Tommy Wieringa: Santa Rita

In seinem Roman „Santa Rita“ beschreibt der niederländische Autor Tommy Wieringa das triste Leben in einem Kaff an der deutsch-niederländischen Grenze. Hauptfigur Paul pflegt seinen alten Vater und handelt mit militärischen Hinterlassenschaften. Auch Neonazis sind seine Kunden. Pauls einziger Freund Hedwiges ist ein menschenscheuer Sonderling, der sich in seinem Haus verschanzt. Aber auch für Paul bieten die regelmäßigen Kneipengänge und die gelegentlichen Besuche im Puff die einzigen Abwechslungen. Der Titel des Romans bezieht sich auf den Namen einer der Prostituierten – sie kümmert sich wie die heilige Rita von Cascia um die aussichtslosen Fälle.

Es gelingt Wieringa recht gut, die freudlose, langweilige, beklemmende und zuweilen aggressive Atmosphäre in diesem Dorf einzufangen. Weiterlesen

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Andrej Kurkow: Graue Bienen

Sergej Sergejitsch – fast 50 Jahre alt, Frührentner und Imker – lebt in Malaja Starogradowka, einem Dorf mitten in der grauen Zone, zwischen den Fronten der prorussischen Separatisten und der ukrainischen Kämpfer. Nur noch zwei Bewohner harren dort aus: Sergej und Paschka, sein „Kindheitsfeind von der ersten Klasse der Dorfschule an“ (Zitat Seite 6), der immer mehr zu seinem „Feindfreund“ wird. Schließlich hat er sonst niemanden mehr, mit dem er sich unterhalten kann. Die anderen Einwohner haben die Flucht ergriffen, weil sie um Leib und Leben fürchteten und der Alltag ihnen zu beschwerlich wurde.

Denn schon lange gibt es keinen Strom mehr und keine Post, der Laden ist geschlossen und auch wenn das Geschützfeuer meist nur als Hintergrundgeräusch aus der Ferne zu vernehmen ist und im Normalfall keine Aufmerksamkeit mehr erregt, verirrt sich doch manchmal eine Granate ins Dorf. Eine davon hat die Kirche in Schutt und Asche gelegt und Sergejitsch dadurch zu einem ganzen Haufen Kirchenkerzen verholfen.

Abwechslung gibt es eher selten – mal ein toter Soldat auf dem Feld, mal eine Explosion, die Paschkas Fensterscheiben zerfetzt, mal eine Wanderung ins Nachbardorf oder der überraschende Besuch eines jungen ukrainischen Soldaten namens Petro. Doch auch bei unvorhergesehenen Ereignissen bleibt Sergej meistens ruhig und überlegt sich gut, was er tut und was er lässt. Nicht einmischen ist meistens seine Devise – und damit fährt er bisher gut. Weiterlesen

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Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht

In den Jahren 1994/1995 stand Jostein Gaarders Roman Sofies Welt, in der das Mädchen Sofie über sich selbst und das Leben nachdenkt,  auf der Spiegel-Bestenliste. Zwischenzeitlich ist das Buch zum Longseller geworden. Wer Sofies Welt kennt, ahnt vielleicht, dass Jostein Gaarder, der unter anderem Philosophie studiert hat, auch in diesem Buch die Handlung wieder philosophisch verwebt:

Der Protagonist Albert zieht sich zurück an den einsamen Waldsee Glitretjern, wo er und seine Familie eine kleine Hütte besitzen. Hier will er darüber nachdenken, wie es mit seinem Leben weitergehen soll. Er muss eine beängstigende Diagnose, von der er vor wenigen Stunden erfahren hat, erst einmal verarbeiten um dann eine Entscheidung zu treffen. Nur durch das Schreiben gelingt es ihm, klare Gedanken zu fassen. So erzählt er schreibend von seiner kleinen Familie, geht zurück bis zum Kennenlernen seiner Frau Eirin, beschreibt glückliche Tage wie auch Krisen. Weiterlesen

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Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Einen herausragenden Coming-Of-Age-Roman liefert der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu mit seinem Werk „Wie später ihre Kinder“. Er schildert darin das Heranwachsen von einigen Jugendlichen im fiktiven französischen Städtchen Heillange. Seit dort das einst florierende Stahlwerk geschlossen hat, leben die Menschen in einer hoffnungslosen, tristen Region – so auch Anthony, dessen Vater aggressiv ist und Alkoholprobleme hat, oder Hacine, der aus einer marokkanischen Einwandererfamilie stammt, sich langweilt und mit Drogen dealt.

