Romy Fölck: Das Licht in den Birken

Stilistisch und inhaltlich gescheiterter Roman, der keine Erwartungen erfüllt

Was laut Klappentext wie die vielversprechende Geschichte dreier Menschen klingt, die sich gegenseitig bei der Lösung ihrer Probleme helfen, entpuppt sich leider als schlecht geschriebener, schlecht konstruierter und schlecht ausgearbeiteter Roman.

Thea kehrt, zusammen mit zwei Ziegen, nach über zwanzig Jahren, die sie in Portugal verbrachte, nach Deutschland zurück. Dorthin, wo sie herkam, einem Ort in der Lüneburger Heide. Sie mietet sich bei Benno ein, der wie sie Mitte oder Ende Fünfzig ist und seinen Hof, auf dem er viele ausgemusterte Tiere betreut, allein betreibt. Benno kämpft mit einem Schuldenberg, mit seiner Einsamkeit und der ebenfalls seit zwanzig Jahren bestehenden Trennung von seinem Sohn. Während Thea ihrer Ziehtochter Annika nachtrauert, der Tochter ihres früheren Lebensgefährten, mit der sie seit der damaligen Trennung von ihm keinen Kontakt mehr hatte.

Als Dritte taucht schließlich auf dem Hof die junge Juli auf, die allein von zu Hause nach Amsterdam laufen wollte, durch einen Unfall aber erst einmal nicht weiter kann. Sie wiederum hat Probleme mit ihrer Mutter, deren Ursache aber irgendwie nie so richtig herauskommt.

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Ingo Scheel: Schlussakkord: Wie Musiklegenden für immer verstummten

„Schlussakkord“ wird beworben als Buch für „Musikliebhaber und True-Crime-Fans“. Ich bin beides nicht und trotzdem fand ich das Buch großartig. Das liegt vor allem daran, dass man von den meisten beschriebenen Künstlern schon mal irgendwie was gehört hat, aber auch an Ingo Scheels mitreißendem Schreibstil. Trotz des morbiden Themas machte es einfach Spaß, ihm durch die Jahrzehnte zu folgen. Es geht natürlich um den „Forever 27 Club“, aber auch um Musiker, die ein paar Jahre mehr geschafft haben oder auch weniger. Beschrieben sind die letzten Tage oder auch Stunden von Brian Jones, Cathy Wayne, Bobby Fuller, Alexandra, Cliff Burton, Eddie Cochran, Buddy Holly, Otis Redding, Sam Cooke, Darrell Banks, Marvin Gaye, Christina Grimmie, John Lennon, Sid & Nancy, Kurt Cobain, Jimi Hendrix, Janis Joplin, »Mama« Cass Elliot, Keith Moon, Nick Drake, Amy Winehouse, Joe Meek, Mal Evans, GG Allin, Michael Hutchence , Whitney Houston, Jim Morrison, Bob Marley, Nico und Scott Weiland.

Am Anfang mancher Kapitel gibt es Illustrationen der Musiker von Oliver Schmitt, die die besprochenen Musiker zeigen. Einige kannte ich, von anderen hatte ich noch nie gehört. Ein Tipp: Am Ende des Buches gibt es einen Link zu einer Spotify-Playlist. Leute, so was gehört an den Anfang eines Buches, damit der Leser sich nicht mühsam jeden angesprochenen Song bei Spotify heraussucht, um am Ende festzustellen, dass das schon jemand getan hat. Denkt doch auch mal an die E-Book-Leser, die nicht zuerst einfach mal durchblättern. Ingo Scheel beschreibt das Wirken und Sterben der Künstler nämlich interessant genug, dass man neugierig wird und eben sucht.

