Herman Koch: Einfach leben

Tom ist erfolgreicher Schriftsteller. Sein Sachbuch „Einfach leben“ ist zum internationalen Bestseller avanciert. In diesem Ratgeber finden sich mehr oder weniger banale Weisheiten, die sich auf alle und alles übertragen lassen à la „Versuche, Probleme nicht immer zu lösen, indem du an sie denkst; oft lösen sie sich von allein“ oder „Versuche nicht, jemanden zu ändern, auch dich selbst nicht“…

So schlicht wie die Ratschläge in seinem Buch sind, ist auch Toms eigene Lebenseinstellung. – Nur ist er sich dessen keineswegs bewusst. Er, dem Glück und Reichtum durch den Bucherfolg so einfach in den Schoß gelegt wurden, ist unfähig, eigene Probleme in der Familie richtig zu deuten und entsprechend zu agieren.

Als die ungeliebte Schwiegertochter mit einem von Schlägen gekennzeichneten Gesicht vor der Tür steht, versucht Tom das Problem allein und auf seine Weise zu lösen. Bis zum bitteren Ende merkt er dabei nicht, auf welche Abwege er sich dabei begibt. Letztlich ist er dann derjenige, der eigentlich Hilfe benötigt um endlich zu einer klaren Sicht zu kommen, doch wie immer steht der Rat gebende Autor auch dann noch über der Sache… Weiterlesen

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Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Jetzt ist sie auch literarisch angekommen. Die Generation, bzw. die Kinder und Enkel der Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, aber eben immer aus höchster Not und Lebensgefahr, aus ihren jeweiligen Heimaten fliehen mussten. Jetzt sind sie unter uns und mischen mit. Und womit? Mit Recht. Sie erzählen uns, nach und nach auch in Prosa, die Geschichten der Fluchten, der Toten und der Vertriebenen. Wie nach dem Krieg die Gruppe 47 versuchte, langsam dem Nazi Grauen mit ihren Millionen von Toten literarisch ein Bild zu geben. („An diesem Dienstag“, Wolfgang Borchert z.B.) So ist es auch heute. Sie verschaffen sich ein Gehör über Sprache und Bild. Ein Beispiel ist Shida Bazyar. Ihr gelingt ein Überblick über vier Jahrzehnte 1979 – 2009 und vier Generationen von  iranischem politischem und religiösem Wirrwarr. Sie gibt dem Ganzen eine Geschichte, indem sie bei ihrer Familie bleibt. Bei Ihrem Vater Behsad, der nach dem Sturz des Schahs 1979 voller Hoffnung als junger Kommunist im Iran von gerechter Zukunft träumte und der doch fliehen musste. Dies ist das Lied aus 1979. Weiterlesen

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Annette Pehnt: Mein Amrum

„Wenn der Entschluss zu einer Insel gefasst ist, kann ich diese eine Insel erforschen, als sei sie die ganze Welt.“ (Zitat S. 26)

Annette Pehnt reist nach Amrum, zum ersten Mal mit der Hündin. Die Hündin lebte als Streunerin auf einer südlichen Insel, wurde angefahren und kam über den Tierschutz zur Erzählerin. Seit einem Jahr gewöhnen sich die beiden aneinander. Und nun also Amrum. Eine lange Fahrt mit dem Zug, die Hündin ist unruhig und den Mitreisenden im Weg; sie weiß nicht, was vor sich geht, wo sie schlafen werden. Sie hat gelernt, sich zu fürchten, und muss an der kurzen Leine bleiben.

Ankunft auf Amrum. „Obwohl die Sonne nicht scheint, ist der weite Himmel weißlich und schimmert, als wäre er von hinten angeleuchtet. Ich hatte vergessen, wie weich die blassen Farben ineinander übergehen, wie sich die Flächen ineinander auflösen …“ (Zitat S. 38) Bei den Wanderungen auf der Insel, durch den Kniepsand, über die Dünen und am Flutsaum entlang bleibt die Hündin an der Leine. Die Erzählerin hat dafür die längste Leine gekauft, die sie finden konnte. Weiterlesen

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Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber

Radikal, mystisch, mehrdeutig: Carmen Maria Machados Debüt polarisiert, schockiert und regt zur Diskussion an. Essenz des vielfach ausgezeichneten Erzählbandes: Frauen gehört ihr Körper nicht! Alle möglichen Parteien verschaffen sich Zugang, um an den Vorteilen zu partizipieren. Vorneweg die Männer, teils durch patriarchalische Strukturen, teils gewaltsam durch Vergewaltigung und Mord. Mal sind es die Kinder, die nach Schwangerschaft und Geburt ein „Schlachtfeld“ hinterlassen, um in den folgenden Jahren alle Energie aus ihren Müttern zu saugen. Mal ist es die Gesellschaft, die den weiblichen Körper in Normen zwängt, durch Moralvorstellungen, Jugend- und Schönheitskult. Mal sind es andere Frauen, die sich im Wettstreit um den schlanksten Körper ihren Geschlechtsgenossinnen überlegen fühlen. Mal sind es sogar die eigenen Gedanken, die in Widerstand zum Stofflichen treten. Wahnsinn oder Wahrheit – das ist hier die Frage.

