Jeanine Cummins: American Dirt

Lydia hätte es wissen müssen. Die Gewalt der rivalisierenden Banden hält nicht nur das einst ruhige Acapulco fest in ihrem Griff; sie hat auch ganz Mexiko geprägt. Als der kultivierte Javier ihren Buchladen zum ersten Mal betritt und sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt, weiß sie noch nichts von seinem zweiten Leben als Bandenchef. Und als sie es erfährt und ihr Mann, ein bekannter Journalist, über Javier einen Artikel in seiner Zeitung veröffentlicht, glaubt Lydia, Javier werde den Artikel gutheißen. Sie und ihre Familie seien nicht in Gefahr.

Zwei Wochen später, auf einem Familienfest im Garten ihrer Mutter, entkommen Lydia und ihr achtjähriger Sohn Luca nur knapp einem Massaker. Und wenn sie weiterleben wollen, müssen sie in die Vereinigten Staaten fliehen. Es gibt Tausende wie sie, die in Richtung Norden ziehen. Und es gibt auf dem Weg ebenso viele, die an den Flüchtlingen verdienen wollen. Wer nicht zahlen kann, stirbt.

2015 erklärte Angela Merkel: „Wir schaffen das.“ Für eine überschaubare Zeit wurden die Grenzen nach Europa geöffnet, und unzählige Flüchtlinge aus Kriegsgebieten erfuhren Hilfe. Die Grenzen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten dagegen werden immer dichter und strenger bewacht. Die Folgen hieraus beschreibt die Autorin Jeanine Cummins in ihrem zweiten Roman, übersetzt von Katharina Naumann, so plastisch aus der Sicht einer Mutter und ihres Sohnes, dass man als Leser die beiden wie gebannt durch alle Gefahren begleiten muss. Weiterlesen

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Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri (Jahrgang 1967) ist indischer Abstammung, wurde in London geboren und schreibt auf Italienisch. Für ihre Kurzgeschichten „Melancholie der Ankunft“ erhielt sie  im Jahre 2000 den Pulitzer-Preis. Am 19. Mai 2020 ist ihr neuer Roman „Wo ich mich finde“ bei Rowohlt in einer Übersetzung von Margit Knapp erschienen.

Darin erzählt Jhumpa Lahiri vom alltäglichen Leben einer ungefähr vierzig jährigen Italienerin, die an einer Universität arbeitet. Die Hauptfigur bleibt namenlos. Ihre Tage verbringt sie mit Arbeit, Spaziergängen, Schwimmen, Theaterbesuchen und kleineren Reisen aufs Land oder ans Meer. An zwei Sonntagen im Monat besucht sie ihre alte Mutter in einem Pflegeheim in einer anderen Stadt. Ihr Vater ist tot. Zu dem Mann ihrer besten Freundin hegt sie mehr als freundschaftliche Gefühle, lebt sie aber nicht aus. Ihr Leben ist eintönig. Eine Abfolge von immer dem gleichen Trott: im Büro, in der Trattoria, im Schreibwarengeschäft. Dabei beobachtet sie ihre Umgebung und ihre Mitmenschen genau. Ab und zu trifft sie Freunde. Es vergehen die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahreszeiten. Und so heißen auch die Überschriften, die Jhumpa Lahiri den einzelnen Kapiteln ihrer Geschichte gegeben hat: im Büro, im Schwimmbad, bei mir zu Hause, im Winter oder am Bahnhof.

Ihre Protagonistin ist nicht froh, sie hängt in ihrem Leben fest, das ihr nicht gefällt. Aber Veränderungen, jenseits von wechselnden Menüs in der Trattoria, sind ihre Sache nicht. Sie scheint ängstlich, unsicher, aber die Lesenden erfahren nicht, warum. Bis sie sich eines Tages, während sie den Hund ihrer besten Freundin ausführt, das Verliebtsein in deren Mann aus dem Kopf schlägt. Und eine Entscheidung trifft. Weiterlesen

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Agnete Friis: Der Sommer mit Ellen

Jakobs Leben ist gerade kompliziert. Er hatte ein Verhältnis mit Janne, einer jungen Mitarbeiterin seines Architekturbüros, die nun nichts mehr von ihm wissen möchte. Seine Frau Kirsten hat sich von ihm getrennt, seine Kinder sind erwachsen und wollen kaum noch etwas von ihm wissen und auch sein Firmenpartner Bjarne möchte ihn im Büro nicht mehr sehen. Viel Alkohol und wenig Perspektiven stürzen ihn in eine Krise.