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Valerie Wilson: Todesblues: Ein Fall für Tamara Hayle

Bevor Tamara Hayle Privatdetektivin wurde, war sie Polizistin. Sie weiß genau, wie diskriminierend ein weißer Polizist sein kann. Sie war in ihrem Revier die erste farbige Polizistin und hielt irgendwann die versteckten und direkten Angriffe nicht mehr aus. Seit dieser Entscheidung vertritt sie die Seite der Schwachen.

Die erfolgreiche Autorin Valerie Wilson war vor der Veröffentlichung ihres ersten Detektivromans Chefredakteurin bei der Zeitschrift Essence. Der erste Band mit der mutigen Tamara Hayle erschien 1994 mit dem deutschen Titel „Ein Engel über deinem Grab“. Ihr vierter (eigenständiger) Band, No Hiding Place, mit dem deutschen Titel Todesblues, erschien erstmalig 1997. Im Zentrum dieser Geschichte steht die Verkettung von Ereignissen, aus der sich weder Schuldige noch Opfer befreien können.

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Annie Ernaux: Eine Leidenschaft

Im Jahr 2022 wurde Annie Ernaux der Literaturnobelpreis verliehen.

Ihre zweiundzwanzig Bücher sind autobiografisch geprägt und in über sechzig Sprachen übersetzt.

In Eine Leidenschaft beschreibt sie das bedingungslose Verzehren nach einem Mann, einer Affäre, die über zwei Jahre andauerte und an Selbstaufgabe grenzte. Alles bündelt sich für wenige Stunden, an unbestimmten Tagen, im gegenseitigen körperlichen Begehren. Die Tage dazwischen lechzt die Ich-Erzählerin unter Sehnsuchtsängsten und seelischen Qualen dem nächsten Treffen entgegen.

Es ist keine Verbindung für eine gemeinsame Zukunft. Ihr Liebhaber ist verheiratet, lebt in Osteuropa und kommt nur geschäftlich gelegentlich nach Paris. Ein kurzer Aufenthalt, bei dem sie sich treffen. Ihre Unterhaltungen sind unbedeutend, eher oberflächlich. Ihr Treffen ist die Erfüllung ihrer Sehnsucht und bedingungslose Hingabe. Die Zeit dazwischen nichts als schmerzhafte Entbehrung. Nichts in der Welt hat noch irgendeine Bedeutung außer ihrer Zweisamkeit. Ihr gesamtes Leben ist nur auf diesen Mann fixiert. Nichts außer ihrer überbordenden Liebe für ihren Liebhaber hat noch irgendeine Bedeutung. Ihr Leben ist in einem Kokon gefangen, aus dem es kein Entkommen gibt.

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Sia Piontek: Die Sehenden und die Toten

…. „vermute ich, dass jemand den Augapfel einfach aufgestochen und dann die Masse rausgedrückt hat. Danach kann man den Sehnerv und die Augenmuskeln zum Beispiel mit einer kleinen Schere durchtrennen. …“

Wenn das für Sie zuviel ist, dann sollten Sie es sich überlegen, ob Sie diesen Krimi wirklich lesen möchten. Andererseits, wenn Sie bis hierhin gekommen sind, haben Sie schon 65 Seiten gelesen. Oder verschlungen. Aus der Hand legen, fällt schwer, wenn man erst mal angefangen hat. Finde ich. Zimperlich ist sie nicht in ihren Beschreibungen, das muss man der Autorin lassen! Aber ihr Stil ist schnörkellos, fesselnd und die Story von den ersten Seiten an packend. Und Beschreibungen wie die oben zitierte kommen dann auch eher nicht mehr vor.

Es muss etwas Gravierendes gewesen sein, das Carla Seidel, Kriminalhauptkommissarin aus Hamburg ins Wendland verschlagen hat – und dann noch als einfache „Dorfpolizistin“ nach Danneberg. Wer macht das freiwillig? Und mit einer 17-jährigen Tochter, die doch bestimmt lieber in der Stadt leben würde als auf dem platten Land? In Randbemerkungen, Nebensätzen, Erinnerungsfetzen erfahren wir so nach und nach, was Carla und Lana veranlasst hat, die Großstadt zu verlassen. Carla findet sich mehr oder weniger ab mit Knöllchen und kleinen Delikten, Lana ist verschlossen, eine Einzelgängerin, aber nicht unbeliebt an der neuen Schule.