Diese Themen handelt die Autorin in ihren Erzählungen durch eine einzigartige Mischung aus Prosa, Märchen, Mystik, Tiefenpsychologie, Erotik, Sciencefiction und dunklem Humor ab. Weiterlesen

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Anna Enquist: Denn es will Abend werden

Die niederländische Schriftstellerin Anna Enquist (Jahrgang 1945) ist Pianistin und Psychoanalytikerin. Sie lebt und arbeitet in Amsterdam. 2015 veröffentlichte der Luchterhand Literaturverlag die deutsche Erstausgabe ihres Romans „Streichquartett“, in dem es um vier Freunde geht, die zusammen in ihrer Freizeit auf einem Hausboot musizieren und versuchen, ihren Alltag zu meistern. Am Ende des Romans werden sie zu Opfern einer Gewalttat. Enquists neuer Roman „Denn es will Abend werden“ knüpft an das „Streichquartett“ an. „Denn es will Abend werden“ ist am 24. Juni 2019 in einer Übersetzung von Hanni Ehlers im Luchterhand Literaturverlag erschienen.

Carolien, Jochem, Heleen und Hugo, die vier Freunde aus dem „Streichquartett“, haben mit den Folgen des Überfalls mit Geiselnahme (Hugos kleine Tochter Laura sollte als Geisel dienen)  und der Explosion von Hugos Hausboot zu kämpfen. Sie haben ihre Instrumente verloren und ihre Freundschaft droht zu zerfallen. Carolien, die Ärztin, hat ihren kleinen Finger bei der Gewalttat durch den aus dem Gefängnis entflohenen Olivier Helleberg verloren. Weiterlesen

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Giulia Becker: Das Leben ist eins der Härtesten

Fing ganz lustig an, aber nach einiger Zeit nervte mich dieses ewige „drüber“ – ich fragte mich ständig, warum jetzt das denn auch noch, es reichte doch bis dahin…etc. Was ich damit meine, ist, dass die vier Hauptrollen in diesem Poetry slam – oder Comedydrama, am Ende eher zu Cartoon Figuren mutierten wo jedes „normale“ Miteinander nicht mehr möglich scheint. So ist diese überdrehte Geschichte recht schwer zu lesen, weil man immer irgendein Knock out erwartet, dass diese, eh schon von allem Pech der Welt gebeutelten Protagonisten, endgültig in die Enge treibt, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Doch, einmal versuchen sie es: ein völlig aus dem Ruder kippender Ausflug von Borken (an der niederländischen Grenze) in ein ostdeutsches Fake Paradies (das es allerdings wirklich gibt) namens Tropical island.

Das alle überleben und es sogar noch zurück nach Borken schaffen ist das eine, und das andere ist , dass die Autorin zuletzt Milde walten lässt, und die vier nach ihren irren und komplizierten Abenteuern, doch wieder zueinander finden. Weiterlesen

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Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts

Dies ist ein Roman, (obwohl Roman?) ich fange mal neu an: dies ist ein Divan… so, ja, Divan (Untertitel)? Ich habe nicht Literatur studiert, ich lese nur gerne. Und so wusste ich nicht, dass Divan  (eine West-östliche Annährung) von Goethe ist. Und überhaupt, dieses Werk, wenn man es negativ ausdrücken will, schlägt Dir Deine Dummheit um die Ohren. Aber ich kann mich festbeißen. Ich war mein Leben lang Sportler. Und ich bin philosophisch betrachtet tatsächlich ein Idiot des 21. Jahrhunderts! Was begreifen wir schon? Und so nähern wir uns inhaltlich diesem wunderbaren Buch. Erschlagen von dem Weltwissen des Autors und wieder aufgerappelt durch meine bohrende Neugier. Sagen wir es mal so: ich habe nie den Koran gelesen, nicht mal einen in der Hand gehabt, aber so geht es mir im Übrigen mit der Bibel auch. Aber zum ersten Mal habe ich die Geschichte des Islam, die Lehren, die Interpretationen, von den  irregeleiteten Fundamentalisten bis hin zu auch mir nahestehenden Philosophien und Wahrheiten, in Ansätzen begriffen. Eine banale Erkenntnis: wer im Islam doof ist, der versteht auch den Koran nicht und wenn denn nur über die Imame, die dann ihre jeweilige Sicht erklären und zu instrumentalisieren wissen. Weiterlesen

