Peter Keglevic: Wolfsegg

Wuchtig, intensiv und hochspannend – das ist der neue Roman des österreichischen Autors Peter Keglevic: „Wolfsegg“. In einem Kaff irgendwo in den Bergen trägt die 15-jährige Agnes eine schwere Last. Weil die Mutter krebskrank und der Vater oft tagelang ohne Erklärung außer Haus ist, muss sich die Jugendliche um die beiden jüngeren Geschwister kümmern und die Tiere auf dem elterlichen Hof versorgen. In dem Betrieb, in dem sie eine Lehre macht, stellt ihr der Chef nach.

Schon früh deutet der Roman an, dass in der Vergangenheit etwas Traumatisches vorgefallen sein muss, das in Richtung Vergewaltigung geht und mit einem Kinderheim zu tun hat. Dort hat seit vielen Jahren eine sadistische Matrone das Sagen.

Für Agnes verschärft sich die Lage, als beide Eltern ums Leben kommen und sie nun endgültig alleinverantwortlich ist. Ihr Ziel ist es, um jeden Preis dafür zu sorgen, dass ihre beiden jüngeren Geschwister nicht in das Kinderheim müssen, in dem sie selbst so Schreckliches erlebt hat. Agnes ist wild entschlossen, für dieses Ziel bis zum Äußersten zu gehen. Weiterlesen

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Nina Sahm: Die Tage mit Bumerang

Ein richtiges Wohlfühlbuch hat Nina Sahm hier geschrieben. Voller skurriler, liebenswerter Menschen, merkwürdiger finnischer Lebensweisheiten und mit einem eigenwilligen Schaf.

Die ganze Zeit während des Lesens möchte man Annu, die Protagonistin, in den Arm nehmen, trösten und einfach nur liebhaben.

Annu lebt in einem windschiefen Haus am Rand eines winzigen bayerischen Dorfs mit gerade einmal 87 Einwohnern. Sie lebt dort ganz allein, seit ihre geliebten Eltern gestorben sind. Sie ist aber nicht einsam, denn im selben Dorf wohnt auch ihr ältester und bester Freund Lars mit Frau und Kind. Außerdem sind ihre Eltern Marie und Matti für sie ständig gegenwärtig, als hätten sie sie nie verlassen.

Doch dann passiert ein schlimmer Unfall, den Annu zwar verschuldet, für den sie aber doch eigentlich nichts kann. Aber der Unfall verändert ihr Leben komplett. Plötzlich ist sie im Dorf eine Aussätzige, niemand spricht mehr mit ihr, der Briefträger bringt ihre keine Post mehr, im Dorfladen muss sie höhere Preise zahlen als andere Kunden. Auch Lars ist, so scheint es, völlig aus ihrem Leben verschwunden. Weiterlesen

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Tristan Garcia: Das Siebte

Wer, wenn nicht ein Philosoph, der gleichzeitig Literat ist, könnte besser einen Roman über die Verquickungen im Leben, über Chancen, Zufall, Ewigkeit bzw. der Endlichkeit des Seins oder dem gezielten Versuch einer Optimierung des Daseins schreiben?

Tristan Garcia hat seinem Ich-Erzähler die Unsterblichkeit in die Wiege gelegt und gibt ihm sieben Existenzen um dem nachzuspüren:

Genau im selben Moment wenn er stirbt, wird der Protagonist wiedergeboren. Alles Vertraute verschwindet mit ihm und seinem Tod und erscheint sogleich in einem sich wiederholenden Kreislauf sieben Mal wieder. Die Ausgangsbasis seines Lebens bleibt dabei immer dieselbe. So hat der Erzähler immer dieselben Eltern und denselben Geburtsort Mornay in Frankreich. Auch sein Freund, der Arzt Fran, taucht jedes Mal wieder auf und verabreicht ihm wie zuvor die lebensrettende Ingredienz für seine unstillbaren Blutungen. Seine große Liebe, die schöne Hardy, begegnet ihm in jedem Leben wieder, und immer wieder aufs Neue verfällt er ihr. Weiterlesen

