmal den Rücken zu kehren und nach Lyon zu reisen, wo Max ihr den Kontakt zu einem renommierten Historiker gemacht hat, der ihr bei der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie sicher hilfreich sein kann. Monsieur Bellamy verfügt über hervorragende Kontakte, ein riesiges Netzwerk an Bekannten und Freunden, die gerne weiterhelfen.

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Christina Kaspar: Harpers Ferry: Lose Me Once

Fast zwei Jahre ist es her, dass Emery ihre Heimat Harpers Ferry fluchtartig verlassen hat. Ihre große Liebe Luke hat in jener tragischen Nacht etwas Unverzeihliches getan – und Emery hat alles beobachtet. Um sein dunkles Geheimnis zu bewahren und ihn zu beschützen, hat sie alle Brücken hinter sich abgebrochen.

Nun zwingt sie der Tod ihrer Gran zur Rückkehr in die Kleinstadt. Als sie Luke gegenübersteht, sind all die überwältigenden Gefühle wieder da. Emery will sich von ihm fernhalten, doch die Anziehung zwischen ihnen wird immer heftiger. Aber ist Luke noch der Mann, den sie einst so sehr liebte? Kann Emery vergessen, was er damals getan hat? Oder ist ihre Liebe gegen die Wahrheit machtlos?

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Gerhard Henschel: Oma Jever

„Oma Jever“ ist kein Roman für Ungeduldige. Gerhard Henschel rekonstruiert darin das Leben einer deutschen Familie vom Nationalsozialismus bis in die Bundesrepublik der 1990er Jahre – und tut das auf eine Weise, die so eigensinnig wie herausfordernd ist. Der Text besteht größtenteils aus einer langen Aneinanderreihung von Briefen, die das Alltagsleben der Titelfigur, der Großmutter des Erzählers, in seiner ganzen ungekürzten Banalität dokumentieren.

Das ist sowohl das Programm als auch das Problem. Henschel setzt auf akribische Detailgenauigkeit: Familienfeiern, kleine Konflikte, Routinen, Gewohnheiten. Große historische Ereignisse tauchen auf, aber stets gebrochen durch die Perspektive von Menschen, die einfach weiterleben. Dieses dokumentarische Verfahren hat durchaus Kraft – wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, findet hier ein präzise eingefangenes Zeitbild, dessen Figuren glaubwürdig und oft liebevoll-ironisch gezeichnet sind.

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