Tim Winton: Die Hütte des Schäfers

Was für ein spannungsreiches Buch! Und was für ein Autor der so großartig zu schreiben vermag! – Tim Winton, diesen Namen sollte man sich merken! Kein Wunder, dass er zu den erfolgreichsten Schriftstellern Australiens gehört. Zweimal kam er auf die Shortlist des Man Booker Prize, und viermal erhielt er den Miles Franklin Award, den wichtigsten Literaturpreis Australiens. Seine Werke sind in zwölf Sprachen übersetzt, fast alles wurde für Bühne, Radio oder Film adaptiert.

In Die Hütte des Schäfers steigert sich das Abenteuer, in das der jugendliche Protagonist Jaxie Clackton sich selbst hineinmanövriert, Seite für Seite:

In Jaxies Zuhause herrschen raue Sitten. Seit seine Mutter tot ist, hält ihn dort eigentlich nichts mehr. Jaxie hasst seinen  ständig alkoholisierten Vater, von dem er nur Schläge und Schmach erntet. Und weil das jeder in dem kleinen australischen Kaff in dem er wohnt weiß, ergreift Jaxie Hals über Kopf die Flucht, nachdem etwas Unvorhergesehenes passiert ist. Niemand würde ihm, dem jungen Raufbold, glauben, dass er nichts mit dem Unglück das seinen Vater ereilt hat, zu tun hat. Ohne sich weitreichende Gedanken über die Gefahren im Niemandsland und der Ausweglosigkeit seines Fliehens zu machen, bricht er nur mit einem Gewehr, zwei Schachteln Patronen und einer Wasserflasche auf. Weiterlesen

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Friedrich Ani: All die unbewohnten Zimmer

Friedrich Ani (Jahrgang 1959) ist einer der bekanntesten deutschen Krimiautoren. Vor allem seine Romane rund um den Ermittler in Vermisstenfällen Tabor Süden haben eine große Leserschaft. Sein neuer Roman „All die unbewohnten Zimmer“ ist am 17. Juni 2019 im Suhrkamp Verlag erschienen.

In „All die unbewohnten Zimmer“ treten geballt die Protagonisten aus Anis Krimis auf. Tabor Süden, Jakob Franck, Polonius Fischer und Fariza Nasri ermitteln in München, zunächst unabhängig voneinander, in zwei Mordfällen. Die Buchhändlerin Anna Walther wird auf offener Straße erschossen, der Polizist Max Gronsdorff schwer verletzt.  Der Tatverdächtige Anton Frey ist schnell gefunden und gefasst. Über sein Motiv schweigt er sich anfangs aus.

Der zweite Mord erweist sich als wesentlich komplizierter: Philipp Werneck, ein junger Streifenpolizist, wird erschlagen aufgefunden. Er verfolgte zwei Kinder, die Obst gestohlen haben sollten. Sein Kollege Tim Gorden saß während der Tat im Streifenwagen. Die Tat ereignete sich am Rande eines Aufmarsches der Partei „Patriotische Allianz Deutschlands“ (PAD). Als Jakob Franck dem Vater von Philipp, Ralph Werneck, die Todesnachricht überbringt, bedroht ihn dieser mit einem Revolver. Weiterlesen

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Johanna Holmström: Die Frauen von Själö

Dies ist kein Buch für sonnige fröhliche Tage. Dies ist ein Buch, das man im November lesen sollte. Denn die Stimmug, die es auslöst, ist grau, duster. Man möchte sich in sich selbst zurückziehen.

Johanna Holmström erzählt die Geschhichte von drei Frauen über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren.

Kristina, die ihre beiden Kinder ertränkte, wird statt ins Zuchthaus in die Irrenanstalt auf der Insel Själö gesteckt. Es ist das Jahr 1891 und wir können uns vermutlich alle vorstellen, wie zu dieser Zeit mit Insassen von Irrenanstalten, zumal weiblichen, umgegangen wurde, welche Behandlungsmethoden angewandt wurden. Die sogenannte „Isolierung“ ist nur eine davon. Ziel und Zweck konnte es nur sein, die Frauen zu brechen.