Als sein Großonkel Anton anruft und ihn um Hilfe bittet, zögert Jakob zunächst. Er soll Ellen suchen, die Frau, in die er als Jugendlicher im Sommer 1978 verliebt war und die plötzlich verschwand. Die Vorkommnisse von damals hat Jakob erfolgreich verdrängt, doch sie schwelen in ihm weiter. Seitdem er sein Heimatdorf verlassen hat, um zu studieren, ist er kaum jemals dort gewesen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, zurückzukehren und zurückzuschauen. Er bricht auf nach Ostjütland, wo Anton und sein Bruder Anders – beide um die 90 – immer noch auf demselben Hof wohnen wie früher. Jakobs Erinnerungen lassen sich nicht mehr unterdrücken.

Alles hatte damals mit Lises Verschwinden begonnen. Die Schwester von Jakobs Freund Sten war von Zuhause weggelaufen, hieß es. Die Geschwister waren in einen dauernden Kleinkrieg verstrickt. Sten wollte nicht, dass Lise mit Männern herummachte, Lise wollte sich nicht mehr gängeln lassen. Doch dass sie sich nun gar nicht mehr meldete, war doch sehr erstaunlich. Weiterlesen

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Antoine Laurain: Glücklicher als gedacht

Bei diesem Roman, der im Original bereits 2009 erschien, scheint mir der französische Originaltitel wesentlich passender als der deutsche: „Carrefour des nostalgies“ ist ein wunderbar poetischer Ausdruck dessen, worum es in dem Buch von Antoine Laurain geht.

François Heurtevent ist seit vielen Jahren Bürgermeister von Perisac, als er völlig unerwartet nicht wiedergewählt wird. Für ihn ist das ein großer Schlag und es fällt ihm sehr schwer, das zu verarbeiten. Er wird nahezu depressiv und lässt sich immer mehr gehen, so dass seine Frau, eine berühmt Sterneköchin, sich große Sorgen um ihn macht. Als ihm unvermutet ein altes Klassenfoto aus seiner Abiturzeit in die Hände fällt, beschließt er, herauszufinden, was aus den früheren Mitschülerinnen und Mitschülern geworden ist und er begibt sich so auf eine weite Reise in seine Vergangenheit.

Parallel blickt er auch immer wieder zurück auf seine politische Karriere, die vor allem von dem Freund seiner Eltern, dem mittlerweile verstorbenen André Dercours, gefördert worden war. Dass François dabei mehr über diesen und über sich selbst herausfindet, als er erwartet hat und als ihm manchmal lieb ist, stürzt ihn immer wieder in ein Gefühlschaos. Weiterlesen

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Kara Atkin: San Teresa University 01: Forever Free

Raelyn Miller beginnt ihr Studium an der San Teresa University. Und das ist quasi doppelt schwer. Denn Raelyn befindet sich nicht nur tausende Kilometer weg von zu Hause, sie hat auch noch ein Studienfach gewählt, das ihrem eigenen Naturell genau entgegensteht. Denn Raelyn will Kommunikation studieren, ist aber Außenseiter und findet schlecht Kontakt zu anderen Menschen. Zum Glück wird die aufgeweckte Kate ihre Mentorin an der Uni. Kate bringt Raelyn und die ebenfalls zurückgezogene April in Kontakt und die drei werden schnell Freunde. Dann lernt Raelyn Hunter kennen und ihre Welt steht Kopf. Er ist einer von Kates Freunden und gibt sich distanziert. Doch Hunter bringt in Raelyn etwas zum Schwingen und sie möchte nichts lieber, als ihn kennenlernen.

