Virgina Evans: Die Briefeschreiberin

Ein Blick auf Wasser, auf einen Baum gleich vor dem Fenster, andere weiter entfernt, ein blühender Busch – auf dem Schreibtisch vor dem großen Fenster, durch das dieser Blick geht, kleinere Pflanzen, eine Tasse Kaffee und ein paar Bücher. Dieses Aquarell ist das Cover zu Virginia Evans‘ Debüt „Die Briefeschreiberin“. Man kann sich gut vorstellen, an diesem Schreibtisch zu sitzen und, wie Sybil, hier Stunden damit zu verbringen, Briefe zu schreiben. Von Hand und mit einem edlen Füller auf ganz besonderem Papier. Regelmäßig macht sie das. Mehrmals in der Woche und gerne auch mal zwischendurch, wenn ihr grade was auf der Seele liegt und sie nicht warten kann, es loszuwerden.

Die Adressaten sind ganz unterschiedliche Menschen, viele von ihnen kennt sie gut, ist ihnen innig verbunden, manche zählen zu ihrer beruflichen Vergangenheit als Juristin und persönliche Referentin eines renommierten Richters, manchmal schreibt sie aber auch einfach mal an eine Autorin oder einen Autor, um sich zu deren/ dessen neuestem Werk zu äußern. Egal ob positiv oder negativ, ihre Kritik ist immer wohl begründet und sachlich, nie persönlich verletzend. Das liegt Sybil fern. Das Lesen ist eine weitere ihrer Leidenschaften, nicht selten endet ein Brief mit „Ich lese übrigens grade …. Was liest du?“. Genau wie das Gärtnern. Ihr Garten wird allgemein als wunderschön und sehr gepflegt bezeichnet.

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Adler-Olsen, Holm, Bolther: Tote Seelen singen nicht

Millionen begeisterter Leser, die glaubten, die Kriminalreihe über Carl Mørck wäre nach zehn Fällen beendet, können sich freuen. Die Saga wird fortgesetzt.

Doch diesmal geht es nicht um ein Jahre zurückliegendes, unaufgeklärtes Verbrechen, sondern um aktuelle Morde, deren Spuren weit in die Vergangenheit zurückreichen. Als sich durch Zufall herausstellt, dass ein Notruf Jahre zuvor unerhört blieb und ein vermeintlicher Selbstmord keiner war, beginnt das Dezernat Q zu ermitteln.

Auch handelt es sich hier nicht um ein klassisches Who-done-it. Der Täter ist von Beginn an bekannt: Jakob Solvig, alias Gade, einst Ziel grausamen Mobbings durch vier Mitschüler an einer Musikschule. Im Prolog erscheint es zunächst, als sei er 1989 infolge der Misshandlungen ertrunken, doch schon auf Seite 45 hantiert er 34 Jahre später mit Sprengstoff.

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Klaus Brinkbäumer: Zeit der Abschiede: Sieben Jahre des Loslassens und Wiederfindens

Der Autor und Journalist Klaus Brinkbäumer hat seinem autobiografischen Buch den Titel Zeit der Abschiede gegeben. Seine Geschichte ist „… eine über Abschied, über Brüche, über den permanenten, täglichen Umbruch, über das Ende, das Sterben, das Leben.“ (S. 71 pdf-Datei)

Als Klaus Brinkbäumer beim letzten Atemzug seiner Mutter nicht da ist, ist er wütend und untröstlich zugleich. Er, das Mutterkind, verliert gleichzeitig ihre uneingeschränkte Liebe und Bestätigung. Nun wird er nicht mehr ihr herzallerliebster Sohn und Held sein. Kann man noch Sohn sein, wenn die Mutter verstorben ist? Kann man sich noch als Sohn fühlen, wenn man am Tag X in die Reihe der ältesten Generation gerückt ist? Wenn zum Beispiel die anderen Lebensrollen wie Ehemann, Vater und Großvater den Alltag bestimmen?

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John Boyne: Luft

John Boynes Novelle „Luft“ markiert den Abschluss seines vierteiligen „Elements“-Zyklus – einer Reihe, die sich mit Schuld, Trauma und der Möglichkeit von Heilung beschäftigt. Sie verbindet emotionale Intensität und moralische Tiefe zu einem leisen, aber eindringlichen Finale.

