Louise Kennedy: Übertretung

Bewegende Darstellung des Irland-Konflikts der 70er Jahre am Schicksal einer jungen Frau

Beim Lesen solcher Bücher, die sich mit historischen Ereignissen befassen, merkt man die Lücken im eigenen Wissen. Die Irin Louise Kennedy erzählt in ihrem Debütroman von den Geschehnissen und den immensen politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten in ihrem Land in den siebziger Jahren. Dabei war mir vieles, was sie schildert, zwar oberflächlich bekannt, in dieser Tiefe und Dimension war man sich dieser Dinge aber sicher nicht bewusst.

Dieser Umstand macht die Lektüre des Romans nicht einfach, aber umso wichtiger. Dankenswerterweise gibt es am Ende des Buches ein Glossar der Übersetzenden, welches einige der in der Landessprache verwendeten Begriffe erläutert.

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Alexa Hennig von Lange: Zwischen den Sommern

Wie konnte das Jahrhundertunglück des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts passieren? Was machte die Masse an Menschen, die weder mit dem System sympathisierten, noch in den Widerstand gingen? Im zweiten Teil ihrer Trilogie nach „Die karierten Mädchen“ zeichnet Autorin Alexa Hennig von Lange anhand den Tonband-Aufzeichnungen ihrer Großmutter das Bild einer verlorenen Generation nach. Von Menschen, die weder Helden noch Verbrecher waren, die einfach nur weitermachten, Tag für Tag, um sich und ihre Familien zu schützen. Von Menschen, die aus lauter Scham ihr Leben lang nicht über jene Zeit reden wollten. „All die Ämter und Funktionen, die einzunehmen, die Ehrenauszeichnungen, die zu erreichen waren, all die Verdienste für das deutsche Volk. Sie hatten sich alle davon blenden lassen – und nun saßen sie in verdunkelten Häusern. Längst ging es nur noch um das nackte Überleben und nicht mehr um das, was irgendwann einmal nach dem Versprechen einer wunderbaren Zukunft geklungen hatte.“ (S.295)

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Gina LaManna: Drei Freundinnen

Unterhaltsamer Popcorn-Psychothriller

Geheimnisse wogen schwer.

Sie waren lebende, atmende Wesen, die wuchsen und sich mit der Zeit veränderten. Sie erstickten und erdrückten ihre Bewahrer; blähten sich vor Wut auf und sanken vor Depression in sich zusammen.“ (S. 96)

Die Autorin zaubert in ihrem Psychothriller „Drei Freundinnen“ pure Spannung aufs Papier – voller unerwarteter Wendungen, die einen regelrecht an die Seiten fesseln. Ich war gebannt darauf, wie sich die Geschichte entwickelt, daher habe ich das Buch nicht nur in Rekordgeschwindigkeit inhaliert. Nein, ich habe wirklich jeden Satz intensivst gelesen; buchstäblich, um nichts zu verpassen – und das ist bei mir eine Seltenheit! Denn wenn mich die Faszination nicht packt, was leider zu oft der Fall ist, verfalle ich automatisch ins Speed Reading.

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Tanja Schwarz: Vaters Stimme

Die deutsche Schriftstellerin Tanja Schwarz (Jahrgang 1970) schrieb 2021 die vielversprechenden Erzählungen „In neuem Licht“. Die Frauenfiguren darin mühen sich im Alltag ab: mit ihren Kindern, ihren Partnern, ihren Eltern, mit fremden Menschen. Und immer wieder bringen sie sich in noch anstrengendere Situationen. Und so ergeht es auch ihrer Hauptfigur in dem neuen Roman „Vaters Stimme“, der am 21. August bei hanserblau im Carl Hanser Verlag erschienen ist.

Nina ist Ende vierzig. Sie lebt in Hamburg getrennt von Ron, dem Vater ihres Sohnes Lenny. Beruflich ist sie viel unterwegs. Lenny wächst bei seinem Vater auf. Ninas psychisch kranke Mutter lebt in Süddeutschland, auf der Schwäbischen Alb. Ihren Vater hat sie vor 25 Jahren das letzte Mal gesehen. Sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen. Eines Tages schlägt Lenny vor, den ihm unbekannten Opa anzurufen.

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Anne Weiss: Der beste Platz zum Leben

Wohnen bedeutet nicht nur, seine Sachen für eine gewisse Zeit irgendwo unterzustellen und abends immer an die selbe Stelle zum Schlafen zu kommen. Wir alle wissen, wohnen ist enorm wichtig für unser psychisches Wohlbefinden, kann krank machen oder glücklich, definiert unseren sozialen Status, zeigt uns und anderen, wer wir sind. Es trifft uns ins Mark, wenn wir wohnungslos werden. Aber gerade davon sind aktuell viele Menschen bedroht, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können.