Genau so drückt es Sigrid aus, die Krankenschwester auf der Insel. Auch sie ist gewissermaßen eine Gefangene, sie wird viele Jahre dort verbringen.

Die Dritte ist Ellie, ein aufbegehrendes wildes Mädchen, das zu Beginn der 1930er Jahre in die Irrenanstalt auf der Insel kommt. Weiterlesen

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Gabriel Katz: Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Pierre Geithner, Leiter des Fachbereichs Musik am Pariser Konservatorium, glaubt, seinen Ohren nicht zu trauen, als er auf dem Gare du Nord einen jungen Mann Klavierspielen hört. Technisch nicht perfekt, aber mitreißend, mit fliegenden Fingern und ohne Noten. Pierre ist begeistert, doch der junge Mann – Mathieu Malinski – blockt seine Kontaktaufnahme ab.

Mathieu, dessen Familie aus Polen stammt, lebt in einer Pariser Vorstadt und bringt alles mit, was man ganz klischeehaft erwarten kann: finanzielle Schwierigkeiten und einen (klein-) kriminellen Hintergrund. Doch er kümmert sich auch liebevoll um seinen kleinen Bruder, während seine Mutter im Krankenhaus Nachtschichten schiebt, um sich und die Kinder über Wasser zu halten, und hat einen Job als Gabelstaplerfahrer. Was Mathieu aus der Masse heraushebt, ist dieses ganz besondere musikalische Talent, das ein früherer Nachbar gefördert hat, das er aber so gut er kann geheim hält.

Als ein Einbruch mit seinen Kumpeln schiefgeht und Mathieu von der Polizei geschnappt wird, erinnert er sich an die Visitenkarte, die ihm Pierre zugesteckt hat und tatsächlich haut ihn dessen Anwalt raus und verschafft ihm statt eines Gefängnisaufenthaltes ein halbes Jahr Sozialstunden im Konservatorium. Pierre ist von Mathieus Potenzial überzeugt und organisiert für ihn Klavierunterricht bei der besten Lehrerin der Hochschule, um ihn auf einen renommierten Klavierwettbewerb vorzubereiten. Aber der junge Mann bleibt zunächst störrisch. Erst als er die Cello-Studentin Anna kennenlernt, rafft er sich auf, seine Chance zu ergreifen. Weiterlesen

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Bina Shah: Die Geschichte der schweigenden Frauen

Große Kriege haben Teile der Welt verwüstet. Neue Staaten haben sich gebildet, Gesellschaftssysteme wurden mit mehr oder weniger Gewalt umgekrempelt. Die technische Entwicklung ist vorangeschritten, Roboter übernehmen viele Tätigkeiten, die Nutzung digitaler Hilfsmittel ist Alltag – und dient häufig auch der Überwachung der Bevölkerung.

Dieses Umfeld bietet den Rahmen für Bina Shahs Roman „Die Geschichte der schweigenden Frauen“. Die pakistanische Autorin führt die Leserinnen und Leser nach Green City, der Hauptstadt Südwest-Asiens. Frauen sind dort aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen und eines Virus Mangelware. Das führt dazu, dass die übrig gebliebenen durch die Obrigkeit dazu verpflichtet werden, möglichst viele Kinder zu gebären. Dafür werden sie praktisch – meist mit mehreren Männern – zwangsverheiratet. Die Gattinnen werden gehegt und gepflegt, sind aber nahezu rechtlos und ans Haus gebunden. Freiheit ist für sie fast unerreichbar.

Ein paar Frauen verweigern sich diesem System und gehen in den Untergrund.

