Simon Latch, Provinzanwalt in Braxton, einer Kleinstadt in Virginia, hat seine liebe Müh mit seinem Leben: eine schlecht gehende Praxis, eine teure Scheidung, drei Kinder mit geldverschlingenden Hobbys und Ambitionen, Wettschulden, das Konto hoffnungslos überzogen. Plötzlich hellt sich der Himmel auf in Gestalt der 85-jährigen Witwe Eleanor Barnett, für die Simon ein Testament aufsetzen soll. Als sich herausstellt, dass sie über ein millionenschweres Erbe verfügt und sie bereits ein Testament bei einem windigen Konkurrenten gemacht hat, der sich rechtswidrig ihre riesigen Aktienpakete unter den Nagel reißen wollte, sieht er seine Chance.
Allerdings ist auch sein Testament alles andere als standesrechtlich sauber. Zwar baut er Spenden an gemeinnützige Organisationen ein, aber in erster Linie will er an die Millionen, die ihn von allen Sorgen befreien würden. Er freundet sich mit Eleanor an, führt sie großzügig zu zahlreichen Restaurantbesuchen aus und setzt alles daran, ihr Vertrauen zu gewinnen. Aber warum zeigt sie ihm nicht ihr Portfolio? Warum hat sie noch keine seiner Rechnungen bezahlt? Gründe, misstrauisch zu sein, gibt es genug. Doch Simon will ihr glauben. Seine Gier, sein Traum vom großen Reichtum behält die Oberhand.
Und dann verursacht Eleanor einen Unfall, stirbt wenig später im Krankenhaus an einer Thalliumvergiftung, und Simon wird des Mordes aus Habsucht angeklagt. Alle Indizien sprechen gegen ihn.
Grisham, früher selbst als Anwalt tätig, ist berühmt für seine juristischen Inszenierungen, die typisch sind für amerikanische Gerichtsverfahren. Doch diesmal verzichtet er weitestgehend auf seine effektvollen, theatralischen Duelle, auf rhetorisch brillante Gefechte und einen dramatischen Showdown.
Die erste Hälfte ist stattdessen ganz dem Protagonisten gewidmet, aus dessen Sicht die Geschehnisse geschildert werden, und für den die Leser trotz seiner fragwürdigen Charaktereigenschaften Sympathie entwickeln. Denn Simon ist kein eindimensionaler Charakter – das sind Grishams Hauptfiguren nie. Er hat positive Seiten und befindet sich in einer nachvollziehbar verzweifelten Lage. Da kann man für seine testamentarischen Tricks durchaus Verständnis haben, insbesondere in Anbetracht so mancher ebenso fragwürdiger Eigenarten des amerikanischen Rechtssystems. Und nun sitzt er unschuldig auf der Anklagebank, nicht nur von der Staatsanwältin, sondern von der ganzen Stadt und den Medien vorverurteilt.
Dann folgt der Mordprozess, der gewohnt detailreich, aber völlig undramatisch geschildert wird. Und erst danach beginnt die Suche nach dem wahren Täter. Insofern ist »Das Vermächtnis« kein klassischer Whodunit. Weder stehen die Ermittlungen (der Polizei, eines Detektivs oder der fälschlich verdächtigten Person) im Zentrum, noch gibt es zahlreiche andere Verdächtige. Zwar gibt es die eine oder andere suspekte Figur, deren mögliche Verwicklung in den Mord an Eleanor Barnett allerdings erst im letzten Viertel nachgegangen wird. Und dann geht alles rasant dem Ende entgegen. Auf wenigen Seiten wird verdächtigt, blitzschnell entlastet und dann ist der/die Täter/in auch schon gefunden.
Der Schwerpunkt liegt nicht auf dem Verbrechen, auf dem Fall und seiner Aufklärung, sondern auf den Charakteren, ihrer Geschichte, ihren Hoffnungen, Enttäuschungen und Verstrickungen. Bemerkenswert sind Grishams Hauptfiguren auch in diesem Roman insofern, als es keine ›Guten‹ oder ›Bösen‹ gibt; sie sind weder rundum sympathisch noch schlicht widerwärtig. Die Grenze zwischen Opfer und Täter, zwischen schuldig und unschuldig ist schmal und fließend. Sicher ist in Grishams Kleinstadtamerika nichts und niemand.
John Grisham: Das Vermächtnis
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Imke Walsh-Araya und Bea Reiter
Heyne, März 2026
480 Seiten, Hardcover, 24,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