Inhalt und Thematik von „Luft“

Im Zentrum von „Luft“ steht Aaron Umber, ein Psychologe, der mit seinem jugendlichen Sohn Emmet per Flugzeug von Sydney nach Dublin reist. Während der Reise ringt Aaron mit den Geistern seiner Vergangenheit – einem sexuellen Missbrauch, den Boyne ebenso respektvoll wie schonungslos in „Feuer“ beschrieben hat. 

Anders als in „Feuer“ oder „Erde“, die mit moralischer Unklarheit und den Abgründen der Mittäter arbeiten, richtet „Luft“ den Blick konsequent auf das Opfer – was der Geschichte Sanftheit, aber auch weniger Spannung verleiht. Doch diese ruhigere Tonlage unterstreicht die Reifung des Zyklus: Aus der Wut und dem Schmerz der früheren Bände erwächst hier zarte Hoffnung. Die Dialoge zwischen Vater und Sohn bilden die emotionalen Höhepunkte.​

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John Boyne: Feuer

John Boynes Roman „Feuer“ (Original: „Fire“) beleuchtet die Schattenseiten der menschlichen Natur anhand der Geschichte von Dr. Freya, einer Chirurgin an einer Londoner Klinik, die sich der Hauttransplantation verschrieben hat. Hinter ihrem beruflichen Erfolg und dem gesellschaftlichen Ansehen verbirgt sich jedoch ein Trauma aus ihrer Kindheit – ein furchtbares Erlebnis, das ihr Leben geprägt hat und alte Rachegefühle in ihr weckt. Boyne stellt mit klugem Blick die unbequeme Frage, was Schuld bedeutet, wenn Opfer selbst zu Tätern werden.

Inhalt und Aufbau

Der Roman ist Teil von Boynes Erzählprojekt „Die Elemente“ und funktioniert gleichzeitig als Einzelwerk wie auch als Teil einer thematischen Serie. Freya, die Protagonistin, wirkte nach außen hin erfolgreich und souverän, doch innerlich ringt sie mit den Folgen eines brutalen Streichs aus ihrer Jugendzeit. Freyas Weg ist geprägt von dem Versuch, Kontrolle über ihr Schicksal zurückzugewinnen. Boyne erzählt diese Entwicklung mit großer psychologischer Tiefe und wechselt zwischen gnadenloser Offenheit und berührenden, nachdenklichen Passagen.

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John Boyne: Erde

John Boynes Roman „Erde“ ist der zweite Band seines ambitionierten „Elemente“-Projekts und schildert die Geschichte von Evan Keogh, einem gefeierten Fußballprofi, dessen glänzende Karriere durch einen Skandal abrupt ins Wanken gerät. Boyne verknüpft dabei zwei zentrale Handlungsebenen: Evans Weg von der bedrückenden irischen Inselkindheit bis hin zum Luxusleben in London – und eine dramatische Gerichtsverhandlung, in der es um Missbrauchsvorwürfe geht.

Stilistisch liefert Boyne wie gewohnt eine dichte Erzählung: Seine Sprache ist klar, die Dialoge sind pointiert. Dass sich die Geschichte in der Fußballwelt abspielt und dabei das toxische Maskulinitätsklima ungeschönt offenlegt, gibt „Erde“ seine gesellschaftliche Relevanz und unmittelbare Aktualität. Die Gerichtsverhandlung, die im Zentrum des Romans steht, zieht Leserinnen und Leser unweigerlich in einen Moralkonflikt.

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Lenz Koppelstätter: Was am Ufer lauert

Eine unbekannte Frauenleiche, ein Entführungsversuch und geheime Schriften Winston Churchills, die womöglich die Weltgeschichte verändern könnten: Gianna und ihre Familie geraten erneut in brisante und spannende Ermittlungen.

Gianna Ptiit soll auf Bitte ihres Vaters einen Informanten am Ostufer treffen. Doch dort scheint niemand zu sein – bis sie im Wasser etwas treiben sieht: eine Frauenleiche. Bei ihr findet sie eine CD-ROM-Hülle mit der Aufschrift Churchills Geheimnis. Gemeinsam mit ihrem Vater, ihrem Onkel, dem Marchese Francesco, und der Chefredakteurin Elvira Sondrini versucht die Reporterin herauszufinden, was es mit der Toten und der rätselhaften Hülle auf sich hat.