Kara Atkins Geschichte wird meist abwechselnd von Hunter und Raelyn erzählt. Schnell wird klar, dass beide so ihre Geheimnisse haben und das macht es letztlich schwer. Hunter kann sich niemandem gegenüber richtig öffnen und Raelyn spricht einfach nicht gern mit Menschen. Wie kann es also funktionieren, dass diese beiden jungen Menschen zusammenfinden? Kara Atkin, die aus Osnabrück stammende Autorin, legt einen zwar vorhersehbaren Plot hin, der allerdings trotzdem durch die Figuren eine schöne Form annimmt und sich gut lesen lässt. Weiterlesen

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Patti Smith: Im Jahr des Affen

G-L-O-R-I-A“, wer kennt ihn nicht, den Song von Patti Smiths Debütalbum „Horses“ aus dem Jahr 1975 mit dem berühmten Schwarz-Weiß-Foto von Robert Mapplethorne auf dem Cover? Oder „Because the night“ aus dem Jahr 1978, das „The Boss“ Bruce Springsteen geschrieben hat? Patti Smith (Jahrgang 1946) ist Rockmusik-Ikone der 1970er Jahre, die „Godmother of Punk“. Aber sie ist auch als Schriftstellerin und Fotografin bekannt. 2019 erschien „Year of the Monkey“ in den USA. Am 7. Mai 2020 veröffentlichte  der Kiepenheuer & Witsch Verlag nun die deutsche Erstausgabe unter dem Titel „Im Jahr des Affen“ in einer Übersetzung von Brigitte Jakobeit.

USA 2016: Patti Smith reist schreibend und fotografierend durchs Land. Es ist das chinesische Jahr des Affen. Am 30. Dezember 2016 wird Patti Smith 70 Jahre alt werden. 2016 wird Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt. So verwundert es nicht, dass Patti Smith ihrem Buch den Satz des französischen Schauspielers und Dramatikers Antonin Artaud „Eine tödliche Torheit kommt über die Welt“ voranstellt.

Patti Smiths Freund und Musikerkollege Sandy Pearlman liegt nach einer Gehirnblutung im Koma. Ihm und Sam Shepherd gelten die Gedanken und Träume auf Smiths Reise, die sie zunächst nach Santa Cruz (Kalifornien) führt. Und damit tauche ich als Lesende in die Gedankenwelt von Patti Smith ein, die sie in Notizbüchern und Polaroid-Fotos festhält: sie spricht mit einem Schild, das sie fotografiert. Und Patti Smith kommt sich vor wie Alice im Wunderland. Das Schild prophezeit ihr, dass sie nach Uluru (Ayers Rock, Australien) reisen wird. Weiterlesen

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Richard Russo: Jenseits der Erwartungen

Drei ältere Herren treffen sich für ein Wochenende an genau dem Ort wieder, an dem sie auch schon vor über 40 Jahren zusammen waren: in einem Häuschen in Chilmark auf Martha‘s Vineyard. Mit einem entscheidenden Unterschied: Damals war auch die freche und lebenslustige Jacy mit von der Partie, in die alle drei Jungs verliebt waren.

Doch seit diesem Wochenende fehlt jede Spur von Jacy. Was ist aus ihr geworden? Ist sie womöglich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Hat der unsympathische Nachbar oder gar einer der Jungs etwas damit zu tun? Könnte es sein, dass sie auf dem Anwesen in Chilmark begraben ist?

​Doch ein Krimi, nach dem sich das anhören mag, ist Richard Russos Roman „Jenseits der Erwartungen“, der aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, nur zu einem kleinen Teil. Weiterlesen

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze

Sie nimmt eines der Bilder […] Ein Nachtzug durchschneidet diagonal die Erde. Schwarzblaue Farbtöne. Kein Passagierzug, sondern Güterwaggons. Schatten und Nebel. Ein gelbes Licht erleuchtet nur die Frontscheibe des Führerstands. Die Lokomotive ist winzig und schmal – die Leinwand groß.“ (S. 54)

Was soll man inhaltlich über einen grandiosen Roman schreiben, ohne zu viel zu verraten? Wer würde allein dem Hinweis »unbedingt lesen!!« vertrauen??