So wie Lin, Sabine und Rupa. Sie leben in der Panah, einem von Lins verstorbener Tante Ilona Serfati gegründeten Versteck. Doch auch sie sind nicht frei, sondern müssen ständig auf der Hut sein, um nicht in die Fänge der Obrigkeit zu gelangen. Weiterlesen

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William Kent Krueger: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Amerika, 1961: Der 13-jährige Frank lebt mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Jake und den Eltern und ihrer älteren Schwester in dem kleinen Städtchen New Bremen. Doch in diesem Sommer ist alles bei weitem nicht so beschaulich. Ein Junge des Ortes kommt auf den Bahngleisen zu Tode, ein Fremder wird tot aufgefunden. Die Angst geht in der Bevölkerung um und schon bald werden Frank und Jake betroffener als je zuvor sein, denn das waren noch nicht alle Toten dieses Sommers.

Die Geschichte wird rückblickend von Frank erzählt, als diese bereits lange erwachsen ist. Er macht klar, dass eben jener Sommer ihn und sein Denken, sein Handeln für immer verändert hat. William Kent Krueger beschreibt in „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ diesen Reifeprozess glaubhaft und mit atmosphärischer Dichte. Man spürt die Hitze und die Unsicherheit der Menschen am eigenen Leib. Überhaupt ist der Roman sehr gut geschrieben und man kann leicht in die Geschichte eintauchen. Weiterlesen

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Emily Gunnis: Das Haus der Verlassenen

Die Journalistin Sam findet im Haus ihrer Großmutter einen Stapel seltsamer Briefe. Entstanden sind sie alle Ende der 1960er Jahre. Sie richten sich von einer jungen Frau namens Ivy an ihren Freund, der sie unehelich geschwängert hat und nun im Stich lässt. Da die Familie mit der Schande nicht leben will, steckt sie Ivy kurzerhand in ein Haus, in dem junge Frauen ihre Babys zur Welt bringen und dann zur Adoption freigeben müssen. Um für ihren Aufenthalt aufzukommen, müssen sie überdies noch mehrere Jahre schwere Arbeiten verrichten. Sams Interesse an der Geschichte ist geweckt und sie beginnt zu recherchieren, was es mit Ivy wirklich auf sich hatte. Sie deckt eine Geschichte auf, deren Fäden bis in die Gegenwart reichen.

„Das Haus der Verlassenen“ bietet gleich mehrere spannende Geschichten. Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Sam in der Gegenwart hat eine 4-jährige Tochter, einen Mann, von dem sie getrennt lebt, und eine Oma, die sie glücklicherweise für einige Wochen in ihrem Haushalt aufnimmt. Sam ist auf der Suche nach der ganz großen Geschichte, die ihr ihren journalistischen Durchbruch bringen könnte. Weiterlesen

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John Lanchester: Die Mauer

Eine beängstigende Dystopie, die im wahrsten Sinne des Wortes Gänsehaut bereitet. Schon der erste Satz „Es ist kalt auf der Mauer“, bringt es treffend auf den Punkt. Erbarmungslos klar schildert der Autor die alles durchdringende Kälte auf dem Schutzwall. Die frostigen Temperaturen sind ein Spiegelbild der Kälte, die in der neuen Gesellschaft „nach dem Wandel“ vorherrscht.

John Lanchester führt aktuelle Begebenheiten des Weltgeschehens fort – wie Klimawandel, Flüchtlingsströme oder den Brexit – und verortet sie in einer düsteren Welt, die nur ein bis zwei Generationen nach uns folgen könnte. Schauplatz ist England, das seine komplette Küstenlinie mit einer Mauer vom Rest der Welt abgeriegelt hat. Grund: Die Insel gehört zu den Staaten, die nach dem „Wandel“ mit einem blauen Auge davongekommen sind. Während die meisten Länder durch den gestiegenen Meeresspiegel untergehen oder durch den Klimawandel verdorren, kann sich England noch einigermaßen autark versorgen. Damit dies so bleibt, werden Flüchtlinge, genannt „Die Anderen“, auf Abstand gehalten. Junge Briten beiderlei Geschlechts müssen zwei Jahre Dienst auf der Mauer leisten, um ihr Land vor Eindringlingen zu verteidigen. Keine leichte Aufgabe: Sollte es einem der Anderen gelingen, die Mauer zu stürmen und ins Landesinnere vorzudringen, wird dafür ein Wächter aufs Meer verbannt. Die Einzigen, die dem Dienst an der Mauer entkommen können, sind die „Fortpflanzler.“ Doch in einer gnadenlosen Welt wollen die meisten keine Kinder mehr bekommen. Weiterlesen

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Mechtild Borrmann: Grenzgänger

Ein verstörendes Buch. Eine beklemmende Geschichte.