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Linus Geschke: Wenn sie lügt

Waldesroda – das hört sich nach Wohnen im Grünen an, nach Idylle und einem kleinen Dorfkern mit netten Cafés. So ist es irgendwie auch und trotzdem hat beinahe eine ganze Clique direkt nach dem Abi dem Ort den Rücken gekehrt und ist in die Welt geflohen. Das hatte mit dem Mord an einem ihrer Pärchen zu tun, aber auch damit, dass die Gruppe begann zu zerfallen, als Norah David kennenlernte. Ausgerechnet der, der sich niemals in die Gruppe einfügen wollte – und auch nicht sollte – hat Anna und ihren Freund auf einem abgelegenen Wanderparkplatz getötet. Nach beinahe zwanzig Jahren kehrt Norah zurück, eröffnet eines von den netten Cafés und glaubt die Vergangenheit vergangen.

Goran verschlägt es aus Berlin zurück, als seine Zieh-Mutter, Norahs Mutter, ihn um Hilfe bittet, weil Norah Drohbriefe bekommt – von David. Aber das kann nicht sein, denn der ist kurz nach den Morden in der Ostsee ertrunken, zumindest glauben das alle.

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Trude Teige: Das Haus der Lügen

Solider Krimi aus Norwegen um verzwickt miteinander verbundene Fälle

Die norwegische Autorin, die ich bisher nur aus ihren eher psychologischen Romanen über Ereignisse im Zweiten Weltkrieg kenne, legt mit diesem Buch einen weiteren Krimi mit der Journalistin Kajsa Coren im Mittelpunkt vor. Die Vorgängerbände kenne ich daher nicht, das braucht es auch nicht zum Verständnis dieses in sich abgeschlossenen Kriminalromans.

Es ist ein konventionell gestrickter Krimi, der sich insbesondere mit mehreren Fällen von Vergewaltigung beschäftigt. Kajsa frühere Freundin Anki wurde nachts in ihrem eigenen Haus überfallen und ist seither traumatisiert. Dabei war sie bereits vorher durch verschiedene Ereignisse in ihrer Vergangenheit, die nach und nach zutage treten, psychisch und physisch sehr stark beeinträchtigt.

Kajsa beginnt auf Ankis Wunsch, einen Dokumentarfilm über diese zu drehen und fängt dadurch immer mehr an, an deren bisherigen Erzählungen über ihre Familie und ihr Leben zu zweifeln.

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Pierre Martin: Madame le Commissaire und das geheime Dossier

Madame le Commissaire Isabelle Bonnet sucht in ihrem elften Fall nach einem geheimen Dossier, das einem Staatssekretär des französischen Außenministeriums abhandengekommen ist. Der gute Mann hat das strengstens geheime Ding in sein Ferienhaus in die Provence mitgenommen. Bei dem dortigen Treffen mit seiner Geliebten wurden beide aber durch ein Gas betäubt, der Safe aufgebrochen und allerlei geraubt. Darunter das Geheimdossier in einer roten Mappe. Isabelle Bonnet lebt nicht weit vom Tatort an der Côte d´Azur und ist in dem Städtchen Fragolin die Chefin der Polizeistation. Sie hat allerdings einmal eine Anti-Terroreinheit geleitet, Kontakte bis in höchste Kreise und eine Verbrechens-Aufklärungsquote von 100 Prozent. „Paris“ beauftragt sie mit den Ermittlungen. Die Sache bekommt eine brisante Wendung, denn der Staatssekretär wird ermordet.

