Adrienne Brodeur: Treibgut

Eigentlich sollte man sich dessen bewusst sein: Eine Familie ist stark und zerbrechlich zugleich. Alles hängt von aneinander ab und verändert sich. Unter anderem auch weil Familienmitglieder hinzukommen, während andere alt werden und irgendwann gehen.

Im zweiten Roman von Adrienne Brodeur steht die Familie Gardner gerade an einem Wendepunkt. Jeder von ihnen will auf seiner eigenen Spur bleiben und riskiert die immer größer werdende Distanz zu den anderen. Vielleicht wäre auch eine erneute Annäherung möglich. Hierfür müssten der alt gewordene Adam, sein Sohn Ken, der eine politische Karriere anstrebt und die Tochter Abby, die nie heiraten wollte und nun schwanger ist, jeweils ihre Perspektive und Gewohnheiten infrage stellen.

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Irene Vallejo: Elyssa, Königin von Karthago

Aeneas ist nach der Ilias und der Odyssee (beide werden Homer zugeschrieben) das wohl drittwichtigste Epos der antiken Mythologie. Geschaffen wurde das Werk von dem römischen Autor Vergil. Auf den titelgebenden Held Aeneas geht die Gründung des Römischen Reichs zurück. So weit, so gut. Wie der Name vermuten lässt, liegt die Perspektive ganz auf der männlichen Hauptfigur. Die spanische Autorin Irene Vellejo rückt in ihrem Werk eine Herrscherin der Aeneas-Sage in den Vordergrund, die es in puncto Bedeutung locker mit Aeneas aufnehmen kann: Elyssa, Gründerin und Königin von Karthago. Warum hat es diese nicht zu derartigem Weltruhm gebracht? Wie so oft, ereilt Herrscherinnen in der antiken Mythologie ein viel zu frühes, tragisches Ende. Irene Vellejo mag am Tod Elyssas nichts ändern, stellt aber bewährte Rollenklischees auf den Kopf. Dafür bedient sie sich einiger Stilmittel, wie ungewöhnlichen Erzählperspektiven und der Verschmelzung von Zeitebenen.

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Julja Linhof: Krummes Holz

Inzwischen ist Georg volljährig und verlässt das Internat, das die letzten fünf Jahre sein Zuhause war. Es war eine Zeit der Abstinenz von seinem Vater Georg, seiner Schwester Malene, der Großmutter Agnes und von Leander, dem Sohn des Hofverwalters. Georgs Ziel ist der elterliche Hof. Er trägt den Namen Krummes Holz und steht unter anderem für den nicht so ertragreichen Boden.

Schon vor Monaten hat Malene ihn gebeten, zurückzukommen, weil sie seine Hilfe braucht. Und kaum ist er angekommen, prallen Fremdheit und Vertrautes aufeinander. Der abgewirtschaftete Betrieb, die Abwesenheit des Vaters und eine demente Großmutter passen nicht zu einer Heimkehr, die ein Willkommen widerspiegeln sollte. Ohne darauf vorbereitet zu sein, spürt Georg die Narben auf seiner Seele. Sie wollen aufbrechen, während er krampfhaft versucht, sie mit Macht zusammenhalten.

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Jan Schomburg: Die Möglichkeit eines Wunders

München, Fin de Siècle:  Kultur und Wissenschaft sind im Umbruch. Von moderner Kunst bis zur Eroberung des Luftraumes schwankt die Gesellschaft zwischen Ratio und Aberglaube. In einer sich immer schneller entwickelnden Welt sucht die vermögende Oberschicht Zuflucht im Okkultismus. Geister, Ektoplasma, schwebende Gegenstände …  dank moderner Gerätschaften kann man vieles davon nun „nachweisen“, aber genauso gut fälschen.

Mitten im Geschehen befindet sich der später titulierte „Geisterbaron“ Albert von Schrenk-Notzing, der sich zeitlebens über diesen Spitznamen geärgert hat. Schließlich will der therapeutische Hypnotiseur, Arzt und Forscher übersinnliche Phänomene rein wissenschaftlich ergründen. Ihn interessiert die Kraft des Geistes und der Seele (dank Sigmund Freud zusehends in Mode kommend!). Kann der Mensch durch bloße Willenskraft Dinge in Bewegung setzen? Ist er fähig, Visionen oder Geister zu empfangen, wenn sein „Ich“ mittels Hypnose außer Kraft gesetzt wurde?

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George Saunders: Tag der Befreiung

Der US-Amerikaner George Saunders (Jahrgang 1958) erhielt 2017 für seinen Debütroman „Lincoln im Bardo“ den Man Booker Prize. Auch sein letztes Buch „Bei Regen im Teich schwimmen“ aus dem Jahr 2022 über die Geschichten russischer Schriftsteller wurde ein Bestseller. Am 13. März 2024 erschienen nun im Luchterhand Literaturverlag neun neue Stories von Saunders unter dem Titel „Tag der Befreiung“. Frank Heibert übersetzte sie aus dem amerikanischen Englisch.

Befreiung ist nicht gleich Freiheit

Die titelgebende Geschichte „Tag der Befreiung“ ist die längste und auch verstörendste Story in diesem Buch. Saunders erzählt von Menschen, die ihrer Identität beraubt wurden, künstlich mit Wissen versorgt werden und zum „Künden“ an Wänden fixiert werden. Wenn sie sprechen, ohne dass es ihnen erlaubt ist, riskieren sie eine Strafe.