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Albrecht Selge: Fliegen

Ein Leben ohne Jahreszeiten, ohne wirkliches Nachtdunkel, ohne die Geräusche der Welt, jedoch ein Leben im Fliegen – dafür hat sie sich entschieden, die namenlose ältere Frau, für welche Zugfahren wie Fliegen ist. Die Vergangenheit, die wegen Eigenbedarf gekündigte Mietwohnung, den Exmann, den Job, die Kindheit, in der sie vom Verschwinden träumte, hat sie hinter sich gelassen; ihre Freundin Lilo ist die letzte Verbindung zur Welt außerhalb von Zügen und Bahnhöfen. Die Bahncard 100 finanziert sie von Monat zu Monat mit Flaschensammeln, ihre Habe trägt sie in einer Sporttasche bei sich. Zu Beginn des Buches fährt sie in ihren zweiten Sommer. Sie hat sich eingerichtet in diesem ungewöhnlichen Leben, in dem sich die Route wöchentlich wiederholt wie in einem riesigen Kreisverkehr. Nackenprobleme vom vielen Sitzen versucht sie in leeren Abteilen wegzuturnen, sie ist peinlich auf Sauberkeit und passables Aussehen bedacht. Bei gesundheitlichen Problemen helfen die Mitbringsel eines Arztes, dem sie regelmäßig auf ihrer Tour begegnet. Dienstags teilt eine Bankerin mit ihr das Frühstück, freitags spielt sie Backgammon gegen einen Pendler. Denn ungesellig ist sie nicht. Nie würde sie sich aufdrängen, einem netten Gespräch geht sie aber nicht aus dem Weg. Mit der Zeit wurde sie zur Beobachterin und Menschenkennerin. Weiterlesen

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Daniel Mason: Der Wintersoldat

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dies ist ein ganz besonderes, ein aufwühlendes, nachwirkendes Buch. Wegen des Themas, wegen der Charaktere, wegen der Sprache. Von der ersten Seite an fängt der Roman die Leser ein und lässt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los.

Der junge Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich 1914 freiwillig für den Einsatz an der Front. Seine Hoffnung: endlich operieren zu dürfen, endlich praktisch zu arbeiten und nicht mehr nur den Vorlesungen seiner Professoren lauschen zu müssen. Er ist hochbegabt, hat aber außer ein paar unbedeutenden Eingriffen noch kaum Patienten behandelt. Im tiefsten Winter Anfang 1915 kommt er in ein kleines Dorf in den Karpaten, wo in der Kirche ein Behelfslazarett eingerichtet wurde. Hier begegnet er der Nonne Margarete, anderes medizinisches Personal ist nicht vorhanden. Margarete erkennt schnell, wie wenig Erfahrung der junge Mann hat. Sie bringt ihm bei, was er wissen muss, lehrt ihn, Amputationen durchzuführen.

Daniel Mason schreibt fantastisch. Man empfindet die Kälte, spürt den Hunger, fühlt das Jucken der Läuse, hört das Rascheln der Ratten, riecht den Gestank der schwärenden Wunden. Vor allem aber ist man ganz nah an dem Protagonisten Lucius. Er ist ein unsagbar einsamer Mensch, die Beziehung zu seinen Eltern ist sehr schwierig, fast wirkt er wie ein Fremder in der eigenen Familie. So scheint es, dass er in gewisser Weise eine neue Familie in diesem Lazarett findet. Weiterlesen

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser

Viele feine Lebensweisheiten durchziehen diesen Roman über das Heranwachsen von Ercole in Turin. Wir begleiten seine Ich Erzählung von früher Kindheit bis zum Fast Erwachsensein. Und es ist kein Jugendroman, aber ein bisschen doch. Ich wünschte mir, dass die Kids mal wieder, anstatt stumpfsinnig und mit fadenscheinig interessierter Miene (denn eigentlich kann da nie wirklich was Wichtiges stehen) in ihre Smartphones zu starren, ein Buch dieses Kalibers lesen. Eine Art Mark Twain (Huck Finn) Story auf Italienisch. Und mit kleinen Weisheiten meine ich, dass das Leben immer eine Art Billard ist „man weiß nie in welche Richtung sich die Kugeln bewegen“. Ercole erlebt aber auch einen Scheiß nach dem anderen, er ist auf der anderen Seite aber ein reflektierter Junge mit Zielen vor Augen. Weiterlesen

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Dana von Suffrin: Otto

Otto hat ein bewegtes Leben hinter sich. Seine Erlebnisse, und vermutlich auch sein unerbittlicher Charakter, haben ihn zu einen Familienpatriarchen gemacht, der seinen Töchtern das Leben nie wirklich leicht gemacht hat. Jetzt in hohem Alter ist er ein Pflegefall geworden und das macht ihn beinahe zu einem Tyrannen. Er kann nicht mehr, also müssen seine Töchter – immer und jederzeit. Tochter Timna nimmt das nicht ganz so gelassen, wie sie gerne würde.