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Javier Marías: Berta Isla

Der spanische Schriftsteller Javier Marías (Jahrgang 1951) gilt als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Er wurde in Madrid geboren. Sein Vater, ein Philosoph, litt unter der Verfolgung durch das Franco-Regime. Die Familie lebte zeitweise in den USA, so dass Marías zweisprachig aufwuchs. Javier Marías erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Er lehrte in Oxford und lebt heute in Madrid. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass beide Städte wiederkehrende Schauplätze in seinen Romanen sind. So auch in Marías‘ neuestem mit dem Titel „Berta Isla“, den der S. Fischer Verlag in einer Übersetzung von Susanne Lange am 22. Mai 2019 veröffentlichte.

In dem mehr als 650 Seiten starken Roman erzählt Javier Marías die Geschichte des  (Ehe-)Paares Berta Isla und Tomás (Tom) Nevinson. Tomás‘ Mutter ist Spanierin, sein Vater Brite. Berta und Tomás lernen sich während ihrer Schulzeit in den 1960er Jahren in Madrid kennen und wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. Tomás geht nach dem Abitur zum Studium nach Oxford. Berta und er erleben als Studenten die sexuelle Befreiung der 1968er Jahre. Sie in Spanien, Tomás in Großbritannien. Und dennoch wissen sie, dass sie nach Tomás‘ Rückkehr heiraten werden. Weiterlesen

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Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Wer es in New York bis Dreißig nicht geschafft hat, wird es gar nicht mehr schaffen. Diese erbarmungslose Regel gilt im Dunstkreis der Reichen und Schönen. Louise ist 29 Jahre alt und wollte in New York Schriftstellerin werden. Dumm nur, dass sie nichts zu Papier bringt und sich mit drei schlechtbezahlten Nebenjobs notdürftig über Wasser hält. Da tritt die reiche Lavinia in ihr Leben. Jung, schön, blond, reich, exzentrisch. Sie nimmt Louise unter ihre Fittiche, staffiert sie aus, schleppt sie mit auf dekadente Partys, führt sie ein in eine Welt, die sich Louise immer erträumt hat, in die sie aber nicht zu passen scheint. Zumindest nicht, bevor sie radikale Entscheidungen trifft. Was folgt, ist eine Freundschaft zwischen Abhängigkeit, Dominanz und Unterwerfung. Tara Isabella Burton zeichnet das Bild einer Gesellschaft des Scheins, in der Likes und Follower mehr zählen, als echte Beziehungen. In der jeder nach immer neuen Extremen sucht, um sich interessant zu machen. In der Verbrechen ungestraft bleiben, da alle verlernt haben, hinzusehen und mitzufühlen.

Lavinia trägt Vintage-Kleidung, bricht in Parks ein, ist mit Künstlern sowie mit „nicht richtigen“ Prostituierten befreundet und geht auf Partys, in denen Zwerge mit Dildos performen. Sie ist ein klassisches It-Girl, obwohl sie eigentlich nichts leistet. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um während eines Sabbaticals einen Roman zu schreiben, der sich grottenschlecht liest. Weiterlesen

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Evelyn Kühne: Inselküsse: Ein Ostseeroman

Maries Leben läuft nicht immer in geraden Bahnen. Eben hat die alleinerziehende Mutter einen lukrativen Auftrag ergattert, da droht ihre Existenzgrundlage sich in Luft aufzulösen. Das Haus, in dem sie mit ihren drei Kindern wohnt, soll verkauft und saniert werden. Sie kann sich kaum vorstellen, wie sie die anstehende Mieterhöhung stemmen soll. Und dann bricht auch noch das marode Dach ihrer Töpferwerkstatt ein. Wie soll sie nun die Ware für den Auftrag – die Ausstattung eines neuen Hotels auf Rügen – produzieren? Auch wenn sie sich mit der Hotelbesitzerin Susanne auf Anhieb gut versteht, sieht sie keine andere Möglichkeit, als abzusagen

Als sie ihrer Nachbarin Ruth ihr Leid klagt, erfährt Marie etwas Erstaunliches: Die alte Dame hat vor wenigen Monaten ein Haus auf Rügen geerbt. Nur zu gerne würde sie es wiedersehen und vielleicht sogar dorthin ziehen. Wie wäre es, wenn Marie sie mit ihrer 14jährigen Tochter Karo und den 9jährigen Zwillingen Ole und Til begleiten würde? Vielleicht wäre es sogar möglich, dort zusammen zu wohnen. Weiterlesen

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