Doch auch wenn ihnen die Welt, in der sie leben, keine gute Basis bietet, wollen diese Jugendlichen doch all das, was fast alle männlichen Teenager wollen: Mädchen kennenlernen, sich amüsieren und einen fahrbaren Untersatz haben – nur dass alles, was damit zusammenhängt, in Heillange erheblich rauer abläuft als anderswo, inklusive roher Gewalt und Kriminalität … Weiterlesen

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Tayari Jones: In guten wie in schlechten Tagen

Woraus ist Liebe gemacht – jene Art von Liebe, die zwei Menschen auf ganz besondere Weise verbindet? In ihrem Roman versucht Tayari Jones Antworten auf diese Frage zu finden.

Es geht um Roy und Celestial, jung, schwarz, frisch verheiratet und mit Perspektiven für eine glänzende berufliche Zukunft, doch in einer Nacht am falschen Ort. Eine Frau wird vergewaltigt und ist davon überzeugt, dass Roy der Täter ist. Dass er die ganze Zeit mit Celestial zusammen war, dass es keine DNA-Spuren von ihm gibt, dass er unschuldig ist, interessiert niemanden, auch nicht die Geschworenen, die Roy zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilen. Die Haft stellt die Ehe der beiden auf eine harte Probe. Was geschieht, wenn die Trennung länger dauert als die Zeit des Beisammenseins? Das Buch wird vorübergehend zum Briefroman; Celestial schreibt immer zurückhaltender, Roy versinkt zunehmend im Selbstmitleid, die Briefe werden seltener. Der Leser ist gefordert, zwischen den Zeilen zu lesen und seine eigenen Überlegungen anzustellen. Weiterlesen

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Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

Mütter und Töchter – eine lebenslang schwierige Beziehung. Autorin Vivian Gornick schildert eine dieser „Sie lieben und sie hassen sich“- Geschichten, die ihrer eigenen Biografie entsprungen ist. Während der gemeinsamen Spaziergänge durch New York lässt sie in herrlich bösartigen Dialogen die Lebensentwürfe von sich und ihrer Mutter aufeinanderprallen. Ein Minenfeld voller spitzzüngiger Gemeinheiten. Gornicks Mutter muss in den 30er Jahren ihren Beruf für ihre beiden Kinder aufgeben – der Ehemann wollte es so – und hasst fortan ihre eintönige Existenz als Hausfrau. Den Frauen in ihrem Häuserblock intellektuell überlegen, findet sie in Klatsch und Besserwisserei bald ihre neue Bestimmung. Tochter Vivian hingegen lebt ein völlig anders Leben als Journalistin und Schriftstellerin, finanziell unabhängig, ohne Mann und Kinder. Zwischen Neid und Bewunderung für das Leben der jeweils anderen schwankend, können die beiden nicht mit- und nicht ohne einander leben. Am Ende müssen beide erkennen, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen.

In wundervollen, fast schon poetischen Szenen, schildert die Autorin ihre Kindheit im New Yorker Stadtteil Bronx in den 40er Jahren. Die Vierteil sind in jüdische, italienische und irische Einwanderer gegliedert, die Familien teilen nicht nur das Badezimmer am Ende des Flurs, sondern auch das Leben der anderen miteinander. Hier charakterisiert die Autorin verschiedene Frauenbilder, darunter auch Nachbarin Nettie, die einzige Nichtjüdin im Block, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Sexualität frei auslebt. Weiterlesen

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Karin Nohr: Kieloben

Ingas Leben ist aus den Fugen geraten seit ihr Mann Friedrich vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie hat die gemeinsame internistische Praxis aufgegeben und wälzt nun bei der Deutschen Rentenversicherung Akten. Als sie 55 wird und ihr Sohn Sebastian nach dem Abi eröffnet, dass er für ein Jahr nach Australien gehen wird, beschließt sie, nach Norwegen zu reisen.