Isabelle Bonnet fährt in diesem Buch sehr viel Motorrad – eine beschlagnahmte und ihr zur Verfügung gestellte Harley-Davidson – trinkt einiges an Wein und kommt in ihrem Fall 150 Seiten lang nicht recht voran. Privat gerät ihre Beziehung zu dem Maler CLAC wegen gegenseitigen Desinteresses zunehmend in Auflösung, ihr Gelegenheitslover Rouven ist mit einer Staranwältin verlobt, mit der sie sich ausgezeichnet versteht, aber ein neuer Lover zeichnet sich ohnehin schon ab am Horizont. Ein top aussehender Schauspieler mit Weingut nicht weit von ihrem Wohnort entfernt.

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Claire Douglas: Girls Night – Nur eine kennt die ganze Wahrheit

Vor zwanzig Jahren war Olivia die Fahrerin. Sie hat nichts getrunken, sie soll ihre drei besten Freundinnen nach Hause fahren. Nur verursacht sie im Wald auf einer einsamen Landstraße einen Unfall. Sie wird schwer verletzt und ihre drei Freundinnen sind danach spurlos verschwunden.

Auch nach zwanzig Jahren hat die Kleinstadt, an deren Rande sie mit ihrer Mutter ein Gestüt betreibt, ihr das nicht verziehen. Noch immer ist sie die, die damals die Mädchen totgefahren hat. Noch immer wird getuschelt, wenn sie durch den Ort geht, noch immer reden die Eltern der Freundinnen nur ungern oder gar nicht mit ihr.

Die Journalistin Jenna will einen True-Crime-Podcast über die Ereignisse damals machen und mietet sich zu diesem Zweck in einer Ferienhütte ein. Jenna fungiert in dieser Geschichte als Ich-Erzählerin und man merkt, dass sie nicht aus der Gegend kommt. Nur so kann sie unbefangen auf die Kleinstadtbewohner zugehen und ihre Fragen stellen, auch wenn zu Anfang nicht jeder mit ihr reden mag. Nach und nach taut sie den einen oder anderen Einwohner auf und besonders der Polizist, der damals im gleichen Alter wie die Mädchen war, scheint eine gute Quelle zu sein.

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Eshkol Nevo: Trügerische Anziehung

Faszinierend, mehrdeutig und brillant geschrieben: Eshkol Nevos Prosa lässt auch nach dem Lesen noch lange nicht los. In drei Geschichten behandeln Themen rund um Liebe, Begehren, (Selbst-) Täuschung, Verlust. Nichts ist wie es scheint. Wer glaubt, den Plot einordnen zu können, sieht sich unverhofft mit einer neuen Ebene konfrontiert, die das Gelesene in ein neues Licht rückt. Daneben wirft der Autor ein vielschichtiges Bild auf das Leben im heutigen Israel zwischen Militärdienst, terroristischen Bedrohungen, Start-up-Stimmung und lebensfrohen Raves. Themen, die auf schmerzhafte Weise von der Realität eingeholt wurden.

Facetten der Liebe in drei faszinierenden Storys

In der ersten Geschichte zieht der 39-jährige Omri als Backpacker durch Bolivien, als Auszeit nach seiner Scheidung. Eine Aktivität, die Israelis normalerweise als „Jahr-nach-dem-Militärdienst“ unternehmen. Er trifft auf einer junges, frisch verheiratetes Ehepaar. Mit der Ehefrau Mor scheint etwas nicht zu stimmen, denn Flitterwochenglück sieht anders aus. Sofort fühlen sich die beiden zueinander hingezogen, auch dann, als Mors Ehemann auf mysteriöse Weise auf dem „Camino de los Muertos“ – der Straße der Toten – ums Leben kommt. Omri besucht Mor auf der Schi’wa, dem siebentägigen „Trauersitzen“. Eine tragische Beziehung nimmt ihren Lauf. Sind es wahre Gefühle oder benutzt die mysteriöse Mor Omri für eigene Zwecke?

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