Lenz Koppelstätter knüpft mit dem Krimi Was am Ufer lauert nahtlos an den Vorgänger Was der See birgt an – daher empfiehlt es sich, die Bücher in dieser Reihenfolge zu lesen.

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Heike Specht: Die Frau der Stunde

Heike Specht kann also auch Roman! Wie in ihren bisherigen Büchern auch geht es auch hier um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Diesmal allerdings handelt es sich nicht um real existierende Persönlichkeiten der näheren und ferneren Vergangenheit, die sie porträtiert, sondern es geht in ihrem ersten Roman um eine fiktive Frau, die für das steht, was vor 50  Jahren noch fast undenkbar war! Eine Frau macht Karriere in der Politik! Und das nicht nur als Abgeordnete im Bundestag, das gab es durchaus, wenn auch nicht in bedeutender Anzahl, 1978 waren es 38 bei insgesamt 518 Abgeordneten. Zum Vergleich: heute sind es 204 Frauen bei 630 Abgeordneten insgesamt.

Von den ersten Seiten an, hat man den Eindruck, die Autorin hätte die Zeit damals „live und in Farbe“ miterlebt und berichte für eine renommierte Zeitung oder einen Sender aus der Zeit. So authentisch, realistisch, süffisant und doch knallhart kann eigentlich nur jemand schreiben, der die Zeit erlebt hat. Aber dazu ist die Autorin viel zu jung. Dennoch fühlt man sich von Anfang an mittendrin im „Bundesdorf“ Bonn mit seinen politischen Intrigen, Kleinkriegen, Hinterzimmermauscheleien und dem Kneipengemauschel.
Catharina Cornelius, liberale Abgeordnete, bekannt für ihren Fleiß, ihre Gründlichkeit und ihr Wissen darum, als Frau immer besser sein zu müssen als die beteiligten Männer, wird von einem Parteifreund und Freund, mit dem sie auch privat verkehrt, wie auch mit seiner charmanten, weltgewandten, intelligenten Ehefrau, eines Abends dringend zu ihm nach Hause eingeladen.

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Daniel Donskoy: Brennen

Der Debütroman des Schauspielers und Musikers Daniel Donskoy, Brennen, ist ein Roadtrip durch das Leben eines jungen Mannes, der vor allem eines möchte: sich lebendig fühlen.

In kurzen Episoden schildert er teils skurrile Begegnungen – etwa eine sizilianische Jagdgesellschaft, ein in Flammen stehendes Filmstudio nahe Auschwitz oder eine Nacht in Tel Aviv, die einst alles veränderte. Der Erzähler reflektiert dabei immer wieder über vergangene Zeiten und die Freundschaft zu einem gewissen Tyler, die nach Jahren wieder aufgenommen werden soll.

Kritisch fällt auf, dass Donskoy an manchen Stellen Gesprächs- und Gedankenpassagen einstreut, die durch ihre etwas pseudo-intellektuelle Färbung eher bemüht wirken. Seine Beschreibungen von Grenzübertritten, Übermut und Leidenschaft werden oft durch teils schwerfällige, selbstverliebte Sprachbilder ergänzt, was der Geschichte einiges von ihrer Kraft und Glaubwürdigkeit nimmt.

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Antje Huhs: Zuhause ist vorübergehend geschlossen

Inhalt

Antje Huhs schreibt in ihrem Roman humorvoll über aktuelle Themen: überfüllte Pflegeheime bei zu geringem Personalschlüssel und schlechter Bezahlung. Daraufhin streiken die Pflegekräfte, ein Notbetrieb findet kaum statt. Wohin nur mit den Bewohnern? Die Lösung: Privathaushalte sollen Pflegebedürftige aus den örtlichen Heimen aufnehmen. Und das kurz vor Weihnachten …

Rezension

Huhs Gedankenexperiment zeigt eine drastische Alternative zur Versorgung in Pflegeheimen – frei nach dem Motto: „Wer keine Oma oder keinen Opa hat, bekommt eine/n.“ Konflikte vorprogrammiert.

Die Narration ist aus verschiedenen Perspektiven beteiligter Personen geschrieben: eine Familie, die einen fremden älteren Herren aufnehmen muss; ein Pfleger und die Bürgermeisterin, die für die Verteilung der Pflegeheim-Bewohner zuständig sind. Das ermöglicht eine breitere Annäherung an das Thema. Jeder Protagonist geht anders mit dem hohen Konfliktpotenzial um.

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