Das Leben könnte ach so schön sein – wenn es da nicht zu jeder Zeit und überall Menschen gäbe, die sich bereichern, ihre Macht ausweiten und andere beherrschen wollen.
Zu diesen Gestalten gehört die weiße, selbst gekrönte Kaiserin. Nachdem sie ihr eigenes Königreich in einem Handstreich an sich gerissen hat, entsendet sie ihre Schergen, allen voran die Wilde Jagd, um auch die übrigen Reiche der Welt zu unterwerfen. Die Untoten dieser Jagd ziehen mordend durchs Land, schleifen Befestigungswälle und Burgen, hängen Adelige und Herrscher am Strick auf und köpfen besonders renitente Gegner mit Vorliebe gleich selbst.
Jene Gefangenen, die über eine – wie auch immer geartete – Gabe verfügen, werden entweder korrumpiert und ihren Truppen einverleibt oder ihnen wird, sicher verwahrt in einem Stahlkäfig, ihre Begabung mittels einer dunklen Spindel entrissen.
Der Plan der Kaiserin ist ebenso simpel wie grausam: Alle überlebenden Begabten sollen ihr willenlos dienen, allen potenziellen Gegnern werden Kräfte wie magische Utensilien genommen. Dass diese dabei häufig sterben, nimmt sie lachend in Kauf.
Tristan, Pflegesohn des tapferen – und bedauerlicherweise höchst toten – Schneiders Streich, macht sich zunächst, begleitet von einer Metzgerin und einer Werwölfin ohne Magie, auf, der Schneewitwe entgegenzutreten. Von Propheten ausgesandt, folgen sie einer Aufgabe, die sie eigentlich gar nicht übernehmen wollen. Doch Schicksal und Nornen haben anderes beschlossen.
Auf ihrem Weg begegnen ihnen zahlreiche aus Märchen bekannte Figuren. Sie finden Freunde und Verbündete – und noch sehr viel mehr Feinde. Sehr viel mehr? Nun ja, eigentlich scheint das gesamte Königreich bemüht zu sein, sie zu fassen und vom Leben in den Tod zu befördern. Dies ist ihre Geschichte …
Die Gebrüder Orgel legen hier ihr neuestes Werk vor: einen Einzelroman, dem Heyne die Weihen des Hardcovers verliehen hat. Ein Roman, der – um es vorwegzunehmen – unterhaltsam, kurzweilig und mit spritzigen Ideen versehen die Lesenden mühelos in seinen Bann zieht.
Anders als viele ihrer Kollegen erzählen die Orgels kein bekanntes Märchen in leicht abgewandelter Form neu. Stattdessen präsentieren sie eine klassische Heldenqueste mit unwilligen Akteuren, zahlreichen Anspielungen auf bekannte Märchenfiguren und einer gehörigen Portion Humor.
Genau diese Zutaten wissen sie geschickt einzusetzen: die cleveren Variationen des Märchenhaften, die inneren Spannungen der Heldengruppe und der Versuch eines ängstlichen Protagonisten, über sich hinauszuwachsen und Führungsstärke zu entwickeln, machen die Figuren schnell sympathisch. Das Ergebnis liest sich flott und vergnüglich, ohne stilistisch oder inhaltlich übermäßig zu fordern.
Die Orgels wollen eine Auszeit vom oft tristen, deprimierenden Alltag bieten – und genau das gelingt ihnen ausgesprochen gut.
T. S. Orgel: Deadly Ever After – Blut und Schnee
Heyne Verlag, Februar 2026
607 Seiten, gebundene Ausgabe, Euro 24,00
Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.