Anne Weiss ist knapp fünfzig und zweiundzwanzig Mal umgezogen. Es gab unterschiedliche Gründe, warum sie ihr Zuhause so oft gewechselt hat. Am Beginn des Buches lebt sie in einer Substandardwohnung in Berlin, unendlich heiß im Sommer, eiskalt im Winter, mit einem Loch in der Decke, durch das es bei Regenwetter tropft. Auf der Suche nach dem idealen Lebensort für die Zukunft probiert sie unterschiedliche Wohnformen aus und schreibt darüber dieses Buch.

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Michiko Aoyama: Frau Komachi empfiehlt ein Buch

Fünf einzelne Geschichten um Menschen, denen ein Buch aus der Misere hilft

Die Beschreibung dieses Buches erinnerte mich ein wenig an „Kleine Wunder nach Mitternacht“ von Keigo Higashino, ein Buch, das ich sehr geliebt habe. Weshalb ich mit entsprechenden Erwartungen an das Buch von Michiko Aoyama heranging, die sich leider nicht erfüllten.

Denn am Ende ließ mich das Buch – einen Roman möchte ich es fast nicht nennen, denn es sind einzelne Geschichten, die nur durch die Bibliothekarin Komachi miteinander verbunden sind – etwas ratlos zurück.

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Lara Elena Donnelly: Amberlough: Stadt der Sünde

Willkommen in Amberlough, einer Metropole in einem Reich, in dem es gärt. Ein Reich, das aus vier selbständigen Provinzen besteht, ein Reich, in dem eine Einheitspartei anstrebt, die Macht an sich zu reißen.

Doch bevor die Nationalisten, die mit allen Mitteln, seien sie legal oder nicht ganz koscher, ihr Ziel zu erreichen suchen, wird noch einmal gefeiert. Im Bumble Bee Cabaret, dem angesagtesten Nachtclub der Stadt, treffen sich alle, die Rang und Namen, Einfluss oder Vermögen haben. Hier vergisst man für ein paar Stunden die drohende Machtübernahme der Faschisten, hier ist die freie Liebe noch wirklich frei, denkt sich niemand etwas bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

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Karen M. McManus: One Of Us Is Back

Sommerferien und alle kommen wieder in Bayview zusammen. Es könnte so schön sein: Endlich wieder mit seinen Freunden vereint, lange Tage am Strand – wäre da nicht ein riesiges Problem, das auf Bronwyn, Nate und ihren Freunden lastet, ganz besonders auf Addy. Denn Jake wird aus dem Gefängnis entlassen, sein Prozess soll aufgrund eines bürokratischen Fehlers neu aufgerollt werden. Nun läuft er als der gute Junge von nebenan wieder durch die Straßen der Stadt. Der Jake, der Simon bei seinem Plan geholfen und Nate ins Gefängnis gebracht hat. Der versucht hat, Addy umzubringen.

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Victoria Kielland: Meine Männer

Der Roman „Meine Männer“ von Victoria Kielland baut seine Geschichte auf dem Fundament einer altbekannten Tragödie auf: Brynhild, eine junge, schöne Magd, wird vom Hoferben verführt. Im Vergleich zu der unbedarften Siebzehnjährigen hat er in solchen Dingen Übung. Der Hoferbe zeigt ihr, wie bedingungslose Liebe funktioniert, und die junge Magd glaubt ihm, bis sie schwanger wird. Die Hoffnung, an seiner Seite Bäuerin zu werden und auf der sozialen Leiter aufzusteigen, stirbt unter seinen Fäusten und Fußtritten.

Die Wende zu etwas Neuem beginnt mit Brynhilds Flucht zu ihren Eltern, wo sie die Enge und Armut nicht mehr aushalten kann. Zum Glück hilft ihre älteste Schwester aus Amerika. Die schwangere Brynhild verlässt Norwegen 1876, um mit der Überfahrt nicht nur neue Ufer, sondern auch endlich Glück im Leben zu finden. Bei ihrer Ankunft ändert Brynhild ihren Namen. Sie will Bella heißen und Jahre später Belle.

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Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit

Gabriele von Arnim widmet sich in ihrem Buch dem Begriff „Schönheit“. So viel Schlimmes passiert in der Welt, so viel Schreckliches, Hässliches geht um. Man möchte, laut von Arnim, verzagen, verzweifeln, gäbe es nicht auch immer wieder Schönheit. Sie steckt oft in ganz banalen, alltäglichen Dingen. In unvergleichlich ästhetischen sprachlichen Bildern umkreist Gabriele von Arnim den Begriff von allen Seiten und bringt ihre Gedanken dazu zu Papier.

Sie beschäftigt sich mit Zitaten wie „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, „Beauty is perhaps a dangerous possession“ (Agatha Christie) oder „Schönheit ist lebensnotwendig.“ (Semir Zeki) und stellt immer wieder fest, wie sehr wir den Trost der Schönheit brauchen. Frau von Arnim setzt sich mit dem Alter auseinander, mit Fühlen und Gefühllosigkeit, mit der Trias vom „Wahren, Guten und Schönen“, mit der Makellosigkeit zurechtgeschnitzter Frauengesichter, mit Angst, Kunst und Kultur und immer wieder betont sie die Bedeutung von Schönheit für unser emotionales Überleben als Mensch.

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