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Mary Beth Keane: Sieben Tage einer Ehe

Szenen einer Ehe: Emotionaler, aber etwas zäh erzählter Roman

Ein Ehepaar mit unerfülltem Kinderwunsch ist das Zentrale in diesem ruhig und einfühlsam geschriebenen Roman. Sprachlich reicht er an die früheren Werke der Autorin heran, dabei ist er jedoch irgendwie ein wenig leblos.

Malcolm, Barkeeper und damit in seinem Traumberuf tätig, hat sich vor einer Weile seinen größten Wunsch erfüllt und eine Bar als Eigentümer übernommen. Jess, überbeschäftigte Anwältin, wartet hingegen seit Jahren auf die Erfüllung ihres größten Wunsches, ein Kind.

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David James Poissant: Sommerhaus am See

Wer auf psychologisch glaubhafte und gut durchdachte Familiendramen steht – so wie sie etwa Jonathan Franzen oder Richard Ford bis zur Perfektion beherrschen -, der sollte sich einen neuen Namen auf seine Leseliste nehmen: David James Poissant. Der Amerikaner seziert in seinem Debütroman „Sommerhaus am See“ sechs Menschen, die ein gemeinsames Wochenende in einem Ferienhaus verbringen.

Da gibt‘s etwa den aggressiven Säufer, der sich seine Sucht nicht eingestehen will, den homosexuellen Drogenabhängigen, der die häufigen Seitensprünge seines Partners nicht verkraftet, oder die Schwangere, die ihr Kind behalten will, obwohl sie mit ihrem Partner vereinbart hat, kinderlos zu bleiben.

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Julie Heiland: Schicksalsjahre: Die Frauen vom Neumarkt  

Zwei Frauen, zwei spannende Zeitpunkte in der jüngeren Geschichte, erzählt in zwei Zeitebenen. Ein gut geschriebener, emotionaler Roman, der zwei wichtige Abschnitte der jüngeren deutschen Geschichte durch die Geschichte dreier Frauen verbindet. Lotte, Hannah und später auch Marlene.
Erzählt wird in parallelen Strängen, zunächst nur aus der Sicht von Hannah und Lotte, später – allerdings erst gegen Ende des Romans– auch aus der Sicht von Marlene, Hannahs Mutter.

Hannah, eine junge Archäologin, arbeitet Anfang der 1990-er Jahre mit am Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche. Dabei findet sie ein Foto, auf dem eine junge Frau und ein junger Mann zu sehen sind, die sich anscheinend recht nahestehen. Das Foto ist für Hannah fast wie ein Schock. Die junge Frau hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Könnte es ihre Großmutter sein, von der sie nichts weiß und zu der sie nie Kontakt hatte, weil ihre Mutter jede Verbindung schon vor Jahren gekappt hat? Das lässt Hannah nicht mehr los, sie beginnt nachzuforschen, wer die Frau auf dem Foto ist und wo sie jetzt wohl lebt. Und falls es wirklich ihre Großmutter ist, will sie endlich auch erfahren, warum sie keinen Kontakt zu ihrer Tochter und Enkelin hat.

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Tine Dreyer: Morden in der Menopause

Absurder, temporeicher und makabrer Spaß

Dieser Roman ist eher nichts für Männer. Ich kann mir weder vorstellen, dass sie mit der Protagonistin mitfühlen noch, dass sie über ihre Aktivitäten wirklich lachen können. Und lachen muss man bei dieser witzigen Geschichte immer wieder.

Erst ist es die Pubertät und später dann die Wechseljahre, die Frauen ertragen und überstehen müssen. Ohne dass sie dem entkommen oder dass sie Verständnis oder Rücksicht erfahren, wenn sie in dem jeweiligen Zustand sind. Besonders krass wird es dann, wenn beides zusammentrifft in Form von pubertierenden Kindern, während die Mutter mit Hitzewallungen, Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat.

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Lilly Bernstein: Sturmmädchen

Die Freundinnen Elli, Margot und Käthe schwören sich am Perlbach, eine für alle, alle für eine. Doch im Laufe der nächsten Jahre verändert sich ihr Leben. Aus den Schulmädchen sind junge Frauen geworden, die ihren Platz noch finden müssen. Während Elli mit ihrer Mutter in einer kleinen Kate auf dem Hof des reichsten Bauern der Umgebung lebt, muss Käthe in der Fabrik arbeiten und ihren Eltern dabei helfen, ihre notleidende Familie durchzubringen. Nur bei Margot scheint es gut zu laufen. Sie heiratet und will mit ihrem Mann den florierenden Familienbetrieb in Aachen weiterführen.

Die eigentliche Geschichte der drei jungen Frauen beginnt im Oktober 1938 und endet im Mai 1940. Es ist eine Zeit, in der die Nationalsozialisten mit brachialen Methoden das gesellschaftliche Miteinander auch in der verarmten Eifel nach ihren Regeln festlegen. Elli ist schockiert, als eine geistig behinderte Frau aus ihrem Dorf abgeholt wird und nach dem „Hitlerschnitt“, der zwangsweisen Sterilisation, stirbt. Diese Umstände passen nicht zu ihrem Menschenbild. Auch Margot und ihre Eltern erleben Sanktionen, weil sie Juden sind. Als Elli endlich das Ausmaß der Gefahren erkennt, dem ihre inzwischen schwangere Freundin und deren Eltern ausgesetzt sind, riskiert sie für eine Rettungsaktion ihr eigenes Leben, das ihrer Mutter und der heimlichen Helfer.

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