In seinem ersten Roman erzählt der Autor Sasha Filipenko von einem jungen Mann, der 2001 von Moskau nach Minsk zieht. Dort wohnen seine Schwiegereltern. In dieser fremden für ihn tristen, grauen Stadt glaubt Alexander, hier bliebe seine besondere Geschichte geheim.

Er glaubt und irrt auch in anderen Dingen. Dies begreift er, als seine neue Nachbarin Tatjana Alexjewna, eine an Alzheimer leidende alte Dame, ihm überraschend klar und deutlich aus ihrem Leben erzählt. Mit der Wucht eines ungebremsten Zuges überrollt ihn die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Tatjana, die 1910 in London geboren wurde, zog als Kind nach Moskau. Ihr intellektueller Vater glaubte nach der Ermordung des Zaren, in seiner alten Heimat entstünde ein neues Land, und er wolle beim Aufbau helfen und sehen, wie neue Menschen ihr neues Leben annehmen.

Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, studierte Literatur und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Fernsehmoderator. Von ihm gibt es inzwischen fünf Romane in russischer Sprache. Weiterlesen

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Julia Holbe: Unsere glücklichen Tage

Marie, Fanny und Elsa kommen seit Kindertagen mit ihren Eltern an die französische Atlantik-Küste. Ganz in der Nähe ihres Feriendomizils wohnt die gleichaltrige Lenica, die sie schon bald auf ihren Streifzügen durch Ort und Strand begleitet. Zwischen den vier Mädchen entsteht eine Ferienfreundschaft. Doch ein bestimmter Sommer in ihrer Jugend soll der letzte Sommer sein, in dem die vier miteinander vereint sind. Danach trennen sich ihre Wege für immer und das Quartett wird es nie wieder geben. Denn Lenica ist früh bei einem Unfall verstorben. Als Elsa viele Jahre später wieder auf ihre beiden verbliebenen Freundinnen trifft, beschließen die Frauen, zum Ferienhaus zu reisen.

„Unsere glücklichen Tage“ ist im Grunde eine Liebesgeschichte. Alles dreht sich unweigerlich um Sean, einen Freund von Lenica, den Elsa in jenem verhängnisvollen Sommer, der alles zwischen den Mädchen zerstören sollte, kennenlernte. Weiterlesen

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Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen

Die Ich-Erzählerin ist zum zweiten Mal schwanger und während sie ihren Mann mit der erstgeborenen kleinen Tochter durchs Fenster beobachtet, durchlebt sie äußerst ambivalente Gefühle. Sie überdenkt in sehr persönlichen Schilderungen ihr Leben und alles was damit in Zusammenhang steht. Eine besondere Gewichtung liegt in ihrer Herkunft, dem Leben der verstorbenen Mutter und dem ihrer verstorbenen Großmutter. Sie versucht sich Klarheit zu verschaffen, durch welche Ereignisse ihr Leben nachhaltig geprägt wurde. Dabei schweift sie immer wieder ab und taucht ein in die Biografie von Wilhelm Conrad Röntgen und seine Entdeckung der X-Strahlen. Weiter beschäftigt sie sich mit Sigmund Freud und seiner Tochter Anna und der Entwicklung der Psychoanalyse. Der dritte Wissenschaftler, mit dem sie sich auseinandersetzt, ist John Hunter, der die Anatomie erforschte. Sie versucht zu begreifen, inwieweit ihre angelesenen Kenntnisse vom Leben und Wirken der Wissenschaftler und letztlich deren Erfolge und Erkenntnisse Einfluss auf ihre Persönlichkeit genommen haben könnten und was sie selbst daraus für ihr eigenes Leben umsetzen kann. Somit ergeben sich weitreichende philosophische Betrachtungen über den Sinn des Lebens und inwieweit jede/r selbst dazu in der Lage ist, sich mit eigenen Kompetenzen die Erfahrungen anderer zunutze zu machen. Ihr wird bewusst, dass ihr noch ungeborenes Kind im Leben Widrigkeiten ausgesetzt sein wird, vor denen sie es nicht schützen kann, weil ihm auch ungewollt Schaden zugefügt werden kann. Die Tragweite der Verantwortung wiegt schwer. Weiterlesen

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