Nicht weit von den Orten, an denen ihr Vater als Offizier im 2. Weltkrieg auf einem Boot das Kommando hatte, beginnt sie nachzudenken: über ihre Eltern, ihre Brüder Matthias und Markus, ihre Kindheit und Jugend. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel startet sie einen Mailverkehr mit ihren Brüdern, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, denn jeder der Geschwister hat ein anderes Bild, andere Erinnerungen an das Leben in der Familie. War die Mutter glücklich mit ihren Kindern oder waren sie ihr eine Last? War der Vater wirklich monatelang auf Sprachkursen in Frankreich oder wegen seiner Kriegstraumata in psychiatrischer Behandlung? War er Kriegsheld oder Täter? Weiterlesen

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Norbert Zähringer: Wo wir waren

Toll. Großartiges Buch. Wenn mich vor der Lektüre dieses Buches eine Buchhändlerin gefragt hätte, was ich so am liebsten lese, hätte ich gesagt, „Gute Romane erzählen für mich eine Geschichte, die in einem überschaubaren Zeitabschnitt spielt (möglichst so, dass ich mich auch darin spiegeln kann) – und die darüber hinaus fundierte, wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse vermittelt und das am liebsten alles vor dem Hintergrund eines Familiendramas oder Krimis, welches über mehrere Generationen durch das 20. und 21. Jahrhundert gespült wird“. Ohne zu zögern hätte mir die Kollegin von der Literaturverteilerzunft Norbert Zähringers epochales Werk „Wo wir waren“ in die Hand gedrückt! Und womit? Mit Recht! Dankbar lege ich dieses Buch zur Seite, welches alles beinhaltet, was man von großer Literatur erwarten kann!  Ob die furchtbar dunklen, vergangenen Zeiten der beiden Weltkriege bis nach Vietnam oder die Träume einer spannenden Zukunft (im All) – alles ist da in dieser wunderbaren Erzählung. Weiterlesen

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Anika Decker: Wir von der anderen Seite

Anika Decker ist Drehbuchautorin, ihre bekanntesten Filme sind Keinohrhasen und Zweiohrküken. Dieses Buch ist ihr Debüt als Romanautorin.

Obwohl der Roman eine fiktive Protagonistin hat, schildert Anika Decker ihr eigenes Erleben. Vor etwa zehn Jahren erkrankte sie schwer an einer Blutvergiftung mit komplettem Organversagen. Das Buch beschreibt den Krankheits- und Genesungsverlauf, beginnend mit ihrem Erwachen aus einem tagelangen Koma. Die Protagonistin Rahel durchläuft die verschiedenen Stadien der Behandlung von der Intensivstation zur Spezialklinik bis zur Reha. Dabei wird mit entwaffnender Offenheit von allen Aspekten einer solch schweren Erkrankung erzählt, auch von den „ekligen“. Neben der Krankheit wird auch die Beziehung Rahels zu ihrem Freund Olli bis aufs Kleinste seziert.

Beeindruckend intensiv geschildert und nachdenklich machend sind vor allem die Untersuchungen, die Rahel wieder und wieder über sich ergehen lassen muss. Der Verlust der Selbstbestimmtheit macht ihr zu schaffen, die Arroganz und Distanz, mit der Ärzte mit ihren Patienten umgehen, läßt sie oft verzweifeln. Umso dankbarer ist sie für die wenigen Ärzte und Krankenschwestern, die den Menschen hinter dem Patienten sehen. Weiterlesen

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Wioletta Greg: Die Untermieterin

Mit ihrem neuen Buch erreicht mich Wioletta Greg – im Gegensatz zu ihrem vorangegangenen Roman „Unreife Früchte“ nicht.

Die ominöse Geschichte um Herrn Kamil, einen zehn Jahre älteren Ethnologen, in den die Ich-Erzählerin Wiolka sich verliebt hat, mutet in weiten Teilen zu konstruiert an. Ab und an taucht Herr Kamil in Wiolkas Gedanken zwar auf, und ab der zweiten Hälfte des Buches ist er tatsächlich präsent, dennoch wirkt seine Figur an manchen Stellen wie hinterher an den roten Faden geheftet.

Wiolkas Zimmersuche in ihrem Studienort, dem polnischen Tschenstochau, ihr Aufenthalt dort in einem dubiosen Arbeiterhotel und danach in einer Ordensgemeinschaft, wo eine psychisch gestörte Oberin sie mit ihrer toten Tochter verwechselt und Wiolka mit ihren Kräutertees vergiften will, wirken eher erzwungen lustig. Weiterlesen

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