Mechtild Borrmann erzählt im Nachwort, dass sie auf Flohmärkten gezielt Fotoalben kauft und beim Durchblättern und Studieren der alten Aufnahmen den Anstoß zu ihren Büchern bekommt. Darauf folgt dann, das ist ihren meist historischen Themen geschuldet, eine intensive Recherche. Und die merkt man dem Buch an.

Der Roman – die Handlung ist frei erfunden, auch wenn der kühle, reportagenhafte Stil anderes nahezulegen scheint – erzählt auf mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte der Henni Schöning, beginnend gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Sie wächst zusammen mit ihren drei jüngeren Geschwistern in einem Dorf in der Eifel, nahe der belgischen Grenze, auf. Der Vater kommt, äußerlich unverletzt, aber geistig und seelisch zerrüttet, aus dem Krieg zurück. Unfähig, in seinem Beruf als Juwelier weiterzuarbeiten, unfähig, sich dem harten Leben in der Eifel zu stellen, zieht er sich in eine ungesunde, fast besessene Nähe zur Kirche zurück. Die Mutter muss mehr oder weniger allein für die Kinder sorgen. Henni hilft schon früh bei allem mit. Sie ist diejenige, die sich von Anfang an dem Vater widersetzt, die nicht akzeptieren will, dass er seiner Verantwortung für die Familie nicht nachkommt. Damit ist der Grundstein gelegt, für alles, was danach geschieht. Denn alle Schicksalsschläge, die Henni und ihren Geschwistern widerfahren, beruhen letztendlich auf dem Versagen des Vaters. Weiterlesen

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Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong, ein 1988 geborener amerikanischer Autor mit vietnamesischen Wurzeln, legt in seinem ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ einen enorm intensiven und emotionalen Roman vor.

Darin beschreibt er sein Leben in ärmlichen Verhältnissen – mit rabiater Großmutter und schizophrener Mutter, die weder Englisch noch lesen und schreiben kann. Der Ich-Erzähler ist nicht nur wegen seiner Herkunft ein Außenseiter – er ist es auch, weil er schmächtig, klein und homosexuell ist. Seine Liebe zu dem derben Trevor bildet den zweiten Teil dieses Romans.

Der Text weist enorm starke Stellen auf – zum Beispiel wenn Mutter Rose im Nagelstudio einen Fuß massiert, den es gar nicht mehr gibt, weil er längst amputiert worden ist, oder wenn sie im Supermarkt schauspielerisch darzustellen versucht, dass sie einen Ochsenschwanz kaufen möchte, oder wenn sich Trevor und der Ich-Erzähler im Heu bei der Tabak-Ernte langsam näher kommen. Subthema ist immer auch der Vietnamkrieg.

Allerdings gibt‘s andererseits einigen Leerlauf, und es könnte Leser geben, denen die überbordende Emotionalität in diesem Buch etwas zu viel wird und sie sie – besonders zum Ende hin – als überladen empfinden.

Anfangs muss man sich etwas hineinfinden in dieses ungewöhnliche Buch. Das liegt auch an der Art des Autors, seine Geschichte in kurzen Passagen zu erzählen, die besonders zu Beginn nicht immer in direktem Zusammenhang zueinander stehen. Das erfordert ein konzentriertes und langsames Lesen. Man kann dieses Buch keinesfalls am Strand oder irgendwo quasi nebenher konsumieren.

Man merkt in vielen Passagen, dass Ocean Vuong ursprünglich Lyriker ist. Für seine Gedichte wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Whiting Award for Poetry (2016) und dem T.S. Eliot Prize (2017).

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios.
Hanser Verlag, Juli 2019.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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