Der Roman ist voller Humor, voller Rückblicke auf ein bewegtes Leben, wie Otto einzelne Erlebnisse seinen Töchtern erzählt hat, aber auch, wie sie ihre Kindheit empfunden haben. Der Schreibstil der Autorin ist toll und obwohl das Dritte Reich ein Teil von Ottos Leben war, wird es zwar thematisiert, aber nicht herausgehoben. Ein sehr emotionales Buch, über einen Abschied, bei dem das Bleiben schon nicht einfach war und der trotzdem schwerfällt. Weiterlesen

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Ulrike Draesner: Kanalschwimmer

Ein eindrucksvolles Buch. Es gibt eigentlich zwei Geschichten die ineinander schwimmen. Die eine, ein Beziehungsdrama, die andere eine Dokumentation des Willens. Charles, heute jenseits der sechzig, und sein damaliger Freund Silas, lernten als Engländer mit etwas kosmopolitischeren Hintergrund – wird ja immer seltener sowas – Ende der Siebziger auf Sylt, ein Schwesternpaar kennen: Maude und Abbie. Man ist jung, schäkert, flirtet, verliebt sich, etc… wobei die Gefühlslage der vier durchgehend durcheinander ist und im Laufe der ersten Jahre ihrer gemeinsamen Geschichte, ein schreckliches Ereignis, die Gruppe erstarren lässt. Nach Jahren des Verarbeitens, gibt es bei Charles und Maude so etwas wie ein Familienleben und sogar eine Tochter namens Hazel. Silas existiert noch, aber selten körperlich, sondern eher als ein Art Weltenbummler, der sich ab und an meldet.

Eines Tages, vierzig Jahre nach ihrem ersten Treffen, werden die Abgründe noch mal neu sortiert, die Gefühle durcheinander gewirbelt und neue Entscheidungen getroffen. Eine dieser Entscheidungen ist die von Charles: er will den Ärmelkanal bezwingen. Diesen Punkt ohne Rückkehr teilt er niemanden mit, er bereitet sich alleine vor. Weiterlesen

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Anne Griffin: Ein Leben und eine Nacht

Der vierundachtzigjährige Maurice Hannigan sitzt in einer  Hotelbar in Irland und lässt die Ereignisse seines langen, bewegten Lebens an sich vorbeiziehen. In dieser Nacht springt er über seinen Schatten und lässt seine Gefühle zu, die er sonst immer negiert hat.

Im ersten Kapitel hält er Zwiesprache mit seinem Sohn Kevin, einem bekannten Journalisten, der mit seiner Familie in den USA lebt. Kevin wird in fünf weiteren Kapiteln alles erfahren, was das Leben und Werden seines Vaters ausgemacht hat. Fünf Menschen samt den   wichtigen Erlebnissen und den Erfahrungen, die den Vater mit diesen Menschen verbinden, füllen die nächsten Kapitel aus. Zu diesen Menschen gehören Kevin selbst, seine Mutter Sadie, deren  behinderte Schwester Noreen, ein Baby das nicht Leben durfte und Tony, der Bruder seines Vaters.

Kevin, der wohlbehütet in seinem gut situierten Elternhaus aufgewachsen ist, wird nun mit allen Höhen und Tiefen aus dem Leben seines Vaters konfrontiert und mit dem, was das Leben seiner Eltern ausgemacht hat. Weiterlesen

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Per Petterson: Männer in meiner Lage

Arvid, der Ich-Erzähler, wird von seiner Frau verlassen, die auch die drei gemeinsamen Töchter mitnimmt. Außerdem sterben Arvids Eltern und einer seiner Brüder bei einem Schiffsbrand. In der Folge schlittert der Ich-Erzähler in eine tiefe Krise.

Per Pettersons Roman bietet gleich Mehreres auf, das das Lesen durchaus erschweren kann: durchgängige Tristesse, so gut wie keine Handlung, Bandwurmsätze, ständige Rückblenden, die nicht zu datieren sind, und ein seltsames Springen zu immer neuen Themen. Auf Seite 50 etwa geht es um flatternde Gebetsfahnen in Nepal, weiße Leoparden, Alkohol, einen dänischen Möbelschreiner und vieles mehr. Nicht empfehlenswert.

Per Petterson: Männer in meiner Lage.
Hanser, August 2